leben in deutschland (13)Wie man in Deutschland glaubt

Was Pastoren zu sagen haben, berührt viele Christen nicht mehr. Gotteshäuser machen zu. Doch geglaubt wird nach wie vor – an was auch immer von 

"Wo Glaube ist, ist Hoffnung, und wo Hoffnung ist, geschehen Wunder"
Werbespruch für eine Gesichtscreme gegen Falten

Dass sie nach 20 Jahren wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt ist, wundert sie selbst ein wenig. "Ist schon merkwürdig, ich als moderne Frau Anfang 40, noch dazu eine Grüne mit einer linken Gesinnung", sagt die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer. Anzumerken ist der heutigen Journalistin ihr Sinneswandel nicht: Sie tritt ebenso energisch auf, debattiert noch immer leidenschaftlich wie zu der Zeit, als sie im rot-grünen Kabinett saß. Und doch, sagt sie, habe sich etwas geändert: "Ich habe irgendwie meinen Weg gefunden und begriffen, dass Glauben und Katholischsein Freiheit bedeutet."

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Freiheit? Das würden wohl nur wenige mit der katholischen Kirche assoziieren. Ist nicht die 2000 Jahre alte Glaubensgemeinschaft der Prototyp einer verkrusteten Institution, die ewig gestrige Grundsätze predigt? War es nicht der katholische Kardinal Joseph Ratzinger, der kürzlich allen Ernstes vor dem Kinderliebling Harry Potter warnte und dessen Zaubertricks als Zersetzung "des Christentums in der Seele" brandmarkte? Ausgerechnet eine erfahrene Politikerin wie Andrea Fischer kommt uns da mit der Freiheit des katholischen Glaubens!

"Ich bin keine Missionarin", lacht Fischer. "Ich will niemanden zu meinem Glauben bekehren." Eines aber habe sie festgestellt: "Nach der ersten Irritation über meinen Schritt spüre ich bei vielen Leuten den Wunsch, über Glaubensdinge zu reden." Dieses "große Bedürfnis nach Sinn und Transzendenz" entdeckte sie auch während des biopolitischen Streits über die Stammzellforschung und den Beginn des Lebens. Da diskutierten viele Menschen mit Inbrunst und Leidenschaft über Themen, von denen sie selbst gar nicht direkt betroffen waren. "Ich glaube, die Leute waren froh, einmal öffentlich über moralische Positionen und Wertmaßstäbe debattieren zu können." Denn an solchen Gelegenheiten mangele es in unserer Gesellschaft. "In der Öffentlichkeit wird über alles geredet, auch über intime Dinge, die besser nicht öffentlich verhandelt werden sollten – nur nicht über Glauben. Da gibt es eine Scheu, fast, als ob das etwas Obszönes sei."

Damit hat sie Recht. Es gibt kaum noch ein Tabu, das in der Mediengesellschaft nicht grell ausgeleuchtet, in Talkshows breitgequatscht und bis aufs letzte Schamhaar in Fotoreportagen zur Schau gestellt würde. Doch kommt die Rede auf letzte Überzeugungen, auf jenes schwer Fassbare, das dem Einzelnen ein Ziel und dem Ganzen einen Sinn gibt, verstummt die allgemeine Geschwätzigkeit. Was und woran die Deutschen glauben, woher sie ihr Weltbild und ihre moralischen Wertmaßstäbe ableiten, machen die meisten im stillen Kämmerlein aus. Öffentliche Bekenntnisse dazu sind – abgesehen von den Äußerungen der üblichen Verdächtigen – so rar wie das Vaterunser auf der Betriebs-Weihnachtsfeier. Und bricht das Religiöse doch einmal in die säkulare Gesellschaft ein – etwa in Form einer muslimischen Lehrerin, die im Unterricht ein Kopftuch zu tragen begehrt – reagieren viele verstört und verunsichert.

