Was ist Ihre erste Erinnerung? Der Weihnachtsbaum-Brand bei Tante Agda? Die Bombennächte im Keller des Großvaters? Halt! Sind Sie ganz sicher, dass das tatsächlich Ihre eigene Erinnerung ist - keine Familiensaga, kein Film, nichts Gelesenes?

Bleiben Sie misstrauisch. Autobiografisches Erinnern gleicht nicht dem Datenabruf von einer Festplatte. Unsere Autobiografie, das lehren uns Hirnforscher und Psychologen, ist ein Konstrukt. Mit jedem Abruf einer Erinnerung verändert sich ihr Inhalt, manche Vergangenheit wird von Mal zu Mal goldener. Geschichte wird montiert - Gehörtes, Gelesenes, Gesehenes zum eigenen Erlebnis. Woran wir uns erinnern und wie, hat darum oft weitaus mehr mit der Gegenwart zu tun als mit der Vergangenheit.

Das gilt nicht nur für unser individuelles Erinnern, sondern auch für das kollektive Gedächtnis. Es ist nicht starr, sondern im immer währenden Wandel begriffen. Es ist manipulierbar und fragil - mit gravierenden Auswirkungen für die politische Erinnerungsdebatte. Das wurde deutlich auf dem ZEIT-Forum Gedächtnis und Erinnerung in Berlin.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer berichtete vom Vortrag eines Historikers vor Dresdener Bürgern. Viele Zuhörer erinnerten sich daran, wie nach einer Bombennacht im Februar 1945 Tiefflieger die Menschen durch die Straßen der Stadt jagten. Dieser Darstellung widersprach der Historiker. Er hatte Einsatzpläne und Flugdaten studiert und sich über die technische Unmöglichkeit eines Tieffliegereinsatzes in einer Feuersbrunst belehren lassen. Sein Vortrag vor Zeitzeugen geriet zum Skandal. Viele Bürger wollten von ihrer Erinnerung nicht lassen.

Die vergangenen Monate sind von Erinnerungsdebatten geprägt: um das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden, das Zentrum gegen Vertreibung, die NS-Vergangenheit der deutschen Germanistik. In allen Debatten stoßen autobiografisches und kollektives Gedächtnis aufeinander, persönliche Aussagen und offizielle Akten, individuelles Erinnern und Strategien einer Gedächtnispolitik.

Welche Gedächtniskultur wollen wir? Die Hirnforschung hätte eine Antwort: Unser Gedenken ist manipulierbar. Darum muss es sich immer wieder hinterfragen lassen. Auch unser kollektives Erinnern lässt sich nicht in Stein meißeln, der Wandel ist ein Teil von ihm.

Bundestagspräsident Thierse hat das verstanden. Vielleicht, sagte der Kuratoriumsvorsitzende des Mahnmals für die ermordeten Juden, werde das Bauwerk in 50 Jahren nur noch ein Dokument unseres Bemühens sein - des Bemühens, uns vor unserer Geschichte nicht zu drücken. Andreas Sentker