Was tun, wenn der eigene Sprössling Schreikrämpfe bekommt, weil er sein Zimmer aufräumen soll, Geschwister und fremde Kinder verprügelt, Eltern und Respektspersonen beschimpft und den Kanarienvogel rupft? Die israelische Psychologin Carmelite Avraham-Krehwinkel rät Eltern in solchen Fällen zu gewaltlosem Widerstand, etwa in Form eines Sit-in im Kinderzimmer.

Das könnte so aussehen: Die Eltern betreten überraschend das Zimmer des Kindes und überreichen ihm eine Deklaration mit ihren Forderungen. "Wir verlangen, dass du aufhörst, uns zu beschimpfen und uns gegenüber vulgäre Bewegungen zu machen." Nach der Übergabe erbitten sie eine Stellungnahme und einen Vorschlag zur Veränderung. Danach warten die Eltern schweigend ab – nicht länger als eine Stunde. Folgt ein konstruktives Angebot, verlassen sie das Zimmer entsprechend früher.

Dieses Erziehungskonzept orientiert sich an der Idee des gewaltlosen Widerstandes des indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi: Wer sich gegen Gewalt, auch gegen kindliche, wehren muss, steckt in einer Falle. Sowohl Gegengewalt wie Kapitulation führen, ob in der Familie oder im britischen Empire, zur Eskalation des Konflikts. Im ersten Fall werden, ob vom König oder Kind, noch stärkere Gewaltaktionen draufgesetzt, im zweiten Forderungen und Repressalien höher geschraubt. Aus dieser Zwickmühle kommt man nur, so ist Avraham überzeugt, auf Gandhis Pfaden. Da es um die eigene Existenz gehe, müssten der Kampf geführt und Widerstand geleistet werden, allerdings unter Verzicht auf Gewalt.

Lieber harte Familientherapie als medikamentöse Ruhe

Der indische Freiheitskampf – eine brauchbare Vorlage für die Lösung von Familienkonflikten? Das eigene Kind als Gegner, als "Feind" in einer hoch politischen Auseinandersetzung? "Das klingt zwar ziemlich hart", sagt der Familientherapeut David Aldridge, "aber dieses Modell soll ja auch besonders harte Fälle knacken helfen." Aldridge lehrt Qualitative Forschung in der Medizin an der Universität Witten/Herdecke und betreut Avraham als Doktorvater. Der Brite bevorzugt Doktoranden der besonderen Art. Im Moment sind es 26, zwei Drittel davon weiblich und meist "nicht mehr so ganz jung". Auch Avraham, 51, ist nur fünf Jahre jünger als ihr Betreuer. Aldridge nimmt keine abstrakten Promotionsthemen an, "sondern nur solche, die in der Praxis genutzt werden können". Am Konzept seiner israelischen Doktorandin, das im nächsten Sommer als Dissertation veröffentlicht werden soll, reizt ihn noch etwas anderes: "Jede Möglichkeit, bei verhaltensgestörten Kindern ohne Medikamente auszukommen, muss verfolgt werden."

An solchen therapeutischen Möglichkeiten existiert inzwischen eine verwirrende Vielfalt. Ob Gruppen-, Einzel-, Beschäftigungs-, Familien- oder Hypnotherapie, von der Psychoanalyse bis zur radikalen Ernährungsumstellung: Nicht nur verzweifelte Eltern blicken nicht mehr durch. Und da soll Gandhis gewaltloser Kampf der Therapieweisheit letzter Schluss sein? "Alle Therapeuten meinen immer, sie allein hätten das geschnittene Brot erfunden", sagt Aldridge. Wichtig sei es vor allem, möglichst viele Methoden anzubieten. Aber wird da nicht, gewaltlos hin oder her, einer Eltern-Kind-Konfrontation das Wort geredet? "Das sieht nur aus deutscher Perspektive so aus", sagt er, "in die israelische Kultur passt das Konzept sehr gut."

Da kommt es ursprünglich auch her. Carmelite Avraham hat jahrelang in Deutschland als Familientherapeutin gearbeitet, ist aber vor zwei Jahren nach Israel zurückgekehrt. Dort treibt sie ihre Dissertation an der Universität Tel Aviv voran, unterstützt von dem Psychologen Haim Omer, der mit seinem Buch Autorität ohne Gewalt auch in Deutschland bekannt wurde.

Von Omer stammt das Modell von der "elterlichen Präsenz als systemisches Konzept". Es beruht auf der systemischen Familientherapie und geht davon aus, dass nicht nur das schwierige Kind allein "gestört" ist, sondern ein ganzes Beziehungssystem, also die gesamte Familie, aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Und das soll wiederhergestellt werden. Keine Therapie für das Kind also, stattdessen eine Art Autoritätstraining, ein Coaching für die Eltern.