Vielleicht fordern seine Kunstwerke den Betrachter, weil die Welt, wie sie ist, auch ihn fordert. "Die Kunst ist für mich ein Werkzeug, um die Welt kennen zu lernen, mich mit ihr zu konfrontieren, und um die Zeit, in der ich lebe, zu erfahren." Wozu das führt, ist derzeit in der Frankfurter Kunsthalle Schirn zu besichtigen. Dort hat der Schweizer Thomas Hirschhorn seine Doppelgarage, eine Auseinandersetzung mit dem 11. September, aufgebaut: zwei voll gerümpelte Räume, die einer reiz- und müllüberfluteten Fantasy-Welt gleichen. Im ersten Raum stehen Podeste, auf denen, umgeben von irrwitzigen Pappmachépilzen und Silberpapierbergen, seelenruhig Modelleisenbahnen kurven. Die Wände dieser trashig-schicken Heimwerkerhölle im Neonlicht sind mit Aufklebern, Postern und Bildern tapeziert. Überall hängen Zitate und längere Textpassagen aus dem Abc der Verantwortung – philosophische Reflexionen über Nietzsche von Marcus Steinweg.

Hirschhorn sieht die Ereignisse vom 11. September als Vergeltungsaktion des Iraks für den ersten Golfkrieg. Mit den ausgesuchten Fotos stellt er diese Verbindung her. Auf Regalen stehen Erdkugeln, die so lange mit Klebeband umwickelt wurden, bis sie vermummten Schurken ähneln; aus den Sehschlitzen blinzeln kleine Stückchen Welt. Von der Decke baumeln Klebebandstreifen, an denen Bilder hängen. Sie sehen aus wie jene aus der Mode geratenen Fliegenfänger, an deren Klebefilm alles haften bleibt, was in ihre Nähe kommt. Ganz ähnlich funktioniert Thomas Hirschhorn, bloß dass in seinem Kopf Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen in Wort und Bild kleben bleiben, aus denen er dann seine Werke formt.

Bei der Ausstellungseröffnung in Frankfurt präsentiert sich der 46 Jahre alte Thomas Hirschhorn als umgänglicher Künstler, der bereitwillig Auskunft gibt über sein Werk. Seine Assemblagen und Installationen sind immer auch wilde Assoziationslandschaften. Das galt schon für seine Heimatkundeschau Swiss Army Knife, 1998 in der Kunsthalle Bern, ebenso wie für seinen Beitrag zur Biennale in Venedig ein Jahr später, wo er sich mit dem großräumigen Flughafen Welt der Globalisierung widmete. Die Materialien, die er verwendet, finden sich in jeder besser sortierten Küchenschublade: Papier, Cellophan, Klebeband, Alufolie – Requisiten des Alltags. "Für mich war es nie ein Problem, unterschätzt zu werden", sagt Thomas Hirschhorn. Qualität und Talent sind ohnehin keine Kategorien seiner Auffassung von Kunst. Viel lieber spricht er von Energie, die zum Nachdenken anrege. Dabei spielt Hirschhorn gekonnt mit dem Unperfekten: Er zeigt uns schief ausgeschnittene Zettel und Bilder sowie unförmige Gebilde, wie von Kinderhänden gemacht.

Hinter der scheinbar chaotischen Unbeholfenheit, die seine Werke umgibt, steckt Methode. "Ich mache es extra schlecht", sagt er, das gut Gemachte langweilt ihn. Das ist keine Koketterie, sondern ein Formprinzip: Hirschhorn will niemanden von seiner Arbeit ausschließen. Deswegen findet man seine Werke nicht nur im Museum, sondern auch auf der Straße, etwa seine Denkmale und Kioske für von ihm verehrte Philosophen und Schriftsteller wie Spinoza oder Ingeborg Bachmann. Auch mit dem Bataille-Monument, Hirschhorns Beitrag zur Documenta 11, zwang er die Kunst in den öffentlichen Raum, in diesem Fall in eine Kasseler Arbeitersiedlung. Dort rekrutierte er auch Mitarbeiter für sein Projekt.

Sein Mitleid mit den Randständigen hat aber durchaus Grenzen. Hirschhorn ist kein Sozialarbeiter. Er sei, so sagt er, interessiert an den Schwachen, aber nicht an der Schwachheit. Doch er bleibt dabei: "Meine Kunst mache ich für Kunstkenner und -liebhaber, aber auch für diejenigen, die mit Kunst nichts zu tun haben, weil sie andere Probleme haben." Dabei scheint er von einer geradezu missionarischen Arbeitswut getrieben. Thomas Hirschhorn ist ein Ruheloser geblieben, und seine Kunstwerke beruhigen nicht.