Ewige Bewegung, sagte Newton, gibt es auf der Erde nicht. »Ohne erhaltende Kraft wird die Reibung einen Körper immer bremsen und schließlich anhalten.« Das ist beruhigend. Allerdings verschwieg der große Physiker, dass zwischen Bremsen und Bremsen Welten liegen können. Sanft auf einer flachen, von der Schneewalze geriffelten Piste auszulaufen ist das eine. Sich den Schädel an einem großen Brocken Oberstdorfer Kalkstein zu zerbrechen das andere. Damit das möglichst nicht geschieht, hat man mir Herrn Spötzl zur Seite gestellt. Er ist mein Lehrer beziehungsweise »Betreuer«, wie das im Fun-Sport heißt. Später werde ich verstehen, warum. Jedenfalls wird mir der drahtige Enddreißiger zeigen, wie man auf einem aufgeblasenen Lkw-Reifen sicher zu Tal rutscht, Verzeihung, »tubt«. Sehr erschrocken habe er sich, erzählt Herr Spötzl, während wir in der Seilbahn dem Nebelhorn zuschweben, als er neulich in einem Supermarktkatalog einen Tube entdeckte. »Ich bin der Meinung, ein Tube hat auf dem freien Markt überhaupt nix verloren.« Nur in eigens dafür vorgesehenen, kanalförmig aus Schnee gebauten Bahnen könne man das verantworten. Eine solche gibt es zwar auf der Mittelstation Seealpe. Doch über die sind wir längst hinweg. Es hat dort noch zu wenig geschneit. Unser Testgebiet liegt höher, wenig unterhalb der 2224 Meter hohen Nebelhornspitze – eine Piste, die schlicht »die Mulde« genannt wird.

Etwa 700 Meter lang, beginnt sie recht steil und wird dann immer flacher, bis sie in einem leichten Gegenanstieg ausläuft. Links und rechts gehen schneebedeckte Wiesen hoch, in denen einige Felsbrocken stecken. Sonst gibt es keine Hindernisse. Eine natürliche Halfpipe. Vor drei Jahren hat man hier eine zwei Kilometer lange Tubing-Bahn gebaut für ein Event mit 400 Mitarbeitern der Reifenfirma Continental. Herr Spötzl hat sich damals bei den Probefahrten das Bein verrenkt. »Das Um und Auf ist ein guter Auslauf«, sagt er, setzt sich in einen der Reifen und schießt los. Es geht sehr schnell, er dreht sich einmal um die eigene Achse und kommt schließlich im Flachstück zum Stehen. Das schafft Vertrauen. Nun ist es gleich an mir, vorher bekomm ich noch einige Instruktionen von Herrn Spötzl. Verkürzt wiedergegeben, lauten sie: Es gibt zwei Stellungen, die Badewannenstellung und den V-Stil. Bei Ersterer setzt man sich in den Reifen wie in eine zu klein geratene Badewanne, der Hintern sollte nicht den Tube-Boden berühren, das Gewicht liegt auf dem Kreuz und in den Kniekehlen, die zwei Haltegriffe sind hinten. Beim V-Stil liegt man auf dem Bauch, Kopf voraus, die Beine nach hinten v-förmig abgespreizt. Klar, dass ich mich für die Badewanne entscheide. Der Tube ist übrigens wirklich ein gewöhnlicher Lkw-Schlauch, dem eine bunte Hülle mit Boden übergestreift wird. Je nach Schneelage gibt es verschiedene Böden. Einen rauen grauen, einen schwarzen mit zu Bremszwecken einflechtbaren Schnüren, einen glatten schwarzen. Ich habe den glatten schwarzen. »Es ist, je nachdem, der Vorteil oder der Nachteil, dass sie den Tube nicht kontrollieren können, nicht steuern und nicht bremsen«, hatte Herr Spötzl gesagt. Zur Vorsicht starte ich im unteren Drittel des Steilhangs. Von nun an geht alles sehr rasant. Die Beschleunigung ist enorm, instinktiv klammere ich mich an die Halteschlaufen, als sich das Ding zu drehen beginnt. Rückwärtsfahren ist sehr gewöhnungsbedürftig. Seltsamerweise möchte man, den Launen der Physik ausgesetzt, wenigstens sehen, woran man schließlich zerschellt. Doch bevor ich so etwas denken kann, bremst mich auch schon die Auslaufstrecke.

Die folgenden drei Stunden sind ein Lehrstück in Sachen menschliches Streben. Weniger ist mehr? Quatsch. Mehr ist mehr! Immer noch zehn Meter höher im Steilhang. Dann mit dem Kopf voraus drauflegen. Schließlich zehn Meter höher und mit dem Kopf voraus drauflegen. Der Mensch wird wieder zum Kind. Deswegen heißen hier die Lehrer auch Betreuer. Ihre Aufgabe ist es, der Infantilität Grenzen zu setzen.

Nachdem ich zu wissen glaube, wie sich ein auf glatter Eisfläche losgeschossener Puck fühlen muss, entdecke ich seitlich einen Hang, in den der Wind Buckel hineingefräst hat. Die letzte Herausforderung für den adrenalinberauschten Tuber: die Schanze. Herr Spötzl blickt jetzt sehr skeptisch, doch nach Begutachtung der vorhandenen Auslaufstrecke nickt er mir zu. Über die ersten Buckel springe ich problemlos, der Reifen federt die Aufschläge ab. Doch dann bockt mein Untersatz plötzlich vor einem etwas höheren Buckel. Kopfüber und mit dem Gesicht voraus lande ich im nur halbweichen Schnee. Das Drahtgestell meiner Brille hat sich einer Schneeformation angepasst. Wie gut, denke ich, dass ein Tube normalerweise auf dem freien Markt und im freien Gelände »überhaupt nix verloren hat«.

INFORMATION: NTC Oberstdorf im Allgäu, Nebelhornstraße 67e, Tel. 08322/989601. Die halbe Stunde in der 150 Meter langen Tubing-Bahn auf der Seealpe kostet 5 Euro. Blue Days werden für 58 Euro inklusive Skipass angeboten. Gruppen ab 15 Personen erhalten Ermäßigung. Spezielle Vereinbarungen gibt es mit Schulen.

Schlauchrutschen kann man in vielen Skigebieten, unter anderem in Serfaus/Tirol (www.serfaus.com). Serfaus verfügt über Tubing-Bahnen unterschiedlicher Länge von 30 bis 150 Meter. Es gibt Schneeschuhe und Helme für Kinder zum Ausleihen. In den Skigebieten mit Tubing-Bahnen bringen Förderbänder oder spezielle Lifte die Tuber wieder gemütlich an den Start. Die Bahnen werden von Betreuern bewacht.