ProphezeiungenSterne lügen nicht

Der große Nostradamus konnte sie verstehen – doch leider sprach er selber nur in Rätseln von Emanuel Eckardt

Zukunft naht, unaufhaltsam. Ihr Sinn ist verborgen. Es kommt, wie es kommt. Nur Nostradamus blickt da noch durch, der Prophet aus der Provence, der in sechs Büchern und höchst rätselhaften Vierzeilern aufgeschrieben hat, wie es weitergeht bis zum Jahre 3797. Hat er nicht die Enthauptung König Karls I. von England vorausgesehen? Und im sechsten Buch, Vers 40, das politische Ende Helmut Kohls, des großen Hinterns, der im Rhein versinkt? Hat er nicht mit der feurigen Dame im fünften Buch, Vers 65, den Auftritt Marilyn Monroes vorhergesagt? Oder war es doch Jennifer Lopez? Angela Merkel? Wer weiß.

Der Mann spricht in Rätseln. Dunkel sind die Prophezeiungen in seinen quatrains, höchst vage Zeit- und Ortsangaben. Kein Passwort entschlüsselt den Code der 942 Verse, die der beunruhigende Geist in der Dachkammer seines Hauses zu Papier gebracht hat. Nun ist es Zeit, an ihn zu erinnern. Vor genau 500 Jahren, 1503, im Zeichen des Schützen, wird Michel de Notredame (Michael von der Madonna) als erster Sohn von 18 Kindern in Saint-Rémy-de-Provence geboren. Der Vater ist Handelsmann und Rechtsberater, die Familie vom Judentum zum Katholizismus konvertiert, daher der besonders fromme Name. Der Großvater übernimmt es, den Knaben in Latein, Griechisch und Hebräisch, Mathematik und Astrologie zu unterrichten. Mit 15 schickt man ihn nach Avignon, die Geburtsstadt des Vaters, damit er dort die freien Künste studiere. Er wechselt zur Universität Montpellier, zum Studium der Medizin.

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Bald praktiziert der junge Mann als Arzt, bekämpft die Pest furchtlos und mit großem Erfolg. Weder er noch sein Esel erkranken. Er empfiehlt das Kauen aromatischer Kräuter und verzichtet weise auf den üblichen Aderlass. Auch weigert er sich, Pestbeulen aufzuschneiden, was ihn, wissentlich oder nicht, vor der Ansteckung schützt.

Wahrsager und Hexen werden verfolgt, die Scheiterhaufen brennen

Er macht sich einen Namen, den er nun als praktizierender Gelehrter latinisiert. Aus Michel de Notredame wird Nostradamus. Er dreht noch eine Ehrenrunde an der Universität, die er 1530 verlässt, als Doktor der Medizin – oder auch nicht. Da streiten die Gelehrten. Er zieht in die Kleinstadt Agen an der Garonne zu dem streitbaren Humanisten Julius Caesar Scaliger, richtet dort eine gut gehende Praxis ein und heiratet Henriette d’Encausse, der Legende nach ein 14-jähriges Mädchen von hohem Stande und großer Schönheit. Das Glück währt nur kurz. 1537 sterben die junge Frau und beide Kinder des Paares an Diphtherie.

Der Ruf des Wunderheilers ist dahin, die Praxis verfällt. Die Familie seiner Frau zeigt ihn an, will die Mitgift zurück. Schon schwirren Gerüchte, Denunziationen; die Inquisition lädt ihn zum Verhör. Es geht wohl glimpflich für ihn aus, aber in Agen hält ihn nichts mehr. Fluchtartig verlässt er den Ort, geht auf Wanderschaft, reist durch Frankreich und Italien, vielleicht auch nach Marokko und Ägypten. Immer wieder verliert sich die Spur von Nostradamus im Ungefähren.

Erste Legenden ranken sich um seine seherischen Fähigkeiten. So sei er, heißt es, unterwegs in Italien, auf eine Gruppe von Franziskanern getroffen und vor einem jungen Mönch auf die Knie gefallen. Die Franziskaner fanden es lustig, dass der Wanderer ihren Bruder mit "Seine Heiligkeit" anredete. Es war jener Schafhirte Felice Peretti, der in ferner Zukunft, 19 Jahre nach Nostradamus’ Tod, als Sixtus V. den Stuhl Petri besteigen sollte.

Die Kirche zeigt tiefe Risse. Spaltung droht. Die Päpste leben in Luxus, steigern den Ablasshandel, um den Bau des Petersdoms zu finanzieren. Wenige Jahre zuvor erst haben kaiserliche Truppen Rom verwüstet. Heinrich VIII. von England sagt sich vom Papst los, weil dieser, auf Druck Kaiser Karls V., des Königs Scheidung von Katharina von Aragon nicht billigt. In Frankreich rühren sich die Hugenotten, im Norden erheben die Reformatoren Luther und Calvin ihre Stimme. Der Vatikan reagiert mit dem scharfen Schwert der Inquisition, Wahrsager und Hexen werden verfolgt, die Scheiterhaufen brennen. Nostradamus muss vorsichtig sein. Mit seinem Mentor, dem Philosophen Julius Caesar Scaliger hat er sich zerstritten. Dichtkunst, verlangt der Humanist, solle Wahrheit verbreiten, von Nutzen sein und Frohsinn schenken. Nichts davon wird er bei Nostradamus finden. Bald wird er das "glaubensselige Frankreich" vor ihm warnen: "Begreifst du nicht, dass dieser schmutzige Halunke nur Narrenspiel mit dir treibt?"

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