Wie man in Deutschland glaubt

Kommt allerdings im kleinen Kreis das Thema Glauben aufs Tapet, etwa wenn Kinder nach dem Verbleib des verstorbenen Großvaters oder dem Sinn der Adventszeit fragen, treten mitunter selbst bei abgeklärten Zeitgenossen tief vergrabene Glaubensreste zum Vorschein. Denn die Sehnsucht nach dem Religiösen – dem "sich zurückverbinden" (lat. religari) mit einem Ursprung, etwas Allumfassenden, möglicherweise Heiligen – lässt sich so leicht nicht aus der Welt schaffen.

Allerdings zeigt sich diese Sehnsucht heute nicht mehr im blinden Glauben an kirchliche Dogmen sondern in einer individuellen Sinnsuche, die vielleicht auf einsame Bergtouren führt, in die Esoterikszene oder zu fernöstlichen Religionen. Und manche – wie Andrea Fischer – bringt diese Suche auch wieder zur Kirche zurück. Den 300000 Deutschen, die jedes Jahr aus der Kirche austreten, stehen immerhin 12000 Eintritte in die katholische Kirche gegenüber, die evangelische verzeichnet sogar 60000 Neu- oder Wiederaufnahmen. Was treibt jemanden zu einem solchen Schritt?

So ganz genau kann Andrea Fischer das gar nicht benennen. Als 1998 erstmals die Hälfte einer deutschen Regierung beim Amtsschwur den Zusatz "so wahr mir Gott helfe" ablehnte, merkte die Gesundheitsministerin, wie sehr ihr Wertesystem von den katholischen Vorstellungen aus dem Elternhaus geprägt ist und dass für sie die Rückversicherung nach oben eine Notwendigkeit war. "Ich hatte das Gefühl: Du weißt aus dir heraus auch nicht alles, und es gibt da vielleicht Wichtigeres, das über dich hinausgeht." Der Wiederaufnahmezeremonie der katholischen Kirche hat sie sich erst nach ihrem Rücktritt unterzogen. Heute unterscheide sich ihr Glaube deutlich von jenem, der ihr früher vermittelt wurde. "Ich habe nicht mehr das Gefühl, einer Norm genügen zu müssen." Und Gott sei für sie nicht "jemand, der mir sagt, was ich genau zu tun habe, sondern jemand, der mich in eine ständige Auseinandersetzung zwingt". Vielleicht ist es das, was ihr Halt und Freiheit zugleich vermittelt.

Die meisten Deutschen dagegen haben mit der Kirche nur noch wenig am Hut. Zwar gehören offiziell noch immer zwei Drittel aller Deutschen entweder der katholischen (26,7 Millionen Mitglieder) oder der evangelischen Kirche (26,3 Millionen) an. Doch nur noch etwa jeder Zehnte lässt sich regelmäßig im Gottesdienst blicken, nahezu jeder Zweite gibt in Umfragen an, die Kirchen hätten auf die ihn bewegenden Fragen keine Antworten mehr. Schon rekrutieren katholische Gemeinden Priester aus Polen, weil der eigene geistliche Nachwuchs fehlt. Deutschland, einst stolzes Zentrum des Heiligen Römischen Reiches und Stammland der Reformation, scheint sich vom Glauben abgewandt zu haben.

Bereits jetzt haben die größten deutschen Glaubensgemeinschaften deutlich an gesellschaftlicher Relevanz verloren. Als die Unternehmensberatung McKinsey dieses Jahr in ihrer groß angelegten Online-Erhebung Perspektive Deutschland nach der Glaubwürdigkeit deutscher Institutionen fragte, landeten die Kirchen weit abgeschlagen hinter dem ADAC, Greenpeace oder der Bundeswehr. Magere 17 Prozent gaben an, der evangelischen Kirche uneingeschränkt zu vertrauen, bei der katholischen Kirche waren es gar nur noch 11 Prozent – ein harter Schlag für eine Institution, die sprichwörtlich von ihrer Glaubwürdigkeit lebt.

