Egon Krenz ist frei. Die letzten beiden seiner sechseinhalb Jahre Haft wurden zur Bewährung ausgesetzt. Nachdem das Berliner Kammergericht gesprochen hatte, durfte Volkes Stimme an die Medien-Mikrofone und rief: Endlich! oder: Riesensauerei! Mit Skepsis hört man die Sozialprognose: Eine Rückfalltäterschaft sei unwahrscheinlich. Gewiss, mangels Mauer und der DDR. Aber wie wird Krenz sein Ostsee-Grundstück sichern?

Der Politbüro-Prozess hat nie den letzten Ernst gefunden. Die Opfer der SED hießen ihn gut, ansonsten galt er als Inszenierung der westdeutschen Selbstgerechtigkeit. Zu deutlich stand im Gerichtssaal der Satz des Außenministers Kinkel, es gehe um die Delegitimierung der DDR. Den Angeklagten kam außerdem zupass, dass ihr altes Staatsvolk mittlerweile neue Sorgen hatte. Kaum jemanden erregte es, als Honecker, Krenz & Gen. von Siegerjustiz sprachen, zumal der Prozess zur Posse verkam. Honeckers Richter Bräutigam erbat das Autogramm der Bestie. Ankläger Plöger, ein Pfau, diagnostizierte Honeckers Krebs als Bandwurm. Am Ende reiste der todkranke Greis nach Chile aus. Auch die anderen Senioren kamen bald auf freien Fuß. Justitias letzte Beute blieb der Jüngling Krenz.

Im Ostgedächtnis haust Krenz als Erichs ewiger Prinz. Als er den Ziehvater stürzte, war es längst zu spät für eine reformierte DDR, an deren Sarg Krenz kräftig mitgenagelt hat. Er verantwortete die gefälschte Kommunalwahl vom Mai 1989. Wochen später reiste er nach Peking und schüttelte den Schlächtern vom Tiananmen die Hand. Nun, das hat später auch Helmut Kohl getan. Krenz verwies immer wieder auf seine Verdienste im Herbst 1989: Dass kein Blut floss, verdanke man maßgeblich ihm. Im Übrigen sei die DDR ein souveräner Staat gewesen, wie die Bundesrepublik. Anderseits habe Kalter Krieg geherrscht, was die Außenpolitik der DDR dem Begehren der Sowjetunion unterwarf. "Der Streit, der zwischen Truman und Stalin begann, kann nicht zwischen dem Politbüro und dem Berliner Landgericht beigelegt werden."

So sprach Krenz 1996 vor seinen Richtern. Er sagte auch: "Daß wir Tote nicht verhindern konnten, zähle ich zur negativen, gescheiterten Seite meiner Lebensbilanz." Diese Äußerung ließ hoffen, Krenz möge akzeptieren, in welcher Eigenschaft er vor seinen Richtern stand: nicht als Privattotschläger K., sondern als Machthaber eines Staates, der sich ein Recht anmaßte, das keinem Staat gebührt, nämlich Menschen zu töten, die ihn verlassen wollen. Es stimmt, dass die DDR wirtschaftlich nicht ohne ihre Grenze existieren konnte. Als Projektionswand für westlichen Triumphalismus bleibt die Mauer denkbar ungeeignet. Aber dass die DDR sie brauchte, rechtfertigt nicht, dass ihre Diener an dieser Grenze schuldig wurden, ob im Politbüro oder als so genannter kleiner Mauerschütze. Erinnerung an ein Nachtgespräch im Lehrlingswohnheim. Tags zuvor war Musterung gewesen. Ein Kamerad hatte sich auf 25 Jahre zur Armee verdingt, Grenztruppen, Standortwunsch Berlin. – Und was machst du, wenn deine Mutter abhauen will? – Gut zielen, sprach er, an der Grenze kenn ich keine Mutter.

Als Krenz verurteilt wurde, hoffte Generalstaatsanwalt Christoph Schaefgen, dass die Menschenrechtsverletzungen in Diktaturen "Eingang in ein Völkerstrafrecht finden. Das wäre wohl auch zu rechtfertigen, wenn man zu der Erkenntnis gelangt, dass fast nur von Diktatoren und diktatorischen Regimen Kriege ausgelöst werden." Was Letzteres betrifft, ringt die westliche Demokratie seit März mit neuem Wissen. Nun hat das derzeit jüngste Gericht wenigstens ein bisschen Augenmaß bewiesen, als es Krenz entließ und Saddam Hussein hinter Gitter brachte. George Bush ist ein Mann der Zukunft.

Alle Geschichte muss einmal Folklore werden. Auf dem Spandauer Weihnachtsmarkt steht eine Bude, da kann man Honi und Helmut, Genschman, Gorbi und Ghaddafi den Hut vom Haupte schmeißen. Was den Freigänger Krenz anlangt, so gibt es längst Verwechslungen mit einer anderen Kultgröße der heiteren DDR: mit Egon Olsen, dem Chef des Kopenhagener Gaunertrios Olsenbande. Jeden Kinosommer erschien eine neue Folge, an deren Beginn Egon den Knast verließ. Am Ende fuhr er wieder ein, dann wieder aus…, immer mit dem Satz: Ich habe einen Plan. Auch Egon K. hat einen Plan: Memoiren schreiben. Zu Krenz’ Entlassung äußerte sich auch Joachim Gauck. Er wünschte seinem 49-Tage-Staatschef "frohe Weihnachten und viele neue Einsichten über das alte Leben". Ein schöner Satz. Den schreiben wir ab.