Die Krippe, das Kind, die Eltern. Da sind auch Ochs und Esel, die Schafe, die Hirten. Viele Bedeutungen hat die Szene, aber sie feiert auch die Natur, das Wunder der Erneuerung und der Geburt. Um sie herum versammelt die Generationen. Wie groß sind doch die Kinder von heute, junge Riesen schon mit fünfzehn! Und wie alt werden die Alten – jedenfalls in unserem reichen Land, wo die Festungen des Lebens mit allen Mitteln gegen die Vergänglichkeit verteidigt werden.

"Ich rufe zum Zeugen die Zeit, Anfang und Ende aller Dinge – dafür, dass jeder Mensch immer Verlust erleidet", heißt es im Koran. Der Mensch weiß, dass er den Abnutzungskampf verliert, trotzdem widersteht er. Seine Waffe ist das Wissen. Er erkundet den Gegner, denn er kennt die List des Francis Bacon, der Natur zu gehorchen, um sie zu beherrschen.

Im Zweifel für die Menschenwürde

Vor wenigen Tagen meldeten amerikanische Biologen, sie hätten aus embryonalen Stammzellen Spermien wachsen lassen und mit diesen eine Eizelle befruchtet. Der erzeugte Embryo war der einer Maus, nicht eines Menschen, aber doch eines uns verwandten Tieres. Auch wurden Eizellen aus embryonalen Stammzellen einer Maus gezüchtet. So sehen Durchbrüche aus. Mit ihnen entstehen Techniken der Reproduktion, die ohne Vater und Mutter auskommen: Natürliches und Künstliches werden ineinander verschoben.

Dies geschah mehrmals im Jahr 2003. Ein Affe lernte, einen an sein Nervensystem angeschlossenen Roboterarm zu steuern – Grundlagenforschung, der einst Medikamente gegen motorische Leiden oder auch neuartige Prothesen entspringen könnten. Kohlenstoffmoleküle rankten sich wie von selbst um Abschnitte der biologischen Erbsubstanz DNA, und es entstand ein Transistor – vielleicht ein Vorläufer von Nanokonstruktionen im menschlichen Körper. Unterdessen vollzieht sich im Alltag ein massenhafter Umbau der menschlichen Natur. Er beginnt mit dem Stilisieren der Körper, führt über den alltäglichen Umgang mit Schmerz-, Schlaf- und Aufputschdrogen bis hin zur Symbiose des Menschen mit seinem informationstechnischen Gehäuse.

Mit Leib und Seele hat der Mensch sich seiner eigenen Verbesserung und Ermächtigung verschrieben. Und weil die biomedizinische Forschung heute an die molekularen Grundlagen rührt, ist die alte Frage neu aufgeworfen, was erwünscht, was erlaubt und was verboten sein soll. Abschließend klären lässt sich wenig, denn mit jeder Aussicht auf eine neue Therapie entsteht wieder eine Gruppe von Betroffenen, deren Recht in die Waagschale fällt. Und darum geht es: um die angemessene Verteilung der Verlusterfahrungen.