Ihre Karriere muss mit einem weit verbreiteten Irrtum begonnen haben: mit dem nämlich, dass Nadliges im Garten der ideale Sichtschutz sei, anspruchslos, preiswert, pflegefrei. Wie sonst kommt eine Fichte, auch Rottanne genannt, an den Rand eines sehr kleinen Grundstücks, etwa so passend platziert wie ein Wal im Aquarium? Als wir einzogen, war sie schon da, klein, zierlich und noch völlig unauffällig. Das änderte sich rasch, denn natürlich tat sie, was Picea abies zum so beliebten Forstbaum und so ungeeigneten Gartenbewohner macht: Sie wuchs, und zwar im Rekordtempo. Es hätte nahe gelegen, ihren über- und unterirdischen Eroberungszug kurzerhand mit der Kettensäge zu beenden, bloß: Sie war ungewöhnlich schön. Sie stand solitär, und so fehlte ihr das Massive, Düstere und Drohende zu eng gesetzter Tannenmauern. Stattdessen wirkte sie schmal, ebenmäßig und, nobel in makelloses Grün gehüllt, irgendwie ladylike. Wir brachten es einfach nicht übers Herz, sie anzutasten. Selbst als ihre Wurzeln ein Abwasserrohr knackten, wurde sie noch einmal begnadigt. Erst als sie ernsthaft die Kellerwand bedrohte, war es so weit. Die Tanne musste gehen.

Ihr blühte allerdings kein kurzes und schnödes Ende im Häcksler, sondern ein Weihnachtsmärchen, eine verblüffende Ehre für eine simple Fichte, die normalerweise allenfalls zu Brettern oder Papier verarbeitet wird. Wieder half ihr ihre Schönheit: Das makellose Fünfzehn-Meter-Prachtstück ging auf diplomatische Mission an den Polarkreis. Alljährlich nämlich, seit inzwischen achtunddreißig Jahren, schenkt die Hamburger Hafenwirtschaft dem Hafen von Islands Hauptstadt Reykjavík einen großen Weihnachtsbaum, als Gruß und Dank für Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg. Island ist nahezu baumlos, Nadelbäume dieser Höhe gibt es im Land nicht. So genießt der grüne Gast, statt wie hierzulande sogar als Weihnachtsbaum Massenware zu sein, einen guten Monat lang VIP-Status. Ein traumhafter Abgang für unsere Tanne.

Und doch… Als der Abreisetermin Mitte November feststand, ertappten wir uns zusehends bei wehmütigen Seitenblicken auf das überdimensionierte Grün. Es fühlte sich ein bisschen so an, als hätten wir die Hinrichtung eines Familienmitgliedes festgesetzt. Plötzlich fiel mir wieder ein, wie sehr ich Andersens Märchen vom niedlichen kleinen Tannenbaum gehasst hatte, weil mir das Bäumchen so furchtbar leid getan hatte. Und nun der große Tannenbaum, ein elegantes, dunkles Dreieck gegen den trüben Novemberhimmel …

Glücklicherweise wurde er abgeholt, bevor wir allzu sentimental werden konnten. Es ging sehr schnell, mit Teleskopkran und Tieflader. Zurück blieben ungewohnt viel Licht und eine spürbare, hartnäckige Leere. Bis zu den ersten Bildern aus Island: Die Dame in Grün hat dort den großen Empfang bekommen, der ihr gebührt, samt Menschenmenge und Kinderchor, und der Platz vor der dramatischen Fjordkulisse steht ihr, als wäre er für sie gemacht. Nun stimmt alles wieder. Es ist, mit nur noch ein wenig Wehmut, das passende Ende einer schönen Geschichte.