Diese Geschichte beginnt vor 17 Jahren in Ecuador, in der Großstadt Milagro, wo eine junge Frau nach zwölf Jahren Schule keinen Ausbildungsplatz fand und begann, auf dem Markt Fische zu verkaufen. Sie beginnt in einem anatolischen Bauerndorf namens Çat, wo vor 15 Jahren eine Witwe ihre vier Kinder kaum noch ernähren konnte und eines Tages Besuch von einer Tante aus Deutschland bekam. Sie beginnt in dem albanischen Dorf Marez, wo vor über 30 Jahren ein junger Mann von einem Land im Norden Europas hörte, in dem er mehr zum Familienunterhalt würde beitragen können als daheim.

Drei Menschen, drei Geschichten, und alle führen sie in dasselbe Land, dieselbe Stadt, dasselbe Viertel und schließlich in verschiedene Etagen desselben Hauses.

Wo genau das Haus steht, ist nicht wichtig. Stadtteile wie diesen gibt es inzwischen in jeder deutschen Großstadt. "Problemgebiete" heißen sie im Armutsbericht der Bundesregierung: Unterschichtsviertel mit hohem Ausländeranteil und hoher Arbeitslosigkeit, die "ein eher kinderfeindliches und ungesundes Wohnumfeld mit schlechter Infrastruktur" bieten, gepaart mit "Aggression, Gewalttätigkeit und Vandalismus" sowie einer sinkenden "Bereitschaft, am demokratischen Willensbildungsprozess mitzuwirken".

Gerade hat der demokratische Willensbildungsprozess entschieden, dass Langzeitarbeitslosen in Zukunft jede Arbeit zuzumuten und der Kündigungsschutz in kleineren Betrieben entbehrlich sei. Da ist ein solcher Stadtteil kein schlechter Ort, um einige Folgen dieser neuen Bestimmungen zu erkunden. Was werden sie für die Armen in diesem Land bewirken?

Die Armen?

Wer in Deutschland als arm zu gelten hat, ist heftig umstritten. "Die Aufgabe, Armut zu messen beziehungsweise messbar zu machen, scheint im streng wissenschaftlichen Sinne nicht lösbar", heißt es im Armutsbericht, der, obwohl drei Jahre alt, noch immer die umfassendste Materialsammlung zum Thema ist. Auf der Linken, die in der Armutsforschung den Ton angibt, sind Konzepte relativer Einkommensarmut üblich, nach denen beispielsweise als arm zu gelten hat, wer über weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens verfügt.

Genau genommen, messen solche Konzepte freilich nur soziale Ungleichheit und sagen mehr über die Gerechtigkeitsvorstellungen desjenigen aus, der sie verwendet, als über die Lebenslage der Betroffenen.