Konsenshölle Deutschland: Vor dem Bundesratsgebäude in der Leipziger Straße stehen unzählige Dienstlimousinen von viel zu vielen Ministerpräsidenten und Ministern. Sie haben ihre Fahrer dabei und ihre Entouragen, ihre Regierungssprecher und ihre Eitelkeiten. Und vor allem ihre Interessen, die großen und die ganz kleinen. Unablässig werden Zahlen in die Laptops gehackt, man achtet mit aller Gründlichkeit darauf, dass alles stimmt, vor dem Komma und möglichst auch dahinter. Taktiken soll es geben, sogar Strategien. Von Hessens CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch wird gesagt, er wolle die Sache scheitern lassen, aus ideologischen Gründen. Von seinem Hannoveraner Kollegen Christian Wulff behauptet die SPD das auch, allerdings weigere er sich aus niedersächsischen Gründen, heißt es, weil er sich Steuerausfälle wegen einer noch so netten Steuerreform partout nicht leisten könne.

Das klirrende Nein des Kanzlers

Die Ost-Ministerpräsidenten plagen eigene Sorgen. Erwin Teufel, der Mann aus dem Flächenländle Baden-Württemberg, hängt sehr an der Pendlerpauschale. Und so weiter, immer weiter. In den Gängen sitzen Verbändevertreter, Stephan Articus, zum Beispiel, der Präsident des Deutschen Städtetages. Er hockt vor Saal 1128 und wartet. Er ist gekommen, falls jemand bei den Verhandlungen über Gemeindefinanzen oder kommunale Jobcenter seine Meinung hören möchte. Das möchte keiner, aber noch nachts um zwei sitzt der Lobbyist hellwach im Gang. Nicht in persona, aber als Stimme in vielen Handys sind auch andere Lobbyisten mit von der Partie, Gewerkschaftsführer und die Arbeitgeber. Selbstverständlich sind die Journalisten da, zahlreich wie nie und stets bereit, ihre leicht gereizte Routiniertheit in eine verdrossene Berichterstattung münden zu lassen, wenn hier irgendwas schief geht. Sie langweilen sich und protokollieren das Nichts: die Raumtemperatur (20 Grad), den Fußbodenbelag (Raucheichenparkett) oder auch die Zahl der goldenen Strohbällchen am Tannenbaum (14) in der großen Eingangshalle.

Die Nacht der Verhandlungen ist bereits Vergangenheit – und trotzdem beherrscht sie Gegenwart und Zukunft. Der zweite Blick auf diese langen Stunden öffnet den Blick für das, was sich grundlegend gewandelt hat: in der Republik und vor allem in ihrem Machtgefüge. Die Details der elf Stunden im Vermittlungsausschuss offenbaren den Grundriss der künftigen Politik.

Ob in Berlin oder Bonn – der Marathon zu Steuersenkungen und Arbeitsmarktreform hätte überall stattfinden können. Nur ist der Rahmen in der neuen Hauptstadt größer und kultivierter. Draußen vor der Tür des Bundesrats steht ein Zelt des Starkochs Witzigmann, nicht für Unterhändler, sondern für den zu amüsierenden Teil der Stadt. All das könnte zum Sinnbild der Berliner Republik werden, eine kulinarisch veredelte, aber innen erschlaffte und sich selbst mit ihren zahllosen Interessen blockierende Republik.

So viel Deutschland auf so engem Raum. Trotzdem wird diese Nacht mit einem Ergebnis enden und diese Woche mit einer Bundestagsabstimmung, in der die veränderte Agenda 2010 eine überwältigende Mehrheit haben wird. Und was für ein Ergebnis, kein minimaler Konsens, kein maximaler, aber ein stattlicher. Alle Maßnahmen und Kompromisse, so disparat sie scheinen mögen, sagen doch dasselbe: mehr Eigenverantwortung. Dazu ermutigen sie – wie bei der Steuersenkung und der Lockerung der Handwerksordnung. Dazu zwingen sie – wie bei der Zumutbarkeit von Arbeit aller Art und beim Kündigungsschutz. Überdies wurde dieses ganze Zumutungs- und Ermutigungsprogramm in einer Atmosphäre großen Ernstes verhandelt, die nie bösartige Züge annahm, wie der Kanzler später lobte, die sogar in einer zärtlichen Geste, einer innigen Umarmung zwischen Erwin Teufel und Henning Scherf, endete sowie, als Zugabe, in einem kleinen Freudentänzchen des Letzteren auf nächtlich-nassen Straßen.

So viel Deutschland – und doch so viel Bewegung, etwas Neues entsteht da im Gehäuse des Alten. Wie konnte das geschehen? Wer diesen Fortschritt personalisieren wollte, läge so falsch nicht. Gerhard Schröder war so weit unten, dass er ein Ergebnis brauchte, Angela Merkel so weit oben, dass sie es wollen und erreichen konnte. Zwei Machttechniker, die sich unter widrigen Bedingungen in ihrer Partei durchsetzen können. Selbst die Chemie zwischen beiden stimmte plötzlich. Vor fast zehn Jahren saßen sie sich erstmals gegenüber, in einer ganz ähnlichen Situation. Da waren sie harte Widersacher im Vermittlungsausschuss und verhandelten über die Atomenergie. Hier die konservative, ostdeutsche Naturwissenschaftlerin, die Atomkraft für eine zu Unrecht geschmähte Spitzentechnologie hielt. Dort der mit den Grünen regierende SPD-Ministerpräsident aus Niedersachsen, der selbst schon auf Demonstrationen gegen das Endlager Gorleben mitmarschiert war. Der Schröder sei ein machohafter Hallodri, sagte sie damals über ihn. Merkel sei eine unpolitische Technokratin, so er über sie. Seitdem trafen die beiden, abgesehen von Parlamentsdebatten, noch nicht oft aufeinander. Beide an einem Tisch, Auge in Auge, stundenlang – das gab es bisher nicht.