Besonders bitter: Anders als bei den politischen Parteien oder Gewerkschaften, die ähnlich schlecht abschnitten, sehen die Befragten bei den Kirchen kaum Änderungsbedarf. Den meisten Deutschen scheint das Wohl und Wehe der Institution Kirche schlicht egal geworden zu sein. "Das Problem der Kirchen ist, dass sie schon lange keines mehr sind", brachte der Berliner Journalist Christian Bommarius diese Haltung im Kursbuch auf den Punkt. Die Öffentlichkeit behandele die Kirchen mit Nachsicht, "gleichmütig, aber freundlich, wie den senilen Alten, dessen Gebrabbel am Tisch niemanden erschreckt, aber auch nur selten amüsiert".

Was Atheisten so denken

Behält also jener sächsische Pfarrerssohn Recht, der vor 120 Jahren halb triumphierend, halb schaudernd den Tod Gottes verkündete? Dabei schwante Friedrich Nietzsche schon damals: "Ist nicht die Größe dieser Tat, Gott getötet zu haben, zu groß für uns? Gibt es noch ein oben oder unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? (…) Ist es nicht kälter geworden?"

"Erzählen Sie uns von Ihrem Leben ohne Gott." Mit dieser Frage – gestellt in Zeitungsannoncen und auf Postkarten, die in Kneipen auslagen – wollte das Kölner Erzbistum in den vergangenen Monaten erfahren, was moderne Atheisten so denken. Unter www.ohne-gott.de kann jeder anonym loswerden, was ihm auf der Seele liegt. "Das Erstaunliche war: Es haben sich total viele gemeldet", sagt Heiner Koch, oberster Seelsorger und Domkapitular am Kölner Dom. Zwar hätten längst nicht alle Online-Chatter das Gesprächsangebot der Kirche angenommen, "aber allein das Erzählte war für uns schon interessant".

Die scheinbar Gottlosen seien "zum geringsten Teil Atheisten", sagt Koch. Tief berührt sei er gewesen angesichts all der Sehnsucht und der Hoffnung, die da zum Ausdruck kamen. "Ich habe bei ihnen manches Ringen und Suchen und Fragen und Kämpfen erlebt, dass ich sagen würde: Die sind so nahe bei Gott wie wahrscheinlich mancher nicht, der sich als gläubig bezeichnet." Er habe jedenfalls nicht den Eindruck, dass die Menschen gar nichts mehr glauben, sagt Koch. Im Gegenteil: "Die Leute glauben fast alles."

Das spirituelle Vakuum der Moderne macht anfällig für viele Arten pseudoreligiöser Botschaften. Davon profitieren nicht nur Psychotherapeuten, Motivationstrainer oder Gesundheitsgurus. Auch Marketingfirmen haben das längst erkannt. "Welche religiösen Sehnsüchte in der Werbung angesprochen werden", wundert sich Koch, "nach Heil, nach Glück, nach Erfüllung und so weiter." Besonders angetan hat es dem Gottesmann ein Werbespruch der Lufthansa: "Wir halten den Himmel offen." Das sei doch das ursprüngliche Programm der Kirche.

Umfragen zeigen, dass die Deutschen zwar mehrheitlich die Dogmen und Vorschriften der Kirche ablehnen, sich aber gleichwohl nach einer – wie auch immer gearteten – höheren Macht sehnen. Rund zwei Drittel der Bevölkerung geben an, irgendwie an "Gott" zu glauben. Auf die christliche Definition eines personalen, dreieinigen Gottes – Vater/Sohn/Heiliger Geist – beziehen sich, dem DataConcept-Institut zufolge, allerdings nur 12 Prozent. Die anderen assoziieren mit Gott eher abstrakte Werte wie Liebe, Barmherzigkeit oder "das Gute im Menschen", glauben an "Frieden", "Natur" oder schlichtweg das "Universum". Hoch im Kurs stehen auch persönliche Schutzengel – auf sie hoffen fast 80 Prozent aller Gottgläubigen. Dafür wissen nur 40 Prozent aller Deutschen über die zehn Gebote "gut bis sehr gut" Bescheid, bei der Bergpredigt sind es gar nur noch 17 Prozent.

