Kürzlich wurde in Paris die wohl ungewöhnlichste Haute-Couture-Linie aller Zeiten vorgestellt. Mit Kleidung hat diese Kollektion nur bedingt zu tun - die Mode dient ihr bloß als Leitmotiv. Essbare Schals aus Pflanzenfasern gab es zu sehen sowie ein Kettenhemd, dessen Glieder aus unterschiedlichen Gemüsesorten bestehen. Man präsentierte feinste Stoffe, etwa Spulen mit Auberginenfäden, auf die Knoblauchperlen gefädelt werden können. Und auch Garnelen mit angenähten Ingwerborten wurden gesichtet beim Defilee der zweiten Kollektion der Pariser Agentur Enivrance.

Enivrance versteht sich als créateur de collections en imaginaire alimentaire", als Schöpfer visionärer Nahrungsmittel. Denn bei den obigen Werken handelt es sich keinesfalls um verzehrbare Speisen, und auch Rezepte gibt es nicht. Die Gerichte sind Produkte der Fantasie, denn Enivrance will "Prototypen von Traumspeisen erschaffen". Also werden die Speisen zum Teil aus Gips und Harz modelliert und fotografiert: Anregungen dafür, wie sich unsere Nahrung in Zukunft verwandeln könnte. Die gesammelten Ideen veröffentlicht Enivrance jährlich in einem panier de style, einem Katalog, den man für 5000 Euro an Nahrungsmittelunternehmen oder an Fluggesellschaften verkauft, die ihre Passagiere auf langen Flügen mit Ess-Überraschungen bei Laune halten möchten.

Agenturgründer Edouard Malbois, der zuvor unter anderem bei Danone und Coca-Cola gearbeitet hat, ist überzeugt, durch die Transformation des Nahrungsmittels in eine neue Gestalt dessen Ausdruckspotenzial zu erweitern und eine "neue kreative Disziplin" erfunden zu haben, die einen eigenständigen Reflexionsraum eröffnet. Mit weniger kann er sich auch gar nicht zufrieden geben, denn nur als intellektuelles Spiel sind seine waghalsigen Entwürfe, die weder reines Kunstwerk noch konsumierbares Tellergericht sind, zu rechtfertigen.

Enivrance hat cahiers de saveurs entworfen, essbare Bücher, in denen jede Seite einen anderen Geschmack besitzt, oder capsules végétales, transparente Kugeln, die eine Gemüse-Essenz enthalten, in der, embryogleich, feste Salatteilchen schwimmen. Zu Weihnachten wird eine Kollektion von Süßspeisen auf Kleiderbügeln verkauft, exklusiv in den Pariser Galeries Lafayette. La campagne dans ma poche heißt die ländliche Komposition aus Minz-Sandkuchen, Erdbeer- und Kartoffelteig. Multiästhetische Sinneseindrücke wolle er damit provozieren, ein neues Denken, ein détournement du sens, schreibt Malbois auf seiner Website (www.enivrance.com) und erinnert damit an den Dichter Arthur Rimbaud, der proklamierte, dass man sich nur durch die vollständige Entregelung aller Sinne sehend mache.

Es geht Malbois also um die Eroberung eines Mediums für Ideen. "Essen, das spricht, ist aufregend und voller Bedeutung", sagt Malbois, und man denkt an Alice im Wunderland, die in Lewis Carrolls Roman aus einer Flasche trinkt, auf der "DRINK ME" steht: Der Inhalt schmeckt nach Ananas und warmem Buttertoast, und Alice beginnt zu schrumpfen. Erst als sie von einem Kuchen isst, auf dem "EAT ME" steht, wird sie wieder größer.

Auch andere Künstler haben sich mit den ästhetischen Untiefen der Ernährung beschäftigt. Daniel Spoerri etwa, dessen eingefrorene Dinner-Tafeln in zahlreichen Museen hängen, oder der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, der 1884 in seinem Roman Gegen den Strich ein Abendessen schildert, bei dem ausschließlich schwarze Speisen verzehrt werden: "Schildkrötensuppe, russisches Roggenbrot, reife Oliven aus der Türkei, Kaviar, Seebarbenrogen, geräucherte Frankfurter Würstchen" und vieles Tiefdunkle mehr.

Gesättigt mit Erinnerung