Gabriel Grüner gab es wirklich. Er war ein ungemein sympathischer Hamburger Kollege – vor vielen Jahren Hospitant im Feuilleton der ZEIT, in der er seine ersten Literaturkritiken veröffentlichte, später Reporter beim stern. Er kam aus Südtirol, war lange und eng befreundet mit einer bekannten Südtiroler Schriftstellerin. In Hamburg teilte er das Leben mit einer Modejournalistin. Als er 1999 im Kosovo auf einer Reportagereise erschossen wurde, erwartete das Paar gerade das erste Kind.

Der Tiroler Schriftsteller Nobert Gstrein hat, vier Jahre später, einen Roman über einen Hamburger Journalisten aus Südtirol veröffentlicht, der auf einer Reportagereise im Kosovo erschossen wird, eine Südtiroler Schriftstellerin und eine Hamburger Lebensgefährtin zurücklässt. Mit Gabriel Grüner, suggeriert ein rätselhafter Vorspruch, habe der Roman dennoch nichts zu tun – „zur Erinnerung an Gabriel Grüner (1963–1999), über dessen Leben und dessen Tod ich zu wenig weiß, als daß ich davon erzählen könnte“.

Und wirklich: Mit nachgerade altkakanischer Umständlichkeit erzählt dieser umfängliche Roman vornehmlich davon, wie schwierig es sei, über den ermordeten Journalisten zu schreiben. Gleich zwei Erzähler und verschiedene Zeugen werden vor dem Toten postiert, der hinter einer Flut romaninterner Erörterungen beinahe verschwindet. Das Buch, das wir vor uns haben, ist – erfährt man am Ende – nur entstanden, weil das Buch, von dessen Entstehung der Roman breit und unablässig berichtet, gescheitert sei. Paul, der Freund des toten Journalisten, der einen Roman über den Toten verfassen wollte und dafür alle möglichen Recherchen angestellt hat, nimmt sich das Leben und zerstört die bereits geschriebenen Kapitel. Der eigentliche Erzähler, ein Freund von Paul, schreibt den Roman an seiner Stelle. Der Roman, den wir lesen, ist also ein Roman über einen toten Freund, der die Geschichte seines toten Freundes schreiben will und daran scheitert: Ein Buch steckt im Buch steckt im Buch. Das ist eine erprobte, altehrwürdige literarische Spiegelfigur, die uns immer wieder warnend und mahnend auf den Kunstwerkcharakter des Kunstwerks, ja auf die abgründige Fiktionalität alles Weltlichen aufmerksam macht.

Hier fehlt der Reflexion des Werks auf sein vielfach gebrochenes Verhältnis zur Wirklichkeit allerdings die Virtuosität, ohne die eine solche Kunstfigur Staub fängt. Pflichtmäßig und mechanisch wird sie in Szene gesetzt. Jegliche Information über den toten Reporter wird säuberlich durch den Mutmaßungswolf mindestens zweier, häufig dreier Berichterstatter gedreht, Erzähler X erzählt, was Erzähler Y vom Zeugen Z gehört haben will: „Dann sprach er darüber, wie sie erzählt hatte, er sei eines Tages wachgeworden…“ Andreas Maier hat dieses Mutmaßungsparlando in seinem Roman Wäldchestag in einer Art trunkener Übererfüllung zur Perfektion getrieben. In diesem Roman, vielleicht muss man auch sagen: in diesem ernsten Fall, dem sich der Autor verschrieben hat, wirkt das Spiel mit den Erzählformen nicht heiter und philosophisch durchtrieben, sondern ausweichend und banal. Fast möchte man meinen, die Sprache dieses Romans über die Recherche über den Reporter sei deswegen so ton- und spannungslos, weil letztlich niemand mehr, selbst der Autor nicht, für das Geschriebene Verantwortung übernimmt, weil jeder Satz vielfach entkräftet wird, weil kein Satz wirklich zählt.

Bleibt der „Stoff“, bleibt ein Toter, den der Autor zu schlecht gekannt haben will, um über ihn zu schreiben und über den er – unter allerhand Abwehrmanövern – dennoch schreibt. Darin liegt der Konstruktionsfehler dieses Buches. Während der selbstreflektierende Roman idealerweise seinen Stoff aus sich selbst bildet, liegt diesem Roman ein „echter“, zumal weitgehend bekannter Lebensstoff zugrunde, vor dem er durch seine erzählstrategischen Bemühungen jedoch ständig auf der Flucht ist, ohne einen eigenen, literarischen Stoff hervorzubringen. Deswegen bleibt dieses Buch im Herzen leer.

Das wenige, das von dem erschossenen Reporter über alle künstlichen Beschwernisse hinweg letztendlich berichtet wird, ergibt ein desaströses und fragwürdiges Bild. Der Tiroler Journalist und noch mehr seine Tiroler Schriftstellerfreundin werden in einem derart missgünstigen Licht gezeichnet, dass man sich in manchen Passagen fragt, was außer innerösterreichischen Stammesfehden und deren ästhetischer Kostümierung den Tiroler Autor eigentlich interessiert. Der Krieg in Jugoslawien, das Kosovo, Kroatien, das am Rande als Schauplatz dient, sind es nicht. Das tragische Schicksal des Journalisten, seine Arbeit als Kriegsberichterstatter, seine Artikel und Reportagen sind es auch nicht. Im Gegenteil, immer wieder werden wir darauf hingewiesen, dass der Tote angeblich schlecht schrieb, auf wen oder was er alles hereingefallen, wie fragwürdig sein Umgang, wie nichtswürdig seine Freunde seien (das Porträt der Tiroler Kollegin fällt durch seine ungezügelte Häme und Rachlust ganz aus dem Rahmen).

Der Krieg auf dem Balkan, dessen Ursachen und Hintergründe Gabriel Grüner durch seine Reportagen zu erhellen suchte, regrediert unter diesen Voraussetzungen zu einem unbegreiflichen Kasperlekrieg, in dem jeder jedem wahllos den Kopf abschlägt, weshalb der Erzähler auch „gar nicht erst versucht, sich in dem Durcheinander zurechtzufinden“. Das Handwerk des Tötens, so der großspurige Titel, sei eben ein „jahrtausendealtes Geschäft“, die Arbeit der Reporter, die sich schon mal „einen schönen Leichenhaufen arrangieren ließen“, sei eine halbe Schurkerei, der Tote ein „flotter Typ“, der seinen Beruf jahrelang mit der „schaupielerhaften Attitüde eines professionellen Katastrophenjournalisten“ verwechselt habe. Bleibt nur die Frage: Womit verwechselt Norbert Gstrein diesen Roman?

Der Schlüsselroman ist ein heikles Genre, seine Motive sind selten nachvollziehbar, liegen im Privaten, Halböffentlichen. Er muss scheitern, solange seine eigentlichen Intentionen außerliterarisch sind. Das haben Martin Walser, Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst gerade erfahren. Ein Schlüsselroman, der sich überdies als Nicht-Schlüsselroman verschlüsseln will, entkommt vielleicht der gerichtlichen Klage seiner missbrauchten Vorbilder, aber nicht seinem Schicksal. Und das ist dann wieder eine gute, geradezu weihnachtliche Nachricht: Aus Missgunst und übler Nachrede kommt zum Glück nichts heraus. Nicht einmal gute Literatur.

Norbert Gstrein: Das Handwerk des Tötens
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 381 S., 22,90