"Die meisten sehen heute die Kirche als eine Art Aldi-Laden", beschreibt Heiner Koch die Glaubenswelt seiner Zeitgenossen. "Man nimmt die interessanten Angebote mit – Kindergärten, Schulen, besondere Gottesdienste –, lässt die Gebote und den Papst liegen, bezahlt an der Kasse seine Kirchensteuer und erwartet dafür eine prompte Dienstleistung. Dann guckt man im nächsten Laden, was die Astrologie so anbietet, was es bei der Psychotherapie oder dem Buddhismus gibt – und entscheidet sich nächste Woche wieder neu."

Der Religionssoziologe Peter L. Berger sieht darin einen grundsätzlichen Trend der modernen Gesellschaft: die "Wandlung von Schicksal zur Wahl". "Was früher als gegeben erlebt wurde, wird nun zu einer Vielfalt von möglichen Entschlüssen und Handlungen", schreibt der in Boston lehrende Wissenschaftler. Denn die Verbote und Strafen der früheren Orthodoxie haben meist ihren Schrecken verloren. Das macht frei – und heimatlos. Im selben Maße, in dem das Vertrauen in die alten Welterklärer – Kirchen, Parteien, Gewerkschaften – schwindet, sieht sich der Einzelne gezwungen, seine Identität selbst zu bestimmen, und zwar immer wieder aufs Neue. Die Soziologie spricht in diesem Zusammenhang von "Patchwork-Religionen", die in Eigenarbeit zusammengebastelt werden. Peter Berger nennt das den "Zwang zur Häresie", in Anspielung auf das griechische hairesis, was so viel wie "Wahl" bedeutet. "Wir sind alle, jeder auf seine Art, zu ,Häretikern‘ geworden."

Ein Draht zum Himmel

Maria Ziebarth hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass auch sie einst zu diesem modernen Typus des modernen Häretikers zählen würde. Und doch ist die Geschichte ihrer Berliner Familie beispielhaft für diese Entwicklung. Geboren als neuntes Kind einer streng katholischen Familie, wuchs Maria Ziebarth in den vierziger Jahren noch mit allen in diesem Milieu üblichen Ge- und Verboten auf. "Bring bloß keinen Evangelischen mit nach Hause", hieß es beispielsweise, wenn sie einmal mit einem Freund ins Kino ging. Das habe sie lange als selbstverständlich empfunden, auch eine Geborgenheit im Glauben gefühlt und diese Werte den eigenen drei Kindern weitergegeben. Doch als ihr Mann früh starb und die gelernte Apothekenhelferin begann, in einem katholischen Krankenhaus zu arbeiten, entdeckte sie die Doppelmoral der barmherzigen Schwestern. "Unter denen gab es zum Teil einen richtigen Hass." Auch gegenüber den Patienten war es mit der christlichen Nächstenliebe nicht immer so weit her.

Die Kinder machten ähnliche Erfahrungen. Im Gottesdienst und in der Nonnenschule erlebten Petra und Beate, dass "Reden und Tun bei vielen auseinander klafften", wie Petra sagt. Thomas Ziebarth, dem auf einer Jesuitenschule christliche Grundsätze vermittelt werden sollten, bekam von seinen Lehrern zu spüren, dass er aus einem bescheidenen Elternhaus kam, das weder über Geld noch Titel verfügte. Und als Ende der sechziger Jahre die erste Studenten-Demo mit roten Fahnen am Schulfenster in der Tiergartenstraße vorbeizog, sagte der Lehrer nur: "Wir lassen die Rollläden herunter." Als der Jugendliche die Rebellion probte, rächten sich die Jesuiten-Patres mit schlechten Noten. Der Junge verließ die Schule, trat bald darauf aus der Kirche aus – und war schwer enttäuscht, dass er dazu lediglich aufs Finanzamt musste. "Ich dachte, da gäbe es noch einmal ein Gespräch, wo ich meine ganze Kritik hätte vorbringen können", sagt er rückblickend.

