Was ist Sinn?", fragt Armin Nassehi. Wie ein Conférencier wandert der Professor durch die mit 500 Hörern besetzten Reihen im Audimax der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und hält seinen verdutzten Zuhörern das Mikrofon unter die Nase. Der Soziologe will mit seinen Fragen die Studenten aus der Reserve locken. