DIE ZEIT: Frau Huppert, weshalb hassen Sie Künstler?

Isabelle Huppert: Ich hasse nur die Menschen, die von sich selbst als Künstlern reden. Das habe ich damals in Cannes gesagt, als sie mir gerade mächtig auf die Nerven gingen.

ZEIT:Weshalb?

Huppert: Ich fand es schon immer merkwürdig, sich auf diese Weise zu definieren. Da schwingt ein pseudoromantisches Selbstbild mit: der Künstler als Mensch, der ein ganz anderes Leben führt und sich von den anderen abhebt. Vor allem bei Schauspielern und Regisseuren scheint mir das albern. In meiner Vorstellung ist ein Künstler eher ein Maler oder ein Komponist, jedenfalls jemand, der bei dem, was er erschafft, einsam ist. In unserem Beruf kranken diejenigen, die sich Künstler nennen, meist an Selbstüberschätzung und Dünkel. Ohnehin sind Menschen, die ständig von ihrer Kunst und Kreativität reden, in den seltensten Fällen kreativ.

ZEIT: Sehen Sie Ihre Lieblingsregisseure als Künstler?

Huppert: Claude Chabrol oder Michael Haneke würden sich nie so bezeichnen. Chabrol würde sich darüber kaputtlachen und Haneke in verächtliches Schweigen verfallen.

ZEIT: Mit Chabrols Filmen sind Sie die wichtigste europäische Schauspielerin Ihrer Generation geworden. Aber am meisten wagen Sie inzwischen in den Filmen von Michael Haneke.

Huppert: Dabei ist es gar nicht seine Radikalität, die mich anzieht. An der Klavierspielerin und ganz besonders an seinem neuen Film Wolfzeit interessierte mich seine enorme Musikalität. Haneke stellt die Musik über alles andere. Jedes Gefühl, jede Regung wird von ihm auf die winzigste Note genau instrumentiert. Es geht ihm nicht um angenehme, kuschelige Erlebnisse, sondern darum, dem Zuschauer eine Erfahrung zu verschaffen. Er schüttelt ihn und greift ihn da an, wo er am verletzlichsten ist: in seinem Zuschauerdasein. Er attackiert den Status des reinen Betrachters.

ZEIT: Das hört sich enorm pädagogisch an.

Huppert: Ich habe nichts dagegen, wenn man sich im Kino ablenken lässt, für zwei Stunden eintaucht. Aber das bringt meist auch eine gewisse Indifferenz mit sich. Haneke hingegen fordert vom Zuschauer das Gegenteil von Gleichgültigkeit. Das kann bis zu einer physischen Zumutung gehen. Ich will das hier nicht dogmatisch verteidigen, aber es gehört auch zum Kino.

ZEIT: In Wolfzeit spielen Sie eine Frau, die mit ihren Kindern durch ein apokalyptisches Europa wandert. Etwas Entsetzliches hat stattgefunden. Es könnte ein Krieg sein, eine ökologische Katastrophe oder ein terroristischer Anschlag. Die Menschen kämpfen gegeneinander ums pure Überleben. Haben Sie sich je ausgemalt, um welche Katastrophe es sich handeln könnte?