Auf der Liste meiner privaten Schreckensvisionen steht ganz oben: Winterurlaub ohne Schnee. Gleich darunter steht: Winterurlaub ohne Skifahren, was genau genommen auf dasselbe hinausläuft, es sei denn, man kann sich die apokalyptische Situation eines Winterurlaubs mit Schnee, aber ohne Skifahren vorstellen. Für mich ist das undenkbar. Schon als Kind bedauerte ich die armen Tröpfe, die im Pferdeschlitten durch die Oberwiesenthaler Straßen zuckelten, während wir anderen die Oberwiesenthaler Pisten hinunterkarriolten. Meine Winterferientage begannen vor Sonnenaufgang und endeten nicht vor der letztmöglichen Bergfahrt, denn mein Ziel war nicht der Zeitvertreib, sondern die Bezwingung meines unzulänglichen, weil aus dem Flachland stammenden Ichs, soziologisch gesprochen: die Selbstermächtigung des Subjekts. Ich wollte irgendwann einmal so elegant wedeln können wie der Sohn vom Siegel Bernd. Der Sohn vom Siegel Bernd war 1980 das, was man heute cool nennen würde, er konnte einbeinig rückwärts Ski fahren, und Pferdeschlitten waren im Vergleich zu ihm die Inkarnation alles Unsouveränen. Schlitten überhaupt!

Doch das soll nun alles anders werden, denn der zweite Teil der Apokalypse ist die ewige Glückseligkeit beziehungsweise die ewige Verdammnis, und die erlösende Formel lautet NTC. Das New Technology Center wurde vor fünf Jahren zur effektiveren Bespaßung im Gebirge erfunden, und das Zentrum des Zentrums befindet sich in dem kleinen österreichischen Dorf Schruns. Seit es das NTC Schruns gibt, muss man als Nichtskifahrer nicht mehr Schlitten fahren, man benutzt stattdessen Scooter, Airboard, Skwal, Zorb und vor allem Skifox. Der Skifox steht auf nur einer Kufe, und diese Kufe ist ein kurzer Carvingski. Dort, wo normalerweise die Bindung wäre, wurde ein stark nach hinten gebogenes Schichtholz aufmontiert und obendrauf, quer dazu, ein schmaler Sitz. Das Gerät sieht äußerst wackelig aus. Aber Hubi Huber behauptet, dass 99 Prozent aller Menschen mit dem Skifox problemlos klarkommen. Hubi Huber, gelernter Ofensetzer, Skilehrer, Snowboardfahrer und NTC-Manager am österreichischen Hochjoch, fährt wahrscheinlich noch ein bisschen besser Ski als der Sohn vom Siegel Bernd. Und wenn Hubi Huber auf dem Skifox sitzt, sieht es fast noch souveräner aus, als wenn er Ski fährt.

Deshalb bin ich neulich mit der ersten Gondel der Hochjochbahn zum NTC Schruns hinaufgesummt. Die erste Gondel zu nehmen war allerdings schon der erste Fehler. Heutzutage geht es nämlich nicht mehr um zeitiges Erscheinen, sondern um Fun. Nicht um Bewährungsproben, Stilsicherheit, demonstrativen Aktivismus, sondern um das möglichst mühelos erkaufte Glück. Man darf in Ruhe ausschlafen und gegen zehn zum Hang kommen. Ein ganzer Tag Lässigkeit, inklusive Liftkarte, kostet 58 Euro. Hubi Huber ist auch dabei und erklärt, wie man die neue Freiheit handhabt. Merke: Man muss kaum noch etwas können, das kann alles das Gerät. Hubi Huber setzt sich auf den Skifox und lehnt sich ein wenig nach hinten. Das, behauptet er, ist fast die ganze Kunst. Man lenkt, indem man links beziehungsweise rechts den Sitz mit der Hand leicht nach unten drückt. Zum Bremsen hat man gleitschuhartige Miniski, deren Fersen eingekantet werden. Zwei Minuten nach zehn am Hochjoch fährt Hubi Huber los. Fünf nach zehn kann unsere ganze Gruppe tatsächlich Skifoxen. Das Pärchen aus Freyburg, die beiden schwäbischen Snowboarder, der unsportliche Dicke aus Berlin und ich. Weitere fünf Minuten später verlassen wir den Anfängerhang und toben die rote Piste hinunter. Wenn es über Buckel geht, muss man den Sitz mit aller Kraft festhalten, sonst fliegt man allein weiter.

