Nostradamus hat die Vierzig überschritten, als er in die Provence zurückkehrt, ein Land, das in Katastrophen zu versinken droht und 1544 von der schlimmsten Überschwemmung seit Menschengedenken heimgesucht wird. Er wird nach Aix-en-Provence gerufen. Dort wütet die Pest. "Die Häuser aufgegeben und verlassen, die Männer schreckentstellt, die Frauen in Tränen, die Kinder verstört, die Alten entgeistert, die Mutigsten bezwungen, die Tiere verstreut. Der Palast ist verschlossen und verriegelt, die Justiz schweigsam und vereinsamt, und die Bahrträger wie die Dienstleute auf der Straße arbeiten auf Kredit. Die Geschäfte sind geschlossen, die Künste hat man aufgegeben, die Kirchen sind leer, die Priester niedergeschlagen." So wird César Nostradamus 1614 die Geschichte der Provence nach Erzählungen seines Vaters beschreiben.

Er ist ein Kind aus der zweiten Ehe. 1547, im Alter von 43 Jahren, hat Nostradamus die vermögende Kaufmannswitwe Anne Ponsarde geheiratet, mit der er sechs Kinder haben wird. Madame ist eine gute Partie. Nostradamus lebt als Privatier in Salon, doktert kaum noch, entwickelt dafür Salben und Duftwässerchen sowie eine bemerkenswerte Quittenmarmelade und tut sich als Autor einer Reihe von Schriften hervor wie Das Schminken und die Gerüche oder Das Buch des Einmachens. Dass er 1547 in Lyon durch seine Rosenpastillen die Pest unter Kontrolle gebracht habe, ist nicht belegt. Man muss es ihm glauben. Auch dass Rosmarin das beste Mittel gegen schlechte Laune sei.

Die scheint ihn nun auch selbst zu plagen. Er ist alles andere als glücklich. Seit 1550 veröffentlicht er einen jährlichen Almanach mit düsteren Prophezeiungen, Visionen von Krankheit, Krieg und Katastrophen. Der geistige Horizont seiner Umwelt macht ihm zu schaffen. "Hier, wo ich lebe, setze ich mein Werk unter stumpfsinnigen Tieren, rohen Menschen, Todfeinden der Gelehrsamkeit und des Schrifttums fort", notiert er ungehalten. Er gilt als heimlicher Hugenotte und Schwarzmagier. Vor seinem Haus verbrennt der Mob eine Puppe, die ihn darstellen soll.

1555 veröffentlicht Nostradamus die ersten Zenturien, wie er seine jeweils 100 Verse umfassenden Prophezeiungen nennt, ein mystisches Consommé aus Französisch, mittelalterlichem Latein und provenzalischem Dialekt, mit rätselhaften Anagrammen gewürzt. Rapis steht bei ihm für Paris, Nersaf für France. Am Ende werden es 3700 Zeilen sein, die der Seher zu Papier bringt. "Jeder, der – immer wieder um Verständnis ringend – die 942 Vierzeiler gelesen hat, wird sich dem ketzerischen Gedanken nicht ganz verschließen können, dass Absinth mit im Spiel war", notiert Frank Rainer Scheck in seiner ebenso unterhaltenden wie kritischen Nostradamus-Biografie (Nostradamus; dtv porträt; 160 S., 9,– Euro) . Nachweisen lässt sich das nicht.

Wohl aber seine Verbindung zur Kaufmannstochter Katharina von Medici, die im zarten Alter von 14 Jahren von Papst Clemens VIII. an den zwei Wochen jüngeren Heinrich von Valois vermählt wird, den kleinen Bruder des Königs von Frankreich. Als der 1547 stirbt, wird Katharina an der Seite Heinrichs II. Königin von Frankreich, eine starke Frau mit einer Schwäche fürs Esoterische. 1556 zitiert sie Nostradamus an den Hof in Saint-Germain-en-Laye. Zwei Stunden soll das Gespräch gedauert haben. Die Königin lässt sich die Horoskope für ihre Kinder erstellen. Der Wortlaut ist Legende: Sie werde drei ihrer Söhne als Könige sehen. Eine wahrhaft beunruhigende Prognose.

Die nächste Lieferung seiner Zenturien sowie eine Epistel, in der er die Zukunft in düstersten Farben malt, widmet er Heinrich, Katharinas Gemahl. Berühmt wird Vers 35 der ersten Zenturie: "Der junge Löwe wird den alten überwinden / Auf dem Schlachtfeld im Einzelkampf / In einem goldenen Käfig wird er seine Augen ausstechen: / Zwei Wunden eine, dann einen grausamen Tod sterben."

Am 1. Juli 1559 wird Heinrich II. bei einem Turnier durch den Splitter einer Lanze so schwer verletzt, dass er zehn Tage darauf stirbt. Zwar führt weder der Graf von Montgomery, Hauptmann der Schottischen Garden, der ihm den tödlichen Stoß versetzt, noch der König einen Löwen im Wappen. Der König stirbt nicht auf dem Schlachtfeld, auch wird ihm kein Auge ausgestochen, aber der Lanzensplitter dringt über dem Auge ins Gehirn. Die Legende macht aus dem goldenen Käfig den Helm des unglücklichen Königs. Und so geschieht es auch, dass nacheinander drei Söhne der Katharina von Medici König von Frankreich werden: FranzII., der nur ein Jahr regiert, Karl IX., der als Kind König wird und schon mit 24 Jahren stirbt, und schließlich Heinrich III., der letzte Valois; ihn ermordet 1589 ein Mönch.