"Wo Glaube ist, ist Hoffnung, und wo Hoffnung ist, geschehen Wunder" Werbespruch für eine Gesichtscreme gegen Falten

Dass sie nach 20 Jahren wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt ist, wundert sie selbst ein wenig. "Ist schon merkwürdig, ich als moderne Frau Anfang 40, noch dazu eine Grüne mit einer linken Gesinnung", sagt die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer. Anzumerken ist der heutigen Journalistin ihr Sinneswandel nicht: Sie tritt ebenso energisch auf, debattiert noch immer leidenschaftlich wie zu der Zeit, als sie im rot-grünen Kabinett saß. Und doch, sagt sie, habe sich etwas geändert: "Ich habe irgendwie meinen Weg gefunden und begriffen, dass Glauben und Katholischsein Freiheit bedeutet."

Freiheit? Das würden wohl nur wenige mit der katholischen Kirche assoziieren. Ist nicht die 2000 Jahre alte Glaubensgemeinschaft der Prototyp einer verkrusteten Institution, die ewig gestrige Grundsätze predigt? War es nicht der katholische Kardinal Joseph Ratzinger, der kürzlich allen Ernstes vor dem Kinderliebling Harry Potter warnte und dessen Zaubertricks als Zersetzung "des Christentums in der Seele" brandmarkte? Ausgerechnet eine erfahrene Politikerin wie Andrea Fischer kommt uns da mit der Freiheit des katholischen Glaubens!

"Ich bin keine Missionarin", lacht Fischer. "Ich will niemanden zu meinem Glauben bekehren." Eines aber habe sie festgestellt: "Nach der ersten Irritation über meinen Schritt spüre ich bei vielen Leuten den Wunsch, über Glaubensdinge zu reden." Dieses "große Bedürfnis nach Sinn und Transzendenz" entdeckte sie auch während des biopolitischen Streits über die Stammzellforschung und den Beginn des Lebens. Da diskutierten viele Menschen mit Inbrunst und Leidenschaft über Themen, von denen sie selbst gar nicht direkt betroffen waren. "Ich glaube, die Leute waren froh, einmal öffentlich über moralische Positionen und Wertmaßstäbe debattieren zu können." Denn an solchen Gelegenheiten mangele es in unserer Gesellschaft. "In der Öffentlichkeit wird über alles geredet, auch über intime Dinge, die besser nicht öffentlich verhandelt werden sollten – nur nicht über Glauben. Da gibt es eine Scheu, fast, als ob das etwas Obszönes sei."

Damit hat sie Recht. Es gibt kaum noch ein Tabu, das in der Mediengesellschaft nicht grell ausgeleuchtet, in Talkshows breitgequatscht und bis aufs letzte Schamhaar in Fotoreportagen zur Schau gestellt würde. Doch kommt die Rede auf letzte Überzeugungen, auf jenes schwer Fassbare, das dem Einzelnen ein Ziel und dem Ganzen einen Sinn gibt, verstummt die allgemeine Geschwätzigkeit. Was und woran die Deutschen glauben, woher sie ihr Weltbild und ihre moralischen Wertmaßstäbe ableiten, machen die meisten im stillen Kämmerlein aus. Öffentliche Bekenntnisse dazu sind – abgesehen von den Äußerungen der üblichen Verdächtigen – so rar wie das Vaterunser auf der Betriebs-Weihnachtsfeier. Und bricht das Religiöse doch einmal in die säkulare Gesellschaft ein – etwa in Form einer muslimischen Lehrerin, die im Unterricht ein Kopftuch zu tragen begehrt – reagieren viele verstört und verunsichert.

Wie man in Deutschland glaubt

Kommt allerdings im kleinen Kreis das Thema Glauben aufs Tapet, etwa wenn Kinder nach dem Verbleib des verstorbenen Großvaters oder dem Sinn der Adventszeit fragen, treten mitunter selbst bei abgeklärten Zeitgenossen tief vergrabene Glaubensreste zum Vorschein. Denn die Sehnsucht nach dem Religiösen – dem "sich zurückverbinden" (lat. religari) mit einem Ursprung, etwas Allumfassenden, möglicherweise Heiligen – lässt sich so leicht nicht aus der Welt schaffen.

Allerdings zeigt sich diese Sehnsucht heute nicht mehr im blinden Glauben an kirchliche Dogmen sondern in einer individuellen Sinnsuche, die vielleicht auf einsame Bergtouren führt, in die Esoterikszene oder zu fernöstlichen Religionen. Und manche – wie Andrea Fischer – bringt diese Suche auch wieder zur Kirche zurück. Den 300000 Deutschen, die jedes Jahr aus der Kirche austreten, stehen immerhin 12000 Eintritte in die katholische Kirche gegenüber, die evangelische verzeichnet sogar 60000 Neu- oder Wiederaufnahmen. Was treibt jemanden zu einem solchen Schritt?

So ganz genau kann Andrea Fischer das gar nicht benennen. Als 1998 erstmals die Hälfte einer deutschen Regierung beim Amtsschwur den Zusatz "so wahr mir Gott helfe" ablehnte, merkte die Gesundheitsministerin, wie sehr ihr Wertesystem von den katholischen Vorstellungen aus dem Elternhaus geprägt ist und dass für sie die Rückversicherung nach oben eine Notwendigkeit war. "Ich hatte das Gefühl: Du weißt aus dir heraus auch nicht alles, und es gibt da vielleicht Wichtigeres, das über dich hinausgeht." Der Wiederaufnahmezeremonie der katholischen Kirche hat sie sich erst nach ihrem Rücktritt unterzogen. Heute unterscheide sich ihr Glaube deutlich von jenem, der ihr früher vermittelt wurde. "Ich habe nicht mehr das Gefühl, einer Norm genügen zu müssen." Und Gott sei für sie nicht "jemand, der mir sagt, was ich genau zu tun habe, sondern jemand, der mich in eine ständige Auseinandersetzung zwingt". Vielleicht ist es das, was ihr Halt und Freiheit zugleich vermittelt.