Skifoxen ist eine Kombination aus den Vorteilen des Skifahrens (Schnittigkeit) und denen des Rodelns (Schlichtheit). Halb elf, mit leuchtenden Augen im Sessellift sitzend, wünscht sich das Mädchen aus Freyburg von seinem Mann einen Skifox zu Weihnachten. Es wird kein ganz leichtes Weihnachten für ihn werden, denn bisher, beim Skifahren, musste er immer auf sie warten. Seit fünf nach zehn ist es nun umgekehrt. Besonders gut Ski fahren zu können kann hier nämlich ein Handicap sein, man darf zum Lenken weder Beine noch Oberkörper benutzen, sonst macht man eine unkontrollierbare 360-Grad-Drehung. Nur fünf Prozent der Europäer, sagt Hubi Huber, können Ski fahren. Da draußen, sagt er und zeigt über die Gipfel ins Blaue, gibt es Millionen potenzieller Skifoxer. Millionen, die im Winter vielleicht nie ins Gebirge kämen, wenn es bloß Ski und Snowboard gäbe. Zehntausend Leute haben in der vergangenen Saison beim NTC Schruns einen Blue Day gebucht, einen Schneegeräteprobiertag. Das macht sage und schreibe zehntausendmal Fun, der sonst nicht stattgefunden hätte.

In solchen Dimensionen dachte ich damals in Oberwiesenthal natürlich nicht. Ich dachte immer: Einer wie der Sohn vom Siegel Bernd wäre Glück genug. Aber in der freien Marktwirtschaft geht es nun mal darum, die Freiheit an alle zu verkaufen. Manche Leute begreifen das nur schwer, deshalb hat Hubi Huber etliche von den alten, störrischen Wedelkönigen aus seiner Skilehrermannschaft verabschiedet und nur diejenigen behalten, die auch im so genannten smart terrain klarkommen, dort, wo die Flachländer mit den Skicracks durcheinander torkeln und wo die Kinder nicht mehr Skischule, sondern eine Art Schneespielplatz haben. Mittlerweile gibt es sechs NTC in Österreich und dreizehn in Amerika, aber das NTC am Hochjoch ist das größte in Europa. Mittlerweile besteht der Schrunser Amüsierbetrieb aus 150 Snowblades, 1500 Leihski, 250 Boards, 50 Skibobs, je einem Dutzend Scooter, Airboards, 130 Rodeln, 25 Tubes und 300 Skifoxen. An sonnigen Tagen in der Hochsaison sind sämtliche Geräte verliehen. Das ist die Zukunft, sagt Hubi Huber. Das ist die Freiheit, sagt der Dicke aus Berlin.

Der Fotograf, der uns beim Skifoxen begleitet, hat einen etwas altmodischeren Freiheitsbegriff. Olaf Unverzart ist Tourengeher, er liebt Berge, aber hasst Skilifte, seine Diplomarbeit hat er über Massentourismus geschrieben. Wenn er vom Lift aus auf den Fun-Park schaut, ruft er: Wahnsinn, das ist Porno! Der Fotograf ist Gott sei Dank ein vom Aussterben bedrohtes Fossil, irgendwann auf einer seiner elitären Touren wird er eine Lawine lostreten und verschwinden, während wir sicher in die Zukunft rodeln, soziologisch gesprochen: aus dem gleichmäßigen Selbstzwanggefüge des Alltags ausbrechen, ganz ohne große Überwindung.

Nach Amerika hat der Skifox-Erfinder übrigens Skifoxe mit Scheinwerfern, Spoilern für extreme seitliche Schräglagen und bengalischem Feuer geliefert. Um solche extremen Schräglagen fahren zu können, muss man jedoch lange üben. Das ist der Punkt, an dem New Technology und Oberwiesenthal das gleiche Problem haben. 99 Prozent aller Menschen können Ski foxen, aber höchstens ein Prozent aller Menschen hat eine echte Chance, es jemals so elegant zu können wie Hubi Huber.