"Schaut, was er für die Welt bedeutet, welche Kundschaft er hat. Er war kein Philosoph, kein Wissenschaftler, er hat nur gebetet und gebeichtet, von morgens bis abends."

Papst Paul VI., 1971 Der Irrsinn eines veritablen Heiligenkultes: schnaubende, von Serpentinen geschundene Busse, das Hupen der Verzweiflung, zuschlagende Türen, Parkwächter in fanatischem Ringen um Ordnung. Glockenläuten und lichtloser Nebel in San Giovanni Rotondo, 566 Meter über dem Meer, Apulien, Süditalien.

Im Himmel die Prophezeiung des einfallenden Winters - verwehter Schnee. Der gewöhnliche Sonntagmorgen vor der Chiesa Santa Maria delle Grazie im größten Wallfahrtsort Europas: Absperrgitter zur organisierten Ehrfurchtsverwaltung, exklamierende Kalenderverkäufer, ein Martinshornduell, Ave Maria singende Frauen im Fellkragenmantel, an den Wänden der heiligen Zone: SEIN Bild. Im Raum: SEINE Spiritualität. Schiebende donne, schreiende Kinder. Christen in Aufruhr. Regenschirme, in Gesichter stechend, Taschen, in Bäuche drückend.

Das Schnaufen erregter Asthmatiker.

Ein Strömen, dann ein Stocken. Andachtsstau auf der zweiten Treppe in Richtung Gruft. Ölgemälde, Fotos, Poster, koloriert, gezeichnet. IHM entkommt man nicht. Er lacht, segnet, betet von den Wänden herab. Der weiße volle Bart, der gesenkte Blick, die mahagonibraunen Augen. SEIN alter Beichtstuhl hinter Glas. Tuscheln, Nuscheln. Süditalienische Polyfonien des Erstaunens, apulisch, kampanisch, kalabrisch, sizilianisch. SEINE Garderobe hinter Glas, stapelweise Hemden, lageweise Reißverschlusspullover in Eierschalweiß.

Marmorskulpturen, ER und Jesus, Bronzebüsten. Tausende an diesem Morgen wie am folgenden kommen, sie werfen Passbilder in die Vitrinen, schreiben Bittkarten, spenden Geld und Seele. Neugier, Hoffnung, Trauer.

Den Gang entlang auf Marmorboden. Die zweite Treppe hinab, die Gruft. Die letzte Stufe. Das offene Gewölbe. Plötzlich heilige Stille. Jeder greift in das Weihwasserbecken, zeichnet das Kreuz, küsst die Finger. In der Mitte der Grabstein aus Granit. Auf den Bänken um die Eisengitter knien alte Damen, junge Mädchen und Männer. Frauen lamentieren den Rosenkranz. Ein Greis weint, und als ein Kahlköpfiger mit Mütze sich einem sakralen Anfall hingibt, folgt sogleich die Ermahnung der Aufsichtsperson: "Bitte sprechen Sie Ihre Gebete leiser!"