Wenn in diesen Tagen Ochs und Esel ums Kripplein stehen, wenn Hirten zagen und Engel lobsingen, sind drei weise, uns namentlich bekannte Herren bereits unterwegs und folgen einem Stern am Himmel. Sie kommen aus dem mythischen Saba. Das liegt irgendwo im Morgenland, es beschreibt die exotische Sphäre der Christgeburt. Saba steht für ein frühes, sehr frommes Zeugnis von Pilgerschaft, Nachfolge - und Staunen. Ohne Saba fehlte der Christenheit eines ihrer leuchtendsten Märchen.

Johann Sebastian Bach greift kurz nach Weihnachten 1723 für dieses Saba in die Wunderkiste der Klangfarben. Hat er nicht soeben für Leipzig in Kürze sechs neue Kantaten komponiert? Bach ist unerschöpflich wie immer, jetzt packt seine Fantasie einen Kasten kurioser Instrumente aus, zwei Hörner zum Beispiel, die damals im kirchenmusikalischen Alltag Fremdlinge waren, zwei pittoreske Jagdoboen und zwei Blockflöten.

Zugleich ist Bach in der Kantate Sie werden aus Saba alle kommen BWV 65, die zu Epiphanie am 6. Januar 1724 uraufgeführt wurde, auch Theologe. Gern greift er eine Textzeile der Bass-Arie auf, die sanft an die Gemeinde appelliert: "Nimm mich dir zu eigen hin, nimm mein Herze zum Geschenke." Typisch Bach: Er fordert diese Bescherung nicht trutzig ein, er vollzieht sie tänzerisch. Wer sich ganz verschenkt, tue es leicht, ohne Mühsal.

Schon der Eingangschor ist ein Juwel der Satzkunst. Er ist textlich an der Saba-Vision aus dem 60. Kapitel des Propheten Jesaja orientiert und überwältigend polyphon gebaut, man hört die Menge förmlich zusammenströmen.

Erzene Deutlichkeit wäre hier gewiss fehl am Platz, doch das Bach-Collegium Japan unter Masaaki Suzuki singt es fast scheu, ja seraphisch. Wer diesen wunderbaren kleinen Chor hört, wähnt ein sich wiegendes Ballett ums goldige Kind vor sich. Bezwingend Bachs Dramaturgie der Innigkeit: Gleich folgt ein schlichter Choral, in dem das finale "Alleluja" vor Demut fast kniefällig wird.

Die Saba-Kantate eröffnet die 21. Lieferung aller Bach-Kantaten (BIS CD 1311/Vertrieb: Klassik-Center Kassel), zu denen Suzukis Team enzyklopädisch unterwegs ist. Daneben hören wir drei weitere aus Bachs erstem Leipziger Winter: Jesus schläft, was soll ich hoffen BWV 81, Erfreute Zeit im neuen Bunde BWV 83 und Singet dem Herrn ein neues Lied BWV 190. Deren Eröffnungssatz ist verstümmelt überliefert. Suzuki hat ihn mit Sohn Masato so famos rekonstruiert, dass man die zeitliche Distanz kaum spürt. Soeben entfesselte Bach alle Pracht zu Weihnachten und hat gleich wieder tausend Ideen. Neujahr? Da müssen drei Trompeten her, drunter tut Bach es nicht.