Noch Fragen?Seite 9/11

Gaus: Das wird mir nicht passieren. Den frage ich nie wieder, ganz abgesehen davon, dass er nie wieder käme. Das war entsetzlich. Aber Fischer hat mich richtig hereingelegt. Er hat mit großer Geste geredet – ohne jeden Inhalt. Dem war ich nicht gewachsen. Er hält sich für einen Pragmatiker. Ich halte ihn für den größten Opportunisten, den ich kenne. Ich kenne eine ganze Menge. Sie kennen auch ein paar.

Beckmann: Es tröstet mich sehr, was Sie sagen. Mein erstes Gespräch mit ihm fand vor fünf Jahren statt. Er war der Außenminister, der bei uns im Rollkragen erschien. Ich erinnere mich genau, dass er vor der Sendung sagte: »Das Regieren strengt doch sehr an; ich bin so müde.« Das sagt er übrigens vor jeder Sendung, habe ich nachher festgestellt. Außerdem war Günter Wallraff da, und es gab einen dritten Gast, an den ich mich jetzt nicht erinnern kann. Das führte zu einer Auseinandersetzung zwischen Fischer und Wallraff, weil da zwei sehr unterschiedliche Biografien aufeinander trafen. Günter Wallraff, der seine politischen Arbeit immer noch als Aktivist versteht, und der geläuterte Joschka Fischer. Darauf musste sich der Außenminister einlassen. Er hat zwar zu fliehen versucht, aber Wallraff war sehr aktiv und sprang ihm verbal – fast körperlich – entgegen. Trotzdem war es eine bizarre Situation, die ich nicht auflösen konnte. Mir gelang es nicht, sie so zu verdichten und zu führen, dass ein Ergebnis herauskam.

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Herr Beckmann, Herr Gaus, sind Sie jemals aus der Rolle gefallen in Ihrer Sendung?

Gaus: Aus der Rolle gefallen nur insofern, als dass ich in zwei Sendungen angefangen habe, mit dem Gast zu diskutieren. Ich will in meiner Sendung nicht Recht behalten; ich will auch nicht widerlegt werden. Ein Beispiel für eine Situation, in der mir das nicht gelungen ist, war das Gespräch mit Heiner Geißler, den ich sehr schätze. Er hatte im Bundestag, damals noch in Bonn, die Pazifisten für Auschwitz verantwortlich gemacht. Das hat mich empört. Ich habe natürlich in dem Interview danach gefragt. Er hat die Gelegenheit benutzt, dies noch einmal richtig auszubreiten. Darauf bin ich aus der Rolle des Fragenden gefallen und habe zu diskutieren angefangen. Das andere Mal war es beim Gespräch mit Otto Schily. Ich hatte gehofft, dass ein Mann mit der Biografie Schilys ein etwas differenziertes Verhältnis zu unserem Umgang mit Stasi-Akten haben würde. Dieser Umgang birgt auch immer die Gefahr, dass wir einen neuen Pranger schaffen, was ich als einen rechtsstaatlichen Rückschritt und nicht als einen Fortschritt ansehe. Ich hatte wirklich gehofft, er könnte darauf anzusprechen sein. Er war es überhaupt nicht; er war ganz und gar der Mister law and order. Das hat mich ziemlich fassungslos gemacht, und auch da habe ich zu diskutieren angefangen.

Beckmann: Dazu kann ich was von der letzten Fischer-Sendung sagen: Da war ich nahe davor, das Gespräch abzubrechen. Es war mal wieder Wahlkampf. Joschka Fischer, der sonst in keine Unterhaltungssendung ging, kam zu uns, mäßig gelaunt, und ließ sich allerdings nur bedingt befragen. Er hat mich wirklich gequält. Er bellte, und ich versuchte trotzdem nett zu sein. Aber du kannst keinen Pudding an die Wand nageln. Ich habe mich nachher gefragt: Warum kommt denn der überhaupt in meine Sendung, wenn er die ganze Zeit mit einem Spardosenmund dasitzt? Ich habe nur knapp die Contenance gewahrt.

Gaus: Herr Beckmann, langweilen Sie sich manchmal in Ihren Sendungen?

Beckmann: Nein.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.12.2003 Nr.1
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