Wo Wasser fließt, dort ist auch Leben", heißt es auf der Website des Bundesforschungsministeriums. Das ist Unsinn; denn Wasser ist eine der häufigsten chemischen Verbindungen im Weltall, und sein Vorkommen ist keine hinreichende Voraussetzung für die Existenz von Organismen. Höchstens eine notwendige. Jedenfalls kann sich die Wissenschaft noch kein Leben auf der Grundlage von Alkohol oder anderen Flüssigkeiten vorstellen. Deshalb steht die Suche nach Wasser ganz vorn auf der Agenda von Beagle 2, der Landeeinheit der Sonde Mars Express – der ersten europäischen Mission zu einem fremden Planeten.

Am ersten Weihnachtstag um 3.54 Uhr soll, wenn alles gut geht, Beagle 2 weich auf der Marsoberfläche landen und nach Wasser suchen. Fließen kann Wasser auf dem Mars allerdings nicht. Die Umstände dort – eisige Kälte und ein minimaler Atmosphärendruck – bringen es mit sich, dass gefrorenes Wasser, sollte es aus den Tiefen des Marsgesteins auf irgendeine Weise an die Oberfläche kommen, dort in die Gasphase überginge, ohne zwischendurch flüssig zu sein. Da aber auf Fotos der Marsoberfläche Täler und Canyons zu sehen sind, die aussehen, als hätte ein Fluss sie ins Gestein gegraben, gehen die Forscher davon aus, dass es früher einmal Flüsse und vielleicht sogar Ozeane auf dem roten Planeten gegeben hat.

Wo ist das Wasser geblieben? Das will nicht nur die europäische Raumfahrtbehörde Esa herausfinden. In den nächsten Wochen werden diverse Nasa-Sonden auf dem Mars landen. Die Europäer aber liefern den symbolträchtigsten Auftritt: Seit dem erfolgreichen Abkoppeln vom Orbiter am vergangenen Freitag befindet sich Beagle 2 im freien Fall in Richtung Mars. Mit dem Landetermin in der Heiligen Nacht hat die Esa einen guten Sinn fürs Timing bewiesen.

Die Sonde wird an einem Fallschirm herunterschweben, mehrere Airbags aufblasen, wie ein Gummiball ein paarmal aufspringen und dann irgendwo in der Tiefebene Isidis Planitia zur Ruhe kommen – hoffentlich nicht auf einem Felsen. Denn Beagle 2 ist unbeweglich und kann nur am Landeplatz den Marsboden untersuchen. Die im Januar landenden amerikanischen Marsroboter dagegen werden mobil sein und über die Oberfläche rollen wie schon vor sechs Jahren der Sojourner. Die Europäer erweisen sich dafür als tiefer schürfend: Während die US-Roboter das Marsgestein nur oberflächlich ankratzen können, soll sich der in Köln entwickelte Bohrer Pluto von Beagle 2 aus wie ein Maulwurf bis zu 1,50 Meter tief in den Marsboden graben, dort drei Proben entnehmen und vor Ort analysieren. Diese könnten tatsächlich das ersehnte Wasser enthalten.

Die von einigen Medien zum "Wettlauf im All" stilisierte Häufung von Marsmissionen ist weniger auf die Konkurrenz der Forscher zurückzuführen als auf die kosmischen Konstellationen: Alle zwei Jahre nähern sich Erde und Mars einander bis auf 56 Millionen Kilometer, in diesem Jahr sind sie sich sogar so nahe wie seit 57000 Jahren nicht mehr. Amerikaner und Europäer halten dabei – wenigstens im All – zusammen. So wird der amerikanische Orbiter die Funksignale Beagles zur Erde weiterleiten. Ob alles klappt? Von den 39 Missionen, die bislang von der Menschheit in Richtung Mars geschickt wurden, sind 21 gescheitert. Gerade vor zwei Wochen musste die japanische Weltraumagentur melden, dass ihre Sonde Nozomi nach langer Flugzeit zu schwach zum Abbiegen in die Marsumlaufbahn war – sie schoss übers Ziel hinaus.

Die Europäer wollen eine ähnliche Schlappe vermeiden und zugleich an eine große Tradition anknüpfen: Beagle war der Name jenes Schiffs, mit dem Charles Darwin einst die Tier- und Pflanzenwelt Südamerikas erkundete und dabei die Theorie von der Evolution der Arten entwickelte. Nun führt die Esa – neben der Wasserfahndung – die Suche nach außerirdischen Lebensspuren als wichtigste Aufgabe von Mars Express an und setzt sich damit ein ziemlich ehrgeiziges Ziel.

Leben auf dem Mars – die Idee fasziniert die Menschheit seit den (angeblichen) Marskanälen, die der Astronom Giovanni Schiaparelli 1877 im Fernrohr zu sehen glaubte. Noch 1938 konnte Orson Welles mit dem Hörspiel Krieg der Welten die amerikanischen Radiohörer in Angst und Schrecken versetzen. Heute ist man bescheidener: Grüne Männchen werden die Marsroboter nicht finden, aber schon ein paar organische Moleküle wären ein handfester Hinweis darauf, dass sich das Leben nicht nur auf der Erde entwickelt hat.

Aber auch wenn diese Sensation ausbleibt, die wahrlich eine der größten wissenschaftlichen Entdeckungen wäre, und der Mars sich als eine ebenso tote Kugel erweisen sollte wie der Mond – vergeblich wird die Mission nicht sein. Sie wird neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung des Marsbodens und der Atmosphäre bringen, und die Kamera an Bord des Orbiter wird den Planeten besser kartieren als je zuvor – schon dafür hätte sich der Einsatz von knapp 66 Millionen Euro aus deutschen Steuergeldern gelohnt.