Knecht Ruprecht begleitet den Nikolaus schon lange nicht mehr. Er kommt jedes Jahr später im Advent, dafür allerdings zunehmend stärker bewaffnet.

Dem Fernsehprogramm entnehmen wir, dass sein Erscheinen inzwischen auf Heiligabend 22 Uhr festgesetzt wurde, er trägt die Maske von Jean-Claude Van Damme und hat die Rute gegen Maschinenpistolen eingetauscht (Sudden Death, RTL). Es ist übrigens auch nicht mehr so, dass mit der Ankunft des Herrn sich die Tore zum ewigen Leben öffneten, es ist eher die ewige Verdammnis (Highway zur Hölle, Vox). Für die Reise nach Bethlehem bleibt wenig Zeit (Nur 48 Stunden, Sat.1), und schon kurz vor Mitternacht empfehlen sich kugelsichere Westen für den Weg (Bulletproof, RTL), wildes Raubzeug streunt umher und trachtet nicht nur Ochs und Esel nach dem Leben (Die Zeit der Wölfe, RTL 2).

Mit Fortschreiten der Heiligen Nacht werden die Straßen immer unsicherer, kolumbianische Drogenhändler kidnappen die Hirten, mit der Friedensbotschaft kann man nichts mehr ausrichten, man muss sie mit Gewalt befreien (Holt Harry raus, Kabel 1). Am Ende bricht sogar der Krieg aus (Schlacht um Midway, RTL), an dem wieder nur der militärisch-industrielle Komplex verdient (Das Bombengeschäft, Kabel 1).

Die fröhliche Parade von Verbrechern und Soldaten, Polizei und geisteskranken Mördern, die das private Fernsehen zu Weihnachten ausrichtet, ist wahrscheinlich nur die vorerst letzte Transformationsstufe der Spukgestalten, die seit alters die Frohe Botschaft drohend umlagern, der Perchten und Spinnstubenfrauen, Pelznickel und Herrscheklos, Bartels und Krampusse. Neu ist allerdings (und man kann daran einen pessimistischen Zug der Fernsehunterhalter beobachten), dass die Schreckfiguren angesichts des Kindleins in der Krippen nicht mehr weichen - vielmehr setzen sich Korruption und Notzucht am ersten Feiertag bis in höchste Kreise fort (Fesseln der Macht, Kabel 1). Die Befreiung von der Sünden Macht ist nicht gelungen, es wurde eine neue Frist gesetzt (Und wieder 48 Stunden, Sat.1). Gewiss ist nur, der Tag der Abrechnung kommt (Terminator II, RTL).

Wir müssen daher wohl nüchtern feststellen: Der Reformdruck auf das Kirchenjahr hat gewaltig zugenommen. Auf die Geburt des Herrn folgt heutzutage unmittelbar das Jüngste Gericht (Countdown: Der Himmel brennt, RTL), und die Auferstehung zum ewigen Leben sollen wir uns als naturwissenschaftlich gebildete Zeitgenossen auch eher biologistisch vorstellen (Chameleon - Spektakuläre Verwandlung, Sat.1). Maria und Josef geraten damit allerdings unter den Verdacht betrügerischer Sektengründung (The Impostors - Zwei Hochstapler in Not, Vox). Die Chancen ihrer Rehabilitierung stehen schlecht (Wenn nicht ein Wunder geschieht, Super RTL).

Die Mutter Gottes wird offensichtlich vom Pech, wenn nicht vom Hass der Sender verfolgt (Im Visier des Bösen, RBB).

Aber - nur unter uns, ganz im Vertrauen gesagt - das Wunder wird doch geschehen. Es geschieht seit zwei Jahrtausenden jede Weihnacht und nimmt in Wahrheit keine Rücksicht aufs Fernsehprogramm.