Paris

Als der Terrorist Carlos nach seiner Festnahme 1994 zum ersten Mal in Paris vernommen wurde, fragte ihn der Richter Jean-Louis Bruguière, welchen Anwalt er sich wünsche. Noch bevor Carlos den Namen ganz ausgesprochen hatte, hielt Bruguière den Telefonhörer in der Hand und wählte die Nummer von Jacques Vergès.

Noch ist nicht bekannt, ob auch Saddam Hussein sich Jacques Vergès als Verteidiger wünscht. Doch direkt nach der Festnahme des irakischen Diktators erklärte der berüchtigte Pariser Staranwalt, er halte sich für dieses Mandat bereit. Derzeit trifft er auf Wunsch der Familie von Tarik Aziz zunächst Vorkehrungen für die Verteidigung des ehemaligen irakischen Propagandaministers. Kontakt mit der Hussein-Familie habe er noch nicht, sagt der stets lächelnde Vergès; und leider gebe es in Jordanien und der Türkei unzählige Anwälte, die ebenfalls gern diesen Fall übernehmen würden.

Doch keiner von ihnen kann es mit der teuflischen Erfahrung des Franzosen aufnehmen, der sich seit 40 Jahren auf die Verteidigung von Diktatoren und politischen Schwerverbrechern spezialisiert hat. Der Exmaoist und Gaullist vertrat algerische Bombenleger und libanesische Terrorchefs, aber auch schwarzafrikanische Potentaten und den jugoslawischen Präsidenten Milo∆eviƒ. Schon während des ersten Golfkrieges 1991 hatte der muslimische Anwalt (!) Saddam Hussein zu seinem Wunschmandanten auserkoren, jenen "arabischen Bismarck, der für die Einheit Arabiens kämpfte".

"Ich verteidige auch meine Feinde", sagt der 79 Jahre alte Jurist heute und führt Besucher durch die Skulpturensammlung in seiner Kanzlei. Das versteckte dreistöckige Hinterhaus nahe der Place Pigalle wirkt wie ein ethnologisches Spukschloss, voll gestopft mit afrikanischer und fernöstlicher Kunst sowie einer Riesenbibliothek. Die meterhohen Kultfiguren, erläutert der alterslos wirkende, kleine Mann, sind Geschenke von Diktatoren aus Mali und Togo, die Khmer-Köpfe und Makonden stammen von anderen dankbaren Mandanten. Und im Vorraum stehen zwölf kostbare alte Schachspiele auf einem Riesentisch, als übe der Maître an der größten Simultanpartie der Geschichte.

Im Halbdunkel der auch tagsüber zugezogenen Vorhänge könnte Vergès leicht das Monstrum, den Fürsten der Finsternis abgeben, der mit perverser Lust die Massenmörder der irdischen Gerechtigkeit entziehen will. Wie auf Knopfdruck hat Vergès schon die Verteidigungsstrategie für Saddam parat: "Wenn er an einem geheimen Ort gefangen gehalten wird, widerspricht das internationalen Konventionen. Wenn er Kriegsgefangener ist, hat er auch das Recht auf Anwaltsbesuche. Wenn er angeklagt wird, muss die Unschuldsvermutung für ihn gelten. Und wenn er wie ein Paria verurteilt wird, dann wird sein Anwalt sagen: Dieser Paria war einst der Freund und Verbündete aller westlichen Staatschefs."

Würde er bei solchen Ausführungen ein teuflisches Grinsen aufsetzen, eine der überall in seinem Büro aufgehängten schwarzen Roben anziehen und mit irrem Blick umherlaufen, wäre der Mann leichter zu fassen. "Auch Dostojewskij hat seinen Raskolnikow nicht geliebt, als er ihm einen ganzen Roman widmete." Jacques Vergès gibt sich hoch gebildet und spricht gönnerhaft gelassen vom Berufsethos des Anwaltes. "Es ist dasselbe wie bei Ärzten, die ebenfalls keine Schwerkranken abweisen – doch ich gebe zu, dass ich lieber einen Herzinfarkt als 100 Grippen behandeln würde."

Der Sohn eines kreolischen Vaters und einer vietnamesischen Mutter, 1925 in Thailand geboren, erfuhr es schon früh als Kränkung, dass sein Vater wegen der Mischehe sein Amt als französischer Konsul aufgeben musste. Vergès begreift sich als "Kolonisierter" und führt einen obsessiven Gerechtigkeitskampf – erst für linke Terroristen, dann für rechte Gewalttäter. Der ehemalige Mitkämpfer in Charles de Gaulles Résistance-Armee zog zunehmend gegen sein eigenes Land ins Feld. Er wurde zum nationalen Hassobjekt, als er 1987 bei der Verteidigung des ehemaligen Gestapo-Chefs Klaus Barbie, des Schlächters von Lyon, Kolonialgräuel der Franzosen gegen die Untaten der Nazis aufrechnete. "Ich habe die Rolle des Doktor Freud," sagt Vergès. Die Franzosen wollten ihre Verbrechen nicht gestehen. Ich will sie zwingen, sich dazu zu bekennen. Nur dann können sie genesen."