Die anderen Mitglieder der Berliner Familie gehören zwar noch immer der Kirche an, doch mit der Institution wollen auch sie nichts mehr zu tun haben. Maria, das einstige Pfarrgemeinderatsmitglied, besucht seit 30 Jahren keinen Gottesdienst mehr. Petra Ziebarth fühlte sich von der Heuchelei im Kirchenmilieu gar so sehr abgestoßen, dass "ich lange Zeit keinen Fuß in eine Kirche setzen konnte, ohne dass mich das Grausen überfiel". Das gilt auch für die evangelische Kirche, mit der sie in den siebziger Jahren aneinander geriet. Als sie einen protestantischen Pfarrer heiratete, ohne sich kirchlich trauen zu lassen, "gab es einen Riesenaufstand. Die Kirche setzte uns moralisch so lange unter Druck, bis wir uns pro forma von einem Bekannten trauen ließen – nur damit die Sache auf dem Papier stimmte."

Helfen Heilige – oder Blumen?

Aufgehört zu glauben haben die Ziebarths deshalb nicht. "Den Herrgott, den gibt’s ja noch für mich", sagt Maria. Zwar sei sie von der Kirche enttäuscht, doch habe sie immer "einen Draht zum Himmel" behalten. Und wenn es mal ganz dick kommt, aktiviert sie auch die katholischen Heiligen – den heiligen Konrad, wenn das Geld nicht reicht, Blasius bei Krankheiten oder Don Bosco, wenn die Enkelkinder in der Schule Schwierigkeiten haben. "Manchmal helfen sie – und manchmal nicht", lacht die 70-Jährige.

Auch für Petra sind heute "Religion und Kirche zwei verschiedene Dinge". Die Psychologin, die in einer Erziehungs-Wohngruppe mit Kindern aus schwierigen Familienverhältnissen lebt, schätzt zwar das soziale Engagement kirchlicher Träger. "Doch das ist ja nicht zwangsläufig mit Kirche verbunden." Dafür sucht sie, "wenn alle Stricke reißen", die Geborgenheit in der Natur, beim Betrachten einer Blume oder beim Gesang eines Vogels. "Da ist eine Energie zu spüren, – ob man das nun als Gott oder was auch immer bezeichnen möchte."

Für ihre Schwester Beate ist das zu wenig. "Wenn alles zusammenbricht, da hilft eine Blume nicht weiter." Sie hat im Notarztwagen das Beten wieder gelernt. Auf dem Weg zur Klinik, als ihr jüngster Sohn nach der Geburt vom Kindstod bedroht war, fiel ihr plötzlich das Vaterunser ein. "Wenn man sich besinnt und konzentriert, dann kommt die Kraft auch", sagt die dreifache Mutter. Mittlerweile erwägt sie sogar, ihre Kinder taufen zu lassen – "Dann gibt es da noch einen, der auf sie aufpasst." Allerdings denkt sie eher an eine Taufe in einer evangelischen Kirche, vielleicht bei dem Pastor, den ihre Schwester einst heiratete.

Thomas Ziebarth hält es dagegen heute mit dem Buddhismus. In den siebziger Jahren, in einem besetzten Haus in Berlin-Kreuzberg, begann er zu meditieren. Später schloss er sich einer Gruppe an, fuhr zu Meditationswochen und ließ sich sogar zum Zen-Mönch ordinieren. "Das stille Sitzen klärt den Geist. Aber es ist auch eine energetische Erfahrung. Wenn ich ein paar Wochen nicht dazu komme, spüre ich, dass meine Batterien mal wieder aufgeladen werden müssen", sagt der 45-Jährige, in dessen Futonladen in Kreuzberg tibetische Tangkas – Rollbilder mit religiösen Motiven – hängen.

