"Man wird haben die Bildung entdeckt – fünf ist unter dem Tisch"

Nostradamus’ Ruhm eilt durch die Lande. Sterne lügen nicht. Stets hat er, der kundige Astrologe, beim heimlichen Grübeln in der Nacht, aus dem Dachfenster den Himmel beobachtet. Der Glaube an magische Kräfte und die Astrologie steht in voller Blüte. Selbst der nüchterne Jean Calvin in Genf sieht eine gewisse Beziehung zwischen den Sternen und der Disposition des menschlichen Körpers. Nur der wackere Luther reagiert allergisch auf alle Sterndeuter. "Es ist ein Dreck mit ihrer Kunst!"

Nun ja. Seit mehr als einem Jahrzehnt hat Kopernikus den Himmel neu sortiert. Die Erde ist nicht mehr der Mittelpunkt des Universums. Doch wahre Nostradamiker setzen sich über solche Erkenntnisse hinweg. Eine verschworene Gemeinde raunender Grübeltäter macht sich über das Werk des Meisters her. Einer findet, nach gründlichem Studium der Zenturien, heraus, dass Adam am Samstag, dem 25. April des Jahres 4184 vor unserer Zeitrechnung geschaffen wurde, und zwar ungefähr 45 Grad östlich von Berlin, pünktlich um null Uhr, am Anfangspunkt eines Saturnzyklus übrigens. Deshalb habe Nostradamus dem Adam, und damit der gesamten Menschheit, das Horoskop gestellt.

Nur, hat er das wirklich getan? Er hat, wohl auch aus Angst vor der Inquisition, darauf geachtet, dass seine Weissagungen vor ihrem Eintreffen für niemanden deutbar sein sollten. "Die Ungunst der Zeit, Durchlauchtigster König, erfordert es, solche verborgenen Ereignisse nur in rätselhafter Sprache zu offenbaren, nicht nur einen Sinn, ein Verständnis zulassend…", hatte er Heinrich II. geschrieben und ein Bibelwort zitiert: "Gebt das Heilige nicht den Hunden, und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor" (Matth. 7,6).

Nostradamus leidet schwer an Gicht, als Königinmutter Katharina und der noch unmündige zweite König unter ihren Kindern auf einer Rundreise durch Frankreich 1564 in Salon eintreffen, den Seher zu sehen. Der Knabe Karl IX. ernennt ihn zum "Berater und Leibarzt des Königs" und gibt ihm eine Börse mit 200 Kronen; die Mama legt noch mal 100 dazu. Eine allerletzte Reise führt Nostradamus nach Arles, wo er sich ein weiteres Mal mit den Hoheiten trifft. Am 2. Juli 1566 stirbt er in seinem Haus in Salon.

Er hinterlässt ein Vermögen von 3444 Kronen und zehn Sous sowie weitere Schuldscheine über 1600 Kronen und ein penibel ausgearbeitetes Testament, in dem er seiner Frau den Aufenthalt und die Wohnung in einem Drittel des Gesamthauses gestattet und den Hausrat, der ihr zufallen soll, bis zum letzten Salzstreuer aufzählt. Nie hat Nostradamus so klare Worte hinterlassen.

Seine Prophezeiungen indes bleiben ein ewiges Rätsel. Alle Versuche, die Verse des Meisters zu übersetzen, sind vom Unvermögen gekennzeichnet. Der erste Vers der neunten Zenturie beginnt mit den Worten "Dans la maison du Traducteur de Bourc / Seront les lettres trouvée sur table…" (IX, 1), was der Übersetzer Eduard Rösch 1849 noch in recht poetische Worte kleidet: "Im Haus des Austrägers von Tour / Man die Briefe findet auf der Tafel…" Bei dem Nostradamiker Manfred Dimde liest sich das 1994 schon so: "In dem Haus wird abgestützt werden der Führer des Geldbeutels. Man wird haben die Bildung entdeckt – fünf ist unter dem Tisch."