Jetzt gibt es im Bundestag noch eine dritte Klasse von Mehrheiten: 1. die Kanzlermehrheit, 2. die eigene Mehrheit und 3. die eigene Mehrheit, die dann keine wäre, wenn alle Oppositionsabgeordneten mitgestimmt hätten. Das war aber auch schon das Spektakulärste aus der letzten Parlamentssitzung des Jahres. Zwölf Abgeordnete der Koalition hatten bei der Frage der Zumutbarkeit von Arbeit für Langzeitarbeitslose das Reformpaket der Regierung, genauer gesagt: den Kompromiss des Vermittlungsausschusses abgelehnt. Aber da sechs Abgeordnete der Opposition fehlten, hatte Rot-Grün noch die Mehrheit, aber eben nur die eigene Mehrheit zweiter Klasse. Nun kann man über die Feiertage trefflich über das Blau im blauen Auge des Kanzlers streiten. Ist die Aura des Reformkanzlers beschädigt? Hat die rot-grüne Linke ein Signal künftiger Erpressungsmacht gegeben? Oder nur schlau gezeigt, dass man den eigenen Protest schadlos halten kann? Das wäre auch neu: der zustimmende Protest.

Auch die grüne Fraktionsvorsitzende Krista Sager protestierte gegen die Zumutbarkeitsregelung. Sie führe zu Löhnen von Krabbenpulern in Marokko, sagte sie, um dann mit Ja zu stimmen. Angela Merkel sagte, sie folge hier der Argumentation des Kanzlers und nicht der von Krista Sager. Der Kanzler wiederum sagte, Opposition und Regierung hätten sich auf Bewegung geeinigt.

Dafür sei er dankbar. Alle sagten, das sei nur ein erster Schritt. Viel Reformlaune für die Zukunft wurde nicht signalisiert. Angela Merkel und Gerhard Schröder feierten die Reformeinheitsfront - wie etwas von gestern. Es blieb der Zank über die Frage, wer bei dem Kompromiss gesiegt habe. Waren das schon die Vorboten des Wahljahres 2004?