Es ist Schurkenherbst. Erst Saddam Husseins Gefangennahme, nun der völlig überraschende, friedliche Durchbruch an der libyschen Front. Oberst Ghaddafi erklärt sich bereit, sein atomares und chemisches Militärpotenzial zu vernichten und die Produktion von Massenvernichtungswaffen einzustellen. Er will sogar Kontrolleure ins Land lassen. Dem britischen Premier Tony Blair war der Stolz über die Nachricht anzusehen, die er Freitagnacht verkündete.

Neun Monate hatten London und Washington geheime Verhandlungen mit Tripolis geführt. Nun wird Ghaddafi sein Arsenal in "einem offenen, verifizierbaren Prozess" abrüsten. Auch auf Raketen mit einer Reichweite von mehr als 300 Kilometern will er verzichten.

"Eine historische und mutige Entscheidung Libyens", lobte Blair und stellte Tripolis in Aussicht, den Weg zurück in die internationale Völkergemeinschaft zu finden. In Washington frohlockte Präsident George Bush: "Ein großer Erfolg im Kampf gegen Terror und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen."

Der eigentliche Erfolg liegt in der friedlichen Umkehr Ghaddafis. Der Westen hatte sein Land schon lange bezichtigt, verbotene Waffensysteme zu entwickeln. Ghaddafi war seit dem Anschlag in der West-Berliner Diskothek La Belle 1986 und dem Abschuss der Pan Am-Maschine über dem schottischen Städtchen Lockerbie 1988 der Lieblingsfeind der Briten und Amerikaner gewesen. Die USA bombardierten mehrmals die libysche Hauptstadt Tripolis. In einem jahrelangen quälenden Prozess verlangten Amerikaner und Briten die Auslieferung der Attentäter. Heute ist Ghaddafi sogar bereit, Kompensationen an die Opfer zu zahlen.

Doch er konnte den Verdacht nicht ausräumen, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Auch wenn sein System die Kraft nicht aufbrachte, nuklear und biologisch zu rüsten - an Vorräten chemischen Horrors fehlte es ihm nicht, und zumindest seine Absichten richteten sich auf die Herstellung von Atom- und Biowaffen. Amerika und Großbritannien demonstrieren nun, dass es möglich ist, den Bau solcher Waffensysteme auch ohne Krieg zu verhindern. Blair versäumte es nicht, die "multilateralen" Bemühungen zu erwähnen und natürlich auch nicht die Verhandlungen, die derzeit mit Iran und Nordkorea über deren Atomprogramme laufen.

Tony Blair kann jetzt bei den Kritikern zu Hause wie bei den europäischen Verbündeten auf größeres Verständnis hoffen. Er sieht die größte Gefahr für den Weltfrieden in einer Zusammenarbeit von hochgerüsteten Schurkenstaaten und global operierenden Terrorgruppen wie al-Qaida. Vor allem mit diesem Argument hatte Blair den Waffengang gegen Saddam Hussein gerechtfertigt. Der militärische Zusammenbruch des Iraks sollte eben jene Staaten bekehren, die Massenvernichtungswaffen produzieren wollen. Doch im blutigen Guerillakrieg in Bagdad, Tikrit und Falludscha schien sich diese Hoffnung zu verflüchtigen.

Die Umkehr Ghaddafis zeigt, dass das Kalkül der Briten und Amerikaner vielleicht doch aufgehen könnte. Berlin und Paris sollten Blair und Bush ihre zur Schau getragene Genugtuung über ihren Coup nachsehen. Sollte Ghaddafi sein Wort einlösen, wäre ein Durchbruch gelungen.