Als "Buddhist" würde er sich allerdings nicht bezeichnen. Bei seinen Reisen durch Asien habe er eben auch gesehen, "dass man jede Religion missbrauchen kann". Deshalb ist ihm heute wichtig, dass "die Meditation offen bleibt, dass einem niemand etwas vorsetzt, das man zu glauben hat" – sei es nun die Frage nach Gott oder nach der Reinkarnation. "In meiner Gruppe hat jeder eine andere Meinung dazu – und das finde ich gut so."

155000 eingetragene Buddhisten zählt der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst in Deutschland, Tendenz steigend. In Berlin gibt es seit diesem Jahr sogar erstmals buddhistischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. "Viele Anhänger des Buddhismus", sagt der Bremer Religionswissenschaftler Martin Baumann, "sind vom Christentum enttäuscht, weil Religion da fast nur mit dem Kopf, nichts mit dem übrigen Körper zu tun hat. In der Meditation dagegen fühlt man Religion." Außerdem fasziniere viele die Dogmenlosigkeit der 2500 Jahre alten Lehre des Gautama Buddha, die keinen Gottesglauben vorschreibt, sondern als praktische Lebensanweisung gelesen werden kann.

Von der Kirche zur Moschee

Die fremden Religionen, die hierzulande noch nicht mit dem Ballast vergangener Sünden belastet sind, kommen dem modernen Trend zur "Häresie" durchaus entgegen. Die etablierten Kirchen dagegen geraten immer mehr in die Situation bedrohter Unternehmen, die früher eine Monopolstellung innehatten und nun fassungslos mitansehen müssen, wie ihnen nach und nach die zahlende Kundschaft wegläuft. Rezession und Steuerreform vermindern das Kirchensteueraufkommen zusätzlich, sodass die Institution Kirche inzwischen unter enormen Spardruck geraten ist. Besonders dramatisch ist die Lage im Erzbistum Berlin: Dort müssen in den nächsten Jahren 400 der vormals 2700 Stellen gestrichen werden, die Zahl der Gemeinden soll von 207 auf 106 schrumpfen. Auch in besser situierten Städten wie Hamburg werden die ersten Kirchen verkauft. Schätzungsweise jedes dritte Gotteshaus ist in Zukunft nicht mehr zu halten. "Wird die Stephanuskirche jetzt zur Moschee?", jammert die Bild- Zeitung, sonst fürwahr kein Kirchenblatt.

Dieser Trend wird sich vermutlich noch dramatisch verschärfen. Schließlich gehören heute viele der Kirche nur noch deshalb an, weil sie – wie die Ziebarths – in ihrer Jugend kirchlich sozialisiert wurden. Doch wer von der jungen Generation, die Kindergottesdienst und Ministrantentum nur noch vom Hörensagen kennt, soll morgen die Kirchen füllen?

Das ist kein spezifisch deutscher, sondern ein genereller europäischer Trend. Auch in Großbritannien und Italien geht nur etwa jeder 10. einmal pro Woche zum Gottesdienst, in Frankreich gar nur jeder 20., wie die European Values Study feststellte. Die europäischen Kirchen, lästerte die New York Times, erschienen "mehr und mehr wie eine Ansammlung von Touristenattraktionen aus der Vergangenheit des Christentums". Und der Generalsekretär der britischen United Reform Church, David Cornick, stellte fest, "dass Europa nicht länger christlich" sei. Nicht einmal in der Präambel der EU-Verfassung war ein Gottesbezug noch vorgesehen – vielleicht blieb dem Werk deshalb der letzte Segen verwehrt?

Währendessen boomt das Christentum anderswo: In Lateinamerika bekennen sich 92,7 Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben. In Afrika ist die Zahl der Christen im vergangenen Jahrhundert von 9,2 auf 45,4 Prozent der Gesamtbevölkerung hochgeschnellt. Und in den Vereinigten Staaten wird der Glaube nicht nur in politischen Reden hochgehalten. Mehr als jeder Dritte sucht in God’s own country mindestens einmal pro Woche den Segen seiner Glaubensgemeinschaft. Dieser religiöse Eifer hat auch damit zu tun, dass im amerikanischen "Kirchensupermarkt" jeder nach seiner ganz eigenen Façon selig werden kann.

