Vor 20000 Jahren war hier keine Menschenseele", sagt Kurt Wehrberger, eingemummt in seine Winterjacke, und blickt in den Nebel. Die schwarz-feuchte Straße am Fuß der Anhöhe, die von Stetten ob Lontal nach Bissingen führt, ist noch zu erahnen, der Horizont nicht mehr. Keine Sicht auf die Lone, die als schmales Rinnsal nach Nordosten zur Donau fließt. Vor 20000 Jahren fror hier ein eiszeitliches Kältemaximum alles zu: die zweite jungpleistozäne Vereisung. Süddeutschland war menschenleer, die Schwäbische Alb ein unwirtlicher Fleck. © ZEIT-Grafik

"Aber davor!", sagt Wehrberger. Seine Augen gewinnen an Glanz. Er geht in seiner Erzählung nochmals 15000 Jahre zurück in eine, zumindest zeitweise, wärmere und rätselhafte Vergangenheit. "Hier war keine Einöde", sagt er. Eine westsibirische Tundra müsse man sich vorstellen, baumloses Grasland, Büsche und das Tal acht Meter tiefer. Von der Anhöhe, auf der Wehrberger steht, lugten Hominiden auf einen Wildwechsel. Erspähten sie Rentiere, Wildpferde oder Hirsche, riefen sie die Kameraden, packten Holzspeere mit Spitzen aus Feuerstein, Knochen oder Geweih und bliesen zum Halali. Streunte hingegen ein hungriger Löwe durchs Tal, gaben sie Fersengeld.

In der Halbfinsternis künden Holzkohlereste von Grillpartys des heißen Sommers 2003. Genau hier, in dieser kleinen Karsthöhle, saßen im Winter und Frühling vor 35000 Jahren gelegentlich Jäger um eine Feuerstelle und wärmten sich an glimmenden, markreichen Tierknochen, mit denen sie mangels Holz zu heizen pflegten. Wehrberger sagt, es seien keine grobschlächtigen Gesellen gewesen, die hier in Gruppen von höchstens 25 Personen die Höhle als Unterschlupf vor dem unsteten, rauen Klima nutzten. Von Feuersteinknollen schlugen sie scharfe Klingen ab. Damit schufen die begabten Handwerker neben Waffen und Schmuck auch Kunst. Sie schabten, schnitzten und schliffen aus Stoßzähnen erlegter Mammuts winzige Tierfiguren: ein Wildpferd mit überlangem, rund gebogenem Hals, die Miniatur eines wuchtigen Wollnashorns, ein Mammut, einen Bison, das Haupt eines strammen Löwen, einen Schneeleoparden.

Natürlich werden sich Anthropologen, Archäologen und Kunsthistoriker ewig darüber streiten, wo, warum und wann der anatomisch moderne Mensch zum Künstler geworden ist. Ging der ersten schöpferischen Phase ein Entwicklungsprozess von Zehntausenden Jahren voraus? Schuf der Mensch erst simple, dann nach und nach komplexere Werke? Oder ging in jener Zeit, den die Frühkunstgeschichte nach einer Fundstelle in Frankreich Aurignacien nennt, alles Schlag auf Schlag?

Die bisherigen Funde belegen, dass den Menschen vor über 40000 Jahren nicht mehr gelungen ist, als sich mit abstrakten Kratzern in Knochen, Zähnen oder Gestein zu verewigen. Vor knapp 80000 Jahren etwa dämmerte im Kopf eines frühen Südafrikaners der Sinn für Ästhetik, als er in der Blombos-Höhle über dem Indischen Ozean geometrische Ornamente in Ockerstücke gravierte. Er schuf die vielleicht ältesten Belege symbolischen Denkens, aber gewiss noch keine Kunst.

Vor über 30000 Jahren jedoch schnitzten Menschen aus den Stoßzähnen eines haarigen Rüsseltiers plötzlich Kleinode: Millimetergenau formten sie Raubtierkiefer, Nüstern, Öhrchen und Federkleid, werkelten stundenlang an Augen, Bäuchen, Pfoten, Füßen. In der vergangenen Woche publizierte das Fachblatt Nature die drei jüngsten Funde aus der Zeit dieses künstlerischen Urknalls. Parallel dazu präsentierte in Blaubeuren der Archäologe Nicolas J. Conard die aktuellen Grabungsfunde aus der Höhle namens Hohle Fels bei Schelklingen im Achtal der Öffentlichkeit – einen Pferdekopf, einen Wasservogel und ein Figürchen: halb Löwe, halb Mensch.

Insgesamt belegen nun 18 Kunstwerke aus Elfenbein, allesamt vor 30000 bis 36000 Jahren entstanden, wo der jagende Mensch vor 1300 Generationen zum leistungsfähigen Kreativen aufgestiegen ist: auf der Schwäbischen Alb. Nur wenige Kilometer liegen die vier Fundorte Vogelherd, Hohlenstein-Stadel, Geißenklösterle und Hohle Fels auseinander. Hier hatte die Menschheit im Aurignacien ihre ersten Kunstateliers. Riesige Mengen von Spänen als zwangsläufiger Abfall vom Schöpfungsprozess belegen, dass es sich bei den Kleinoden keineswegs um Mitbringsel handelte, sondern um Qualitätsware made in Germany.

"Ohne Zweifel handelt es sich um die älteste Ansammlung figürlicher Kunst auf der Welt", kommentiert der Archäologe Anthony Sinclair von der Universität Liverpool in Nature die kleinen Statuetten von der Alb. Als große Überraschung wertet er die Qualität der prähistorischen Miniaturen. Die Theorie einer "schrittweisen Entwicklung der Kunstfertigkeit" sei damit über Bord. Stattdessen belege die Urkunst aus Schwaben, dass "die ersten modernen Menschen in Europa erstaunlich frühreife Künstler waren".