Ist es politisch, wenn Die Sterne "Fickt das System" skandieren? Wenn Manu Chao über Einwanderer singt? Wenn Adorno Zwölftonmusik komponiert? Und was ist das jeweils Politische? Zu agitieren? Aufzuklären? Oder einen Freiraum jenseits der Konventionen zu schaffen? Und: Ist am Ende tatsächlich die Musik politisch oder nur das, was sie transportiert - der gesungene Text oder der theoretische, der im Hintergrund steht? Warum dann nicht gleich ein Buch schreiben? Das Label Onitor, Herausgeber der Compilation Politronics, liefert beides: eine CD mit Musik, die sich als politisch versteht, und dazu ein umfangreiches Booklet mit Essays zu den Stücken. Die 13 Künstler auf Politronics (Onitor 24, Vertrieb: Kompakt) produzieren Techno, House und experimentelle Electronica, gehören also einer Musiksparte an, die mit dem Vorwurf zu kämpfen hat, sie sei unpolitisch, hedonistisch, selbstbezüglich.

Computersounds politisch zu codieren ist insofern eine doppelte Herausforderung. Viele der beteiligten Musiker widmen sich ihr seit Jahren abseits vom Mainstream in den Clubs. Politische Songtexte mit modischen Beats zu unterlegen genügt dabei den wenigsten. Die meisten arbeiten an der Form, bleiben ganz bei den Ausdrucksmitteln der elektronischen Musik: Rhythmusprogrammierung, Sounddesign, Sampling. Sie bauen Strukturen auf und zerstören sie wieder, setzen Lärm, Wohlklang und Zitate in Spannung zueinander. Musikalische Konventionen sollen stellvertretend für ideologische Zwänge aufgelöst werden - steht im Booklet. Und steht so ähnlich auch bei Adorno oder bei dekonstruktivistischen Denkern wie Gilles Deleuze.

Die Ergebnisse sind zum Teil äußerst avanciert und hörenswert, etwa die digital verzerrten Klavier-Etüden von Terre Thaemlitz, kommen aber, politisch betrachtet, so abstrakt daher, dass sie ein wenig beliebig wirken. Plausibler sind da Ansätze, die sich um Konkretion bemühen. So präsentiert der Hamburger DJ Lawrence einen Housetrack, in dem er Wagner-Samples, Deutschland sucht den Superstar-Schnipsel und Schröders Ausspruch vom "deutschen Weg" zusammenschneidet. In ähnlicher Weise setzt auch Matthew Herbert politische Verweise über seine Soundquellen. 2002 tourte er als Radioboy durch Europa und generierte auf der Bühne Rhythmusloops aus dem Zerschreddern von Markenartikeln: Globalisierungskritik zum Tanzen. Das politische Moment ergab sich aus der Inszenierung. Auf Platte klingt sein Konzept hölzern. Man muss abermals zu den beigelegten Texten greifen - und die alten Fragen nach Musik und Politik neu stellen. Allein, dazu anzuregen ist aber mehr wert als jedes plakative Statement.