Li Nings helles Chefbüro im Beijing New World Center, mit Blick auf den Kaiserpalast, ziert ein altes Farbfoto aus dem Olympiastadion in Los Angeles. Darauf ist ein strahlender Junge im blauen Trainingsanzug mit drei Goldmedaillen um den Hals zu sehen. Damals fing alles an. Es war 1984, das einzige Jahr, in dem sich der Steuermann Deng Xiaoping leibhaftig an die Spitze Chinas stellte und am 35. Gründungstag der Volksrepublik eine Militärparade abnahm. Damals schenkten die körperlich kleinen Männer Deng und Li dem großen Land sein neues, bis heute nicht verlorenes Selbstbewusstsein.

Li war mehr als ein Sieger – seine Turnkunst faszinierte die Welt so sehr, dass man ihn noch Jahre später neben Pelé und Muhammad Ali unter die 25 einflussreichsten Sportler des 20. Jahrhunderts wählte. Denn wie Pelé und Ali überwand Li die Grenzen seines Sports, um das zu sein, was er heute ist: erfolgreicher Sportartikelunternehmer, studierter Jurist, umworbener Talkshow-Gast und nebenbei überzeugter Gegner der Todesstrafe.

So verkörpert sein Lebensweg wie kein anderer die Utopie vom modernen China: Nur die aus alter Tradition geschöpfte Disziplin des Turners verhalf dem Sohn eines armen Dorfschullehres in Südchina auf die Weltbühne. Erst die neu eingeführte Marktwirtschaft verschaffte ihm in seiner zweiten Karriere die notwendige Unabhängigkeit. Dann aber machte das Jura-Studium aus ihm einen kritischen, aufgeklärten Staatsbürger. "Man muss stets ein Krisengefühl bewahren. Jederzeit kann alles schief gehen", sagt Li heute im Alter von 40 Jahren. Und trägt immer noch Blau. Nur hat er den Trainingsanzug gegen den Designeranzug getauscht.