Wenn es so etwas wie einen Wortverbrauchszähler gäbe, dann hätte er im zurückliegenden Jahr einen Maximalverbrauch des Begriffs "Eigenverantwortung" angezeigt. Ob bei Gesundheitsreform, Rentenreform oder Arbeitsmarkt: Jeder redet von Eigenverantwortung, aber wer weiß, was er wirklich damit meint? Und fällt niemandem auf, dass der Begriff - fast ein Unwort - zunächst eher sinnwidrig klingt? Doch trotz des inflationären Gebrauchs verbirgt sich hinter dem Wort ein interessantes Kapitel politischer Geistesgeschichte.

Ein Rückblick auf die Begriffsgeschichte zeigt: Am Anfang war das Verb. Nur das Verb! Im Mittelhochdeutschen bedeutet verantwurten oder verantwürten, dass man vor einer überlegenen Instanz Fragen zu einer Tat beantwortet. Die früheste derartige Frage finden wir im Alten Testament im 1. Buch Mose nach dem Brudermord an Abel: "Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel?

... Was hast du getan?"

Mit anderen Worten: Wo sich jemand verantworten muss, da ist zuvor etwas vorgefallen. Anschließend muss der Täter die Frage beantworten: Warum? Und nachdem er Auskunft gegeben hat, wird er - philologisch aber erst vom 15.

Jahrhundert an - zur Verantwortung gezogen, das heißt, er muss eine Sanktion hinnehmen. Vom 17. Jahrhundert an kommt es zu der Wortbildung "verantwortlich". Wer verantwortlich ist, schuldet Rechenschaft. Immer aber gibt es zuerst einen Vorfall. Verantwortung kommt nach dem Fall!

Antizipierende Verantwortung in dem Sinn, wie wir heute darüber sprechen oder wie Hans Jonas in seinem Buch Das Prinzip Verantwortung darüber schrieb, also Verantwortung gewissermaßen nach vorne gedacht ("Wir stehen in der Verantwortung für die kommenden Generationen!"), taucht erst sehr spät auf, nämlich im 20. Jahrhundert. Weder bei Martin Luther noch bei Immanuel Kant spielt der Begriff eine Rolle. Dort, wo wir heute imperativisch von Verantwortung für künftiges Handeln reden, steht bei Kant das Wort "Pflicht".

Auch wenn Kant an ein autonomes Pflichtbewusstsein denkt, erfüllt der gute Deutsche noch bis ins frühe 20. Jahrhundert obrigkeitstreu und "fremdgesteuert" seine ihm von oben vorgehaltene, auferlegte Pflicht. Erst nach dem Ersten Weltkrieg ersetzt nach und nach die Rede von der bürgerlichen Verantwortung die Rede von der obrigkeitlichen Pflicht. (In diesen Zusammenhang gehört die von Max Weber in seinem Vortrag Politik als Beruf 1919 eingeführte Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.) Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt das Wort Verantwortungsbewusstsein einen edlen Klang an, während das Pflichtbewusstsein auf den Status einer fragwürdigen Sekundärtugend absinkt.