Der Sonnenuntergang am Mündungsdelta des Amazonas ist im November oft besonders farbenprächtig, der Himmel leuchtet intensiv rot bis violett. Was wunderschön aussieht, hat eine unschöne Ursache. Die kurze Trockenzeit im regenreichen Amazonas-Gebiet wird von den Kleinbauern hier allseits zur Brandrodung genutzt. Die Abgase verteilen sich in der Atmosphäre und brechen das Sonnenlicht in traumhaften Farben. Wo der rote Glutball am Horizont versinkt, steigen Dutzende Rauchsäulen auf. Jede steht für einen Bauern, der sein Feld für den nächsten Anbauzyklus vorbereitet.

Zum Beispiel Pedro Alves Matoso. Wie in jedem Jahr hat der zierliche Mann mit dem grauen Schnauzbart wieder zum Streichholz gegriffen. "Feuer ist prima", sagt er. Denn nach dem Abbrennen hat der Boden eine gute Qualität. Mais und später Maniok lassen sich leicht pflanzen, das Unkraut hält sich in Grenzen, und in der Asche steckt hinreichend Dünger. Über 25 Hektar Land verfügen Alves und seine Familie, immer nur zwei bis drei davon werden bepflanzt. Das genügt für die Selbstversorgung und wirft auch noch etwas Überschuss für den Markt ab.

Der Erlös reicht für die nötigen Einkäufe und ein bescheidenes Farmhaus. Zwei Jahre nach dem Brennen erntet Alves die letzten Maniokwurzeln, dann überlässt er das Feld sich selbst. In sechs Jahren entsteht ein zwei bis drei Meter hoher dichter Buschwald, der dann wieder gerodet und abgebrannt werden kann. Überall in den Tropen ist dieser Zyklus aus Feuer, Anbau und Brache verbreitet, schon vor 10000 Jahren haben ihn die Amazonasbewohner praktiziert. Auch in Deutschland war der Wanderfeldbau mit Brandrodung noch bis ins 18. Jahrhundert hinein üblich.

Inzwischen sind die Feuer jedoch ein globales Problem. Mehrere hundert Millionen Hektar Wald und Buschland gehen jedes Jahr in Flammen auf. Wird der Zyklus unter dem Druck zunehmender Bevölkerung beschleunigt, verarmen die Böden, der Ertrag sinkt. Der Rauch macht nicht nur krank, er steht auch im Verdacht, das Klima zu verändern und Ozon zu zerstören. Deshalb trafen sich im Oktober Vertreter von 50 Staaten und internationalen Organisationen in Sydney und forderten sofortige koordinierte Maßnahmen zur Vorbeugung und Verhinderung der Feuer. Schon ist die Rede von "UN-Rothelmen" als internationale Feuerwehr.

Längst versuchen einige tropische Staaten mit Verboten, finanziellen Anreizen und strengerer Überwachung, das Abbrennen einzudämmen. In einigen brasilianischen Bundesstaaten ist die Brandrodung verboten, auf nationaler Ebene wird ein entsprechendes Gesetz diskutiert. Um es durchsetzen zu können, müssen den Kleinbauern überzeugende Alternativen angeboten werden. Weltweit suchen Agrarwissenschaftler danach – auch in Igarapé-Açu im Nordosten Brasiliens. Antônio Carlos de Melo Ferreira ist ein Nachbar von Pedro Alves Matoso. Vor zwei Jahren hat er aufgehört mit dem Brennen. Zwar betreibt er weiterhin Wanderfeldbau, doch die Brachevegetation beseitigt er nicht mehr mit Feuer, sondern mit einer Mulchmaschine. In einem einzigen Arbeitsgang schneidet und zerkleinert sie das dichte Buschwerk und verteilt die zerhäckselte Biomasse gleichmäßig auf dem Feld. Auch so ist es zum Pflanzen bereit.

Zwei Traktoren stehen deshalb jetzt auf de Melos Hof, beide gehören dem Forschungsprojekt "Tipitamba". Mit zehn Millionen Euro vom deutschen Forschungsministerium und weiteren fünf Millionen vom brasilianischen Forschungsrat haben Wissenschaftler aus Deutschland und Brasilien in den vergangenen zwölf Jahren den Wanderfeldbau im nordöstlichen Amazonasgebiet bis ins kleinste Detail erforscht und mit dem maschinellen Mulchen eine praktikable Alternative zur Brandrodung entwickelt.

Das Schreckensbild der Feuer ist ins Wanken geraten

Antônio de Melo ist begeistert. Um einen Hektar Land für das Brennen vorzubereiten, musste er sich vorher 20 Tage lang mit der foice, einer langstieligen Sichel, durch den Buschwald schlagen. "Das ist eine schlimme Knochenarbeit, und immer wieder wird man von Schlangen, Spinnen oder Wespen angegriffen", sagt de Melo. "Arbeiter, die einem für bezahlbaren Lohn dabei helfen, sind kaum noch zu finden." Mit dem Traktor ist die gleiche Arbeit jetzt an einem halben Tag erledigt. Und der Ertrag ist auf dem gemulchten Acker sogar etwas besser als auf dem abgebrannten. Er lässt sich noch weiter steigern, wenn man nach der Ernte schnell wachsende Leguminosen-Bäume in die Brachevegetation pflanzt. Sie reichern Stickstoff an und verdoppeln die Biomasse. All das hat das deutsch-brasilianische Forschungsprojekt nachgewiesen, auf Versuchsfeldern demonstriert und in 50 Diplom- und 19 Doktorarbeiten dokumentiert.