Zu den vielen festlichen Gelegenheiten, die das Jahresende bietet, sich zu betrinken, gehört an vorderster Stelle der Weihnachtsmarkt, wie man denn überhaupt sagen muss, dass ältestes Brauchtum sich besonders reformfreudig und flexibel zeigt. Den Trachtenjanker gab es schon vor Jahrzehnten in einer modischen, besonders für Khakihosen geeigneten Form. Über das Mini-Dirndl, so kurz, dass es darunter nicht einmal blitzen kann, ist auch schon gesprochen worden. Weniger deutlich hat sich die so genannte Glühweindebatte entwickelt.

Wir sind der Meinung, dass sich das beliebte Heißgetränk über die Jahre vollständig entalkoholisiert hat und die gleichwohl zu beobachtende Trunkenheit der Weihnachtsmarktbesucher fast ausschließlich auf den Geruch zurückgeführt werden muss. Dieser allerdings kann die Wirkung von Äthanol, was Übelkeit, Erbrechen und Schwindelgefühle anlangt, mühelos ersetzen.

Insofern muss rund um die Christkindlmärkte und ihre Produkte kein Reinheitsgebot diskutiert werden. Hier gilt das Wysiwyg-Prinzip (What you see is what you get), und niemand wird von dem verfilzten Schafwolllatz, den er neben handgezogenen und mit dem Munde bemalten Kerzen erwirbt, erwarten, dass er nach der ersten Maschinenwäsche sich in ein schäfchenweiches Kuschelteil verwandelt. Vom Weihnachtsmarkt gilt wie von der Weihnachtsgeschichte: Betrug ist ausgeschlossen beziehungsweise inklusive. Der Stern von Bethlehem für 9,95 Euro blinkt nicht länger, als die enthaltene Kohle-Zink-Batterie durchhält, also beispielsweise nicht bis Silvester. Dafür bieten die besseren Märkte in den schlechteren Vierteln schon die passende Feuerwerksmunition, und tatsächlich ist es empfehlenswert, den Rückweg vom Weihnachtsmarkt nicht unbewaffnet anzutreten, vor allem wenn man mit den Glühweintrinkern in der U-Bahn sitzt. Ein Knallfrosch, zwischen den Sitzreihen gezündet, kann für wenigstens zwanzig Sekunden verhindern, dass man Ihnen auf besagte Khakihose kotzt. Wenn Sie außerdem vor spontanen Umarmungen durch Altnazis und Burschenschaftlern sicher sein wollen, sollten Sie den Khakiton nicht waldhonigdunkel wie bei Rommels Afrikacorps gewählt haben, sondern in dem westlich-liberalen Hellbeige der alliierten Sieger. Übrigens erhöht auch ein Slip unter dem Dirndl-Mini die Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmitteln erheblich. Wenn schon das Brauchtum an der Spitze des Fortschritts marschiert, sollten Sie sich nicht unnötig verstockt zeigen.

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