Heiliger McKinsey, hilf!

In den USA haben die Kirchen längst jenen Schritt von der Pflicht- zur Wahlreligion vollzogen, der in Deutschland noch bevorsteht. Mittlerweile denken Pastoren auch hierzulande darüber nach, wie sie ihr Profil auf dem Markt der Lebenshilfeanbieter schärfen können. Über den einzuschlagenden Weg herrscht durchaus Uneinigkeit. Während die einen, wie etwa das neu gewählte Oberhaupt der Evangelischen Kirchen, Bischof Wolfgang Huber, sich mit politischen Botschaften zu profilieren versuchen, beklagen andere den "Substanzverlust" der Kirche und fordern die Rückkehr zu einer klareren Verkündigung der Glaubensbotschaft.

In ihrer Not suchen die Kirchen auch die Hilfe der Unternehmensberatung. McKinsey berät mittlerweile mehrere deutsche Bistümer, unter anderem das Erzbistum Berlin. "Kirche lebt von überzeugenden Personen. Ich würde unter anderem noch mehr in jene Mitarbeiter investieren, die in direktem Kontakt mit Menschen stehen, wie beispielsweise das Seelsorgepersonal", schlägt McKinsey-Berater Thomas von Mitschke vor. Denn die Ergebnisse der McKinsey-Umfrage hätten vor allem gezeigt, dass das Vertrauen in die Kirche schwindet, die Sozialträger Caritas und Diakonie dagegen hohes Ansehen genießen. Selbst das Personal, die katholischen und evangelischen Pfarrer, schneidet in der Online-Umfrage besser ab als ihre Firmen, die Kirchen. "Nirgendwo arbeiten so viele motivierte Mitarbeiter", glaubt von Mitschke. Auch in den Gemeinden gebe es ein großes Potenzial für ehrenamtliches Engagement, das die Kirchen stärker nutzen könnten, sagt der Berater, der seine Arbeit als Beitrag eines bekennenden Katholiken versteht.

Eine Widerstandsgeschichte

Von einer notwendigen "Marktanalyse" der Stärken und Schwächen der Kirche spricht auch Friedrich von Kymmel. Der Pastor der Gemeinde Morgenitz auf der Ostsee-Insel Usedom ist allerdings das krasse Gegenteil eines McKinsey-Beraters. Der Landpfarrer steht vielmehr beispielhaft für die besondere Situation der Kirchen im Osten Deutschlands. Sie gerieten, zumindest im real existierenden Sozialismus, in jene Opposition zum Staat, die sie im Westen längst verloren hatten. Und gerade die Staatsferne verschaffte ihnen in den Jahren der Wende Glaubwürdigkeit und gesellschaftliche Relevanz.

Die Kirchengeschichte des Ostens lässt sich gut an Friedrich von Kymmels eigener Biografie erzählen. Als christlich gesinnter Jugendlicher galt er in der ehemaligen DDR automatisch als Dissident. "Friedrich steht den Problemen der arbeitenden Bevölkerung nicht aufgeschlossen gegenüber", hieß es in der schriftlichen Begründung, die von Kymmel vom Abitur ausschloss. Danach hätte er nur noch auf einer der drei kirchlichen Hochschulen, die in der DDR zugelassen waren, studieren können, "doch ich wollte kein Mitläufer werden". Er begann eine Ausbildung als Elektriker, wurde auf den Baustellen von den Kollegen agitiert und merkte bei seinen Hausbesuchen als Handwerker, "dass man oft für die Leute eine Seelsorgerfunktion hat". Diese Erfahrung brachte ihn dann doch zum Theologiestudium und 1988 nach Morgenitz. Das 120-Seelen-Dorf im äußersten Nordosten Deutschlands verfügte über eine wunderschöne unheizbare Backsteinkirche aus dem 15. Jahrhundert und ein Pfarrhaus, in dem der Pastor erst einmal Elektro- und Wasserleitungen verlegen und eine Klärgrube bauen musste.

