Brigitte Kleinehanding verfolgt die Politik von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit besonderer Aufmerksamkeit. Erstens ist sie Schmidts Nachbarin zu Hause in Aachen – und zweitens ist sie Apothekerin. Da sei die kritische Distanz zum jeweiligen Gesundheitsminister naturgegeben, meint sie: "Mit jeder Reform wurde meine Arbeit schwieriger."

So auch jetzt: Wenn Kleinehanding durch ihr Schaufenster nach draußen blickt, steigt der Ärger in ihr hoch. Die Apothekerin fürchtet um ihren Umsatz. Denn ein paar Kilometer die Straße runter liegt die holländische Grenze, und gleich dahinter sitzt der Arzneiversender DocMorris. Der darf, dank Ulla Schmidt, von Januar an legal nach Deutschland liefern.

Tatsächlich summt und brummt es im Gewerbegebiet von Landgraaf, in der Firmenzentrale von DocMorris. Neulich gab es erstmals über 3000 Bestellungen an einem Tag. Die Champagnerflaschen, die der Chef Ralf Däinghaus damals spendierte, stehen ungeöfffnet in der Poststelle. Zum Trinken war noch keine Zeit. Inzwischen ist der Flachbau so voll gestopft mit Arzneihochregalen und Telefonarbeitsplätzen, dass der Chef in einen Bürocontainer ausweichen musste. Jetzt sucht er nach einer größeren Immobilie.

Patienten mögen DocMorris

Die Arzneiversender sind bei den Patienten beliebt, weil sie billiger sind. Bisher verzichtete DocMorris ganz auf die Rezeptgebühr. Von Januar an, wenn sich die Gebühr erhöht, zahlen Kunden dort die Hälfte. Bei Vitaminen und Vichy-Salben bietet der holländische Versender Dauer-Niedrigpreise, und selbst auf rezeptpflichtige Medikamente gibt es Rabatt.

Bisher geschah all das im halblegalen Bereich. DocMorris durfte nicht offiziell nach Deutschland liefern. Pro forma mussten deshalb die Kunden einen Kurierdienst losschicken. Künftig entfällt dieser bürokratische Umweg. Jetzt können DocMorris und seine Versandkollegen vom Pharmakontor und der Europa Apotheek, die sich ebenfalls in Holland angesiedelt haben, ihre Päckchen direkt über die Grenze schicken.

Auch innerhalb Deutschlands breitet sich die Idee des Arzneiversands langsam aus. Die Berg-Apotheke im münsterländischen Tecklenburg etwa sieht von außen aus wie jede andere Apotheke auch; in den Regalen stehen Haar- und Hautpflegemittel, in der Tee-Ecke liegen Kräuterbeutel gegen Fieber und Flatulenz. Im Keller aber beginnt die Zukunft der Zunft. Dort packt Apotheker Paul Christoph Dörr die Arznei-Tagesrationen für 200 Bewohner der Pflegeheime in der Region zusammen. Im Reinraum im Nachbarhaus lässt er Chemotherapien für Krebskranke in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zusammenstellen, und eine Ortschaft weiter, in Ibbenbüren, steht ein Industriebau, aus dem Dörr Kühlkisten mit Impfstoffen in die ganze Republik verschickt. Gerade wird dort noch eine zweite Fabrikhalle ausgebaut, künftig soll die Berg-Apotheke auch Arzneien versenden.

Der Grund für Dörrs Expansion hat einen Namen: Ulla Schmidt. Der Apotheker will Teil des so genannten Chronikerprogrammes werden, das die Ministerin gerade umsetzt. Es sieht standardisierte Therapien für die Millionen von Diabetes-, Asthma- und Rheumapatienten in Deutschland vor. Für Apotheker, die auf Massenversand umstellen, kann sich dahinter ein gutes Geschäft verbergen.