Haha: Ein Weihnachtsmann und ein kleines Kind, das Kind schreit: "Rück das Zeug raus, du rote Sau!" Hihi: Ein Weihnachtsmann mit einem Osterhasen und einem Glücksschwein, auf dem Rücken trägt er Silvesterraketen. Titel: "1. allgemeiner Ganzjahresglückwunsch". Hoho: Ein Weihnachtsmann liegt tot auf einer Motorhaube, der Fahrer sagt zur Beifahrerin: "Also pass auf: Ich bring den Wagen in die Werkstatt, und du gehst nach Hause und erklärst es den Kindern."

Humorgetränkte Weihnachtskarten sind seit Jahren der Renner im Weihnachtskartengeschäft. Wer schwarzen Humor mag, wird in Papeterien und Warenhäusern genauso fündig wie Freunde des Kalauers (Ente mit roter Mütze: "Entlich ist Weihnachten") oder Hochironiker (eine Weihnachtskarte, auf der nichts als "Weihnachtskarte" steht). Nie war es leichter als heute, an Weihnachten witzig zu wirken. Nur: Kommt so was auch an?

Das Verschicken von Weihnachtskarten ist nur scheinbar jener triviale Vorgang, der aus dem Griff ins Kartenregal, der Unterschrift, der Adressierung und Frankierung besteht. Tatsächlich will besonders die Motivwahl gut bedacht sein. Denn wer eine Weihnachtskarte in den Briefkasten wirft, gibt zwei Statements zugleich ab. Eins über sich selbst. Und ein zweites darüber, was er vom Empfänger hält. Das Weihnachtskartengrüßen setzt also Selbsterforschung und ein kurzes Nachdenken über den Gegrüßten sowie das Verhältnis zu ihm voraus.

Betrachten wir in diesem Lichte den Weihnachtskartenhumor. So kreativ, abgründig und atemberaubend er im Einzelfall auch sein mag, er ist gänzlich fehl am Platze. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, Christbaumkerzen zu verschenken, die – haha – nach wenigen besinnlichen Minuten explodieren. Lustige Weihnachtskarten verschickt, wer nur an sich und sein Image denkt. Solche Menschen möchten mitteilen, dass sie humorvoll sind, über den Weihnachtsdingen stehen, das alles zwar blöd finden, aber trotzdem mitspielen wollen. In Wirklichkeit teilen sie mit, dass sie eine Weihnachtsmacke haben, die sie unter Witzigkeit zu verbergen suchen – ein gravierender Fall von Humormissbrauch. An den Adressaten verschwenden diese Leute schon gar keinen Gedanken. Der Adressat freut sich über Weihnachtspost, baut sie auf einem kleinen Tischchen auf, zündet eine Kerze an und schlürft einen Darjeeling. Ihm wird warm ums Herz. Dann fällt sein Blick auf den toten Weihnachtsmann.

Seit fast 150 Jahren – damals soll die Weihnachtskartenidee von einem Deutschen namens Louis Prang in die USA eingeführt worden sein, wo sie erst groß in Mode kam – steht man als Versender vor diesem Problem der doppelten Weihnachtskartenbotschaft. Kein Knigge hilft, kein Ratgeber rät, wenn man im Warenhaus vor den Regalreihen mit Hunderten möglicher Weihnachtsmotive verzweifelt. In der Not hält man sich am besten an die Angebote für die Geschäftswelt, wo ein falscher oder peinlicher Kartengruß Kunden und Geld kosten kann. Es ist erhellend, wie konservativ hier gegrüßt wird, in aller Regel mit dem unumstößlichen Satz: "Wir bedanken uns für die gute Zusammenarbeit und Ihr Vertrauen. Wir wünschen frohe Weihnacht und viel Glück und Erfolg im kommenden Jahr". Gern in Golddruck. Das Äußerste an Gewagtheit sind drei kleine stilisierte Tannenbäumchen. Botschaft eins: Wir sind keine Wichtigtuer und Schlaumeier, aber wir haben an Sie gedacht. Botschaft zwei: Wir halten Sie für so seriös und wertkonservativ, dass Sie diese kleine Geste würdigen.

