Täglich gehen Nachrichten von blutigen Anschlägen und spektakulären Gefangennahmenaus dem Irak um die Welt. Von der Business-Geschichte dahinter hört man wenig: Damit George W. Bush seinen Truppen zum Thanksgiving Day in Bagdad den obligatorischen Truthahn servieren konnte, damit die Heerscharen von US-Soldaten bei ihrem Stressjob wenigstens gut essen können, Telefone funktionieren, Baracken sauber gehalten und die Uniformen gewaschen werden, sind überall zivile Helfer aus der Heimat mit ihm Spiel. Amerikanische Firmen wie Halliburton, Dyncorp, Aecon, Vinnell und Bechtel haben sich längst zu wesentlichen Akteuren – und Profiteuren – des Bushschen Krieges gegen Saddam und seine Getreuen erwiesen.

Seit einiger Zeit liefern sie außerdem reichlich Munition für die Kriegs- und Bush-Gegner in aller Welt. Ausgerechnet in der Woche, in der ein neuer 2Milliarden-Dollar-Auftrag für die Reparatur irakischer Ölfelder anstand, musste sich der Großunternehmer Halliburton aus dem texanischen Houston wegen allzu saftiger Rechnungen im Irak rechtfertigen. Buchprüfer des Pentagon ermitteln zum Beispiel wegen eines Kostenvoranschlags für die Soldatenverpflegung, der um stolze 67 Millionen Dollar zu hoch sein soll. Halliburton soll auch bei der Hygiene in den Küchen geschlampt haben, die Bechtel-Gruppe beim Bau von Schulen – eine lange Liste von Vorwürfen.

Das riecht nach Filz und Vetternwirtschaft, zumal George W. Bush gerade patriotisch ("Es ist sehr einfach, unsere Leute haben ihr Leben riskiert!") und mit Witzchen über das internationale Recht eine Direktive des Pentagon verteidigt hatte, deutsche, französische und russische Konkurrenten vom Wiederaufbau im Irak auszuschließen. "Dieser Präsident schließt ganze Nationen aus, damit seine Wahlkampfspender weiter die amerikanischen Steuerzahler übers Ohr hauen können", polterte der demokratische Präsidentschaftsbewerber Howard Dean. Hat er Recht?

Die Sachlage ist nicht ganz so einfach. Zugegeben, das Big Business rings um den Bushschen Krieg gegen den Terror bietet dankbaren Stoff für Verschwörungstheorien. Erst im Frühjahr war die Aufregung groß, als der Vizepräsident Dick Cheney eine Art Millionenrente von seinem ehemaligen Arbeitgeber Halliburton eingestand, welcher ganz ohne Ausschreibung einen Auftrag für das Management irakischer Ölfelder erhielt. Organisationen wie das Washingtoner Center for Public Integrity haben inzwischen detailliert nachgewiesen, welch enge Verbindungen viele Mitglieder der Verwaltung, des Militärs, der Regierung und der Familie Bush zu solchen Firmen unterhalten. Dass es da gegenseitige Gefälligkeiten gibt, kann man sich gut vorstellen.

Doch wie sich inzwischen herausgestellt hat, wirkten sich des Öfteren auch konkrete Wünsche aus der Administration preistreibend aus: Halliburton zum Beispiel verteidigt gerade seine überteuerten Öllieferungen an die US-Militärmaschinierie im Irak mit dem Argument, dass man aus politischen Gründen auf Kuwait als Lieferland festgelegt worden sei statt auf die billigere Türkei. Die Extraprofite hätten daher die arabischen Unterlieferanten eingestrichen. Halliburton selbst aber habe an ihren überhöhten Rechnungen gar nichts verdient. Wenn das stimmt, bleibt von dem ausgerufenen "Skandal" tatsächlich wenig übrig. Als gesichert gilt ohnehin: Der Einsatz privater Dienstleister ist immer noch billiger als die früher übliche bürokratisch organsierte Selbstversorgung durch das Pentagon.

Darum ist das wahre Thema auch ein ganz anderes: der Aufstieg eines neuartigen militärisch-industriellen Komplexes, die Teilprivatisierung der Kriegsführung und der "Nationenbau" nach amerikanischer Manier. Schon unter George Bush senior und unter Bill Clinton hatte das Outsourcing militärischer Aufgaben begonnen, weil Geld gespart werden sollte. George W. Bush und sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld haben sich als große Fans dieser Idee erwiesen: Das Pentagon vergibt immer mehr Aufgaben an Halliburton und Co – den Bau des Gefängnisses in Guantánamo Bay genauso wie Aufklärungsflüge, den Service in den Offizierskantinen wie die Wartung der Telefonanlage in der Kommandozentrale oder das Training irakischer Polizisten. Der Wiederaufbau zerbombter Städte und Ölfelder ist ohnehin der Job privater Firmen. Kein Wunder, dass das Geschäft rund um die amerikanischen Kriege inzwischen als lukratives Big Business gilt. Die Halliburton-Tochter KBR hat sich daran geradezu saniert. Und mit der International Peace Operations Association betreibt die Militärunterstützungsbranche inzwischen sogar ihren eigenen Lobbyverband in Washington.

In vielen Bereichen sind solche Firmen heute mit dem Militär unkenntlich verschmolzen, für die neue Art der amerikanischen Kriegsführung sind sie unverzichtbar geworden. Nach manchen Schätzungen marschierten im Irak-Krieg bis zu 20000 Angestellte solcher Firmen im Gefolge der Kampftruppen mit oder hielten sich in den angrenzenden Ländern bereit. Das wären fast doppelt so viele Zivilhelfer wie britische Soldaten. Spötter sprechen schon von einer "coalition of the billing", einer Koalition auf Rechnung. Diese Leute sind Helfer, keine Kämpfer oder Söldner, doch eine erhebliche Zahl von ihnen ist im Krieg gefallen, allein bei Halliburton und seinen Subunternehmern mindestens sieben. Halliburton rechtfertigte in der vergangenen Woche auch einige seiner hohen Kosten nicht ganz unberechtigt mit Gefahrenprämien: Mitarbeiter müssten für ihr Missionen in unsicheren Gebieten teuer gewonnen werden. Große Teile des Irak, oder auch Afghanistan außerhalb Kabuls, sind bis heute de facto Kriegsgebiete und keineswegs normale Arbeitsumfelder.

Die Proteste diesseits des Atlantiks, dass europäische Firmen von Aufträgen im Irak ausgeschlossen bleiben, sind vor diesem Hintergrund wohl auch eher als politisches Posieren zu werten. Zumal es in Washington heißt: Wenn Firmen aus diesen Ländern wirklich mitmachen wollen, können sie sich nach wie vor bewerben. Sie können über ihre US-Töchter um Pentagon-Verträge bieten oder einfach als Subunternehmer von Halliburton und Co.