13. Juni

Wo steckt der Pfandschlupf?

Christian Berner, 50, Chef des Lebensmittelkonzerns Lekkerland-Tobaccoland. Die Firma beliefert 70.000 Tankstellen und Kioske in Deutschland und seztte 2002 rund 7,3 Milliarden Euro um

Welches war Ihr einprägsamster Tag 2003?

Wir wollen doch über das Dosenpfand reden. Da habe ich mehrere einprägsame Tage erlebt. Wollen Sie die alle hören?

Wenn es nicht zu lange dauert.

Erstens, der 3. Juni. Die Mitglieder der so genannten Lenkungsgruppe scheitern damit, ein einheitliches Pfandrücknahmesystem für Dosen einzuführen. Zehn Tage später, am Freitag, dem 13., erklärt Bundesumweltminister Trittin, dass er die Verpackungsverordnung auf jeden Fall umsetzen wird – ob mit oder ohne einheitliches System. Ich habe damals als Vertreter des einzigen Großunternehmens in der Lenkungsgruppe gesagt: »Gut, lasst es uns probieren.« Wir ließen auf unsere Produkte ein P drucken, sodass jeder, der seine Dose zurückbringt, ohne Bon ein Recht auf das bezahlte Pfand hat. Damals hieß es noch, ab 1. Oktober dürfe es bundesweit keine Bons mehr geben. Und dann beschließen am 17. September plötzlich ein paar Beamte der Länder und des Bundesumweltministeriums in einer außerordentlichen Sitzung, dass die Zettelwirtschaft mit den Bons ein Jahr verlängert wird. Unglaublich!

Irgendwann muss in der erwähnten Lenkungsgruppe der Begriff des »Pfandschlupfs«, des nicht eingelösten Pfandgeldes, aufgekommen sein. Wann haben Sie zum ersten Mal davon gehört?

Das muss im Januar gewesen sein. Frau Künast, die sich als Verbraucherministerin versteht, hat dieses Wort eingeführt. Allein das Wort ist glitschig wie ein Aal. Künast meinte, weil so viele Kunden die Dosen nicht zurückbrächten, könnte man – schlupf, schlupf – das angeblich überschüssige Geld in einen Fonds einzahlen.

Was ist daran verkehrt? Das Bundeswirtschaftsministerium hat errechnet, dass 450 Millionen Euro Pfandgeld nicht eingelöst wurden. 75 Millionen soll der Bund an Mehrwertsteuer einbehalten haben, der Rest müsste also bei Ihnen liegen.

Dieses Geld haben nicht wir Groß-, sondern die Einzelhändler. Noch mal: Erst macht man uns mit der Dosenpfand-Verordnung, einer Betonwalze gleich, das Geschäft kaputt. Dann entdeckt man, dass noch ein Krümel übrig ist. Und den will man jetzt auch noch.

Dieser Krümel ist fast eine halbe Milliarde Euro wert.

Wenn Sie eine Pfanddose in einer Tankstelle kaufen, zahlen Sie 25 Cent mehr. Wenn Sie diese Dose dann nicht zurückbringen, wandert sie vielleicht in den Müll. Jetzt hat zwar der Einzelhändler 25 Cent kassiert, aber er kann sie nicht als Gewinn verbuchen. Denn vielleicht kommen Sie doch noch und wollen Ihr Geld zurück. Vielleicht kommen Sie morgen oder in einer Woche, vielleicht aber auch erst in zwei Jahren. Für diesen Fall muss der Kaufmann eine Rückstellung bilden.

Aber vielleicht komme ich auch nie. In Schweden soll es an Rücknahme-Automaten einen Knopf geben, mit dem das Pfand für einen guten Zweck gespendet werden kann. Statt Pfandbon wird eine Spendenquittung ausgedruckt.

Das ist doch nicht das Problem. Damit wir den Schlupf überhaupt spenden können, müssten wir ihn erst mal finden. Aber er ist wie ein Geist. Wenn Sie mich heute fragen, wo steckt denn Ihr Schlupf und wie hoch ist Ihr Schlupf, zucke ich mit den Schultern – ich kann es nicht wissen. Wer weiß schon, wie die Verpackungsverordnung in ein paar Monaten aussieht?

Das Gespräch führte ALEXANDROS STEFANIDIS

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  • Von Alexandros Stefanidis
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2003 Nr.1
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