Wer solche Sorgfalt im Privatleben aufwendet, für den wird das Weihnachtskartengrüßen plötzlich ganz leicht. Es verbieten sich nämlich fast alle angebotenen Motive wie von selbst. Humor? Nur einer lacht. Goldbesprenkelte Krippenszenen, singende Kätzchen im Engelskostüm, die notorischen geflügelten Engelsköpfchen? Als Versender von Kitsch möchte man sich nicht in Erinnerung bringen, selbst wenn Kitsch ankäme. Um Kunstweihnachtskarten verschicken zu können, die sich immer an Klee, Klimt oder Hundertwasser anlehnen, muss man die Ekelschwelle des Empfängers gut kennen. Gelegentlich findet man auch noch religiöse Motive wie den Anbetenden Engel von Filippino Lippi oder die Sixtinische Madonna. Hier darf nur zugreifen, wer sich seiner und des Adressaten Religiosität absolut sicher ist. Eine Ausnahme bildet das transparente "Bayernfenster im südlichen Seitenschiff des Kölner Doms (1842 bis 1848)". Eine Kerze dahinter, und sogar Heiden werden froh.

Gänzlich abzulehnen sind alle Versuche, der Weihnachtskarte Zusatzfunktionen aufzubürden. In Läden des gehobenen Bastlerbedarfs findet man Weihnachtskarten, die in Wirklichkeit Schnittmusterbögen darstellen. Begabte können daraus zum Beispiel ein Mobile aus Weihnachtsmännern herstellen. Alle anderen bekommen einen hässlichen Schnittmusterbogen zum Fest. Obszön ist die so genannte Geldkarte. Prägedruck, viel Gold, am Oberrand eine transparente (!) Tasche für Geldscheine. "Gruß & Kohle, Paps" – kälter kann man Weihnachten nicht abhaken, es sei denn durch Online-Weihnachtskartengruß und Online-Überweisung. (Online-Grüße verbieten sich übrigens auch deshalb, weil sie den Motivanbietern zu frischen E-Mail-Adressen verhelfen. Nach Weihnachten bekommen Sender und Empfänger dann täglich Hinweise auf Billig-Viagra und Penisverlängerung.) Noch unappetitlicher und ethisch bedenklicher ist nur die gern mit feuerroten Christsternen bedruckte "Gutscheinkarte". Gutscheine des üblichen Inhalts – dreimal Babysitten, eine Stunde Ganzkörpermassage, Frühstück am Bett – entlasten lediglich den Absender und werden praktisch nie eingelöst.

Was also bleibt übrig? Einerseits die Schlichtlösung in Anlehnung an die Geschäftswelt. Die Klappkarte ist ein Muss, weil sie aufgestellt werden kann. Vorn steht geschrieben: "Frohe Weihnacht und viel Glück im neuen Jahr", mit Schwung in Gold auf Bütten getuscht. Innen das bekannte "wünschen Anneliese, Peter und die Kinder". Und ab geht die Post. Diese Grußform ist unanfechtbar und bedient Kegelbrüder, Mitsegler und die Mitarbeiterinnen der Greenpeace-Ortsgruppe gleichermaßen gut. Außerdem verlangt eine solche Weihnachtskarte nicht nach einer Antwort – im Gegensatz zu einer Geldkarte etwa. Wer mehr als eine Geste zeigen will, wer die persönliche Note sucht, der kommt um Schere, Stift und Klebstoff nicht herum. Der bastelt Strohsterne, kombiniert verschiedene Papiere und spart nicht an glänzenden Folien und Goldbronze. Er fertigt kleine Collagen an und schreibt Besinnliches nieder (Rilke!). Der Lohn der Mühe: Selbst Gebasteltes kommt immer gut an, egal, wie es aussieht. Warum? Weil unser Teuerstes drinsteckt – Lebenszeit. Aus genau diesem Grund sind all jene teuren Weihnachtskarten zu verwerfen, die wie selbst gemacht aussehen. In ihnen steckt lediglich die Lebenszeit ostasiatischer Arbeiterinnen.