Dann kam das Wendejahr 1989. In Leipzig sammelten sich die "Montagsdemonstranten" in der Nikolai-Kirche, und auch auf Morgenitz wurden die Predigten "sehr viel politischer", erinnert sich von Kymmel. Als Kristallisationspunkte des Protestes zogen die Kirchen auch all jene an, die die Schizophrenie zwischen Anspruch und Wirklichkeit des DDR-Daseins nicht mehr aushielten. "In der Kirche fanden sie nicht nur eine Heimat, sondern auch Hilfe, mit dieser Zerrissenheit umzugehen", sagt von Kymmel. Außerdem gab es im Schutz der Kirche die Freiheit, vieles zu sagen, was sonst tabu war.

Heute sind diese großen Zeiten auch in Morgenitz vorbei. In von Kymmels Gemeindesprengel, der im Umkreis von zehn Kilometern einmal knapp 3000 Einwohner hatte, lebt nur noch die Hälfte, etwa ein Drittel davon zählt zur Kirche. Mecklenburg-Vorpommern gehört, neben Sachsen-Anhalt und Brandenburg, zu den unchristlichsten Bundesländern überhaupt. Und die Kirchengemeinden sind so verarmt, dass den Pastoren das Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen werden musste. Wie vermittelt man da noch die Frohe Botschaft des Christentums?

"Wenn die Menschen nicht in die Kirche kommen, dann muss die Kirche eben zu ihnen kommen", sagt von Kymmel und wirkt dabei geradezu fröhlich. Dann erzählt der 44-jährige Pastor von seinen Hausbesuchen ("Das erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl, auch wenn die Leute nicht in den Gottesdienst gehen"), von den Versuchen, mit rechtsradikalen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und der Notfall-Seelsorge, die er auf Usedom ehrenamtlich mit einem Kollegen aufgebaut hat. "Da muss man es aushalten können, wenn jemand beim Überbringen einer Todesnachricht zu schreien anfängt – oder eine Viertelstunde lang gar nichts sagt."

Er lebe gern hier, sagt er, fühle sich unter den bedächtigen Menschen auf Usedom wohl. Leider ist das Idyll wohl nicht von Dauer. "Es ist absehbar, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem ich mit meinem Gehalt die Kirchengemeinde finanziell ruiniere". Inzwischen geht ihm das ständige Sparenmüssen selbst an die Substanz. "Ich muss – neben Taufen, Beerdigungen, Hausbesuchen und Seelsorge – drei Kirchen und sechs Friedhöfe verwalten, einen Schulbau betreuen, ein ehemaliges Pfarrhaus und Stallgebäude in der Nachbargemeinde, muss im Gemeindekirchenrat die Sitzungen leiten, Spender ,pflegen‘, Einladungen schreiben, den Gemeindebrief entwerfen, bin meine eigene Sekretärin und mein Manager."

Selbst im Gottesdienst steht von Kymmel unter Druck. "Man fühlt sich wie ein Alleinunterhalter. Und wenn kein Kirchenmusiker da ist, muss man ohne Begleitung mit den Leuten singen." Da hört sich manches Loblied wie ein Trauermarsch an.

Manchmal hat von Kymmel allerdings weniger Stress, als ihm lieb ist. "Es passiert schon, dass ich sonntags für den Gottesdienst alles vorbereite, die Kerzen anzünde und die Glocke läute – und dann kommt keiner. Gar keiner", sagt er halb amüsiert, halb traurig. Dann wartet er eine Viertelstunde, pustet die Kerzen wieder aus und feiert im Pfarrhaus einen "Familien"-Gottesdienst mit Frau und Kindern.

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