Vor einem Jahr zu Weihnachten habe ich alle Festgeldkonten und Lebensversicherungen zusammengezählt. Dann habe ich mir überlegt, was wir zum Leben brauchen. Also, was unverzichtbar ist. Wohnung, Essen, bisschen Urlaub, Gartengeräte, Computerspiele fürs Kind. Dann habe ich diese Summe genommen, die wir zum Leben brauchen, und habe davon die Summe abgezogen, die das Kapital mir bringt, wenn ich es in aller Ruhe verfrühstücke, bei einer vorausgesetzten Lebensdauer von noch 540 Monaten. Die Differenz zwischen den beiden Summen ist das Geld, welches ich unbedingt, auf Biegen und Brechen, verdienen muss. Es ist überraschend wenig. Ich könnte ohne weiteres als Parkplatzwächter oder Kartenabreißer arbeiten. Nein, noch besser: als Bademeister.

Daraufhin habe ich mein Leben verändert.

Ich lasse meine Haare lang wachsen. Nicht aus modischen oder Geschmacksgründen. Mode und Geschmack können mir den Buckel runterrutschen. Friseurbesuche sind mir einfach lästig. Aus dem gleichen Grund rasiere ich mich nur noch unregelmäßig. Ich nehme nur noch Arbeiten an, die mir mit hoher Wahrscheinlichkeit Spaß machen werden. Alles andere lehne ich kommentarlos ab. Arbeiten, die mir Spaß machen, erledige ich ohne Mühe, gut und zügig, ich spüre das kaum. Ich pflege nur noch sozialen Kontakt mit Leuten, die ich interessant finde. Wenn mich jemand langweilt, stehe ich auf, verabschiede mich höflich und gehe.

Networking, das ist nicht mehr. Ich sitze auch nicht mehr in Konferenzen oder höchstens einmal im Monat. Konferenzen sind wie Kohlekraftwerke, sie erzeugen, bezogen auf den Input, relativ wenig Energie und stoßen gleichzeitig zu viele Schadstoffe aus. Die Konferenzleute wollen klüger wirken, als sie sind. Wen interessiert das, ob Herr Soundso klug ist? Dafür ist meine Lebenszeit zu kostbar. Ich gebe mir keinerlei Mühe mehr, emotional beteiligt zu erscheinen. Der heutige Journalismus ist zu weiten Teilen sowieso korrupt, das ist jedenfalls meine Meinung. Manchmal gehe ich tagsüber einfach für zwei, drei Stunden in ein Café und lese Short Stories. Das hätte ich früher nie getan. Wenn ich in das Büro zurückkomme, lösche ich zum Spaß alle E-Mails, ungelesen. Wenn es wichtig ist, kommt sowieso eine zweite Mail. Abgesehen davon bemühe ich mich darum, freundlich zu sein. Ich habe nichts gegen andere Menschen, solange sie mich halbwegs in Ruhe lassen.

Meine Hypothese lautete: Die Einnahmen werden aufgrund des veränderten Sozialverhaltens im ersten Jahr um zirka 30 Prozent sinken, in fünf Jahren bin ich arbeitslos und mache bis zur Rente den Bademeister. Das war so kalkuliert. Stattdessen sind meine Einnahmen im vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen, an allen Fronten. Ich weiß, warum. Ich habe positive vibrations.

Wie soll man leben? Ich bin natürlich kein Guru. Aber ich habe Erfahrungen gesammelt. Halten Sie ein paar Jahre das Geld zusammen und die laufenden Kosten niedrig. Danach lassen Sie es ruhig angehen. Überlassen Sie den Herzinfarkt mal besser den anderen Typen. Tun Sie nur, was Ihnen garantiert Spaß macht. Machen Sie es wie ich oder wie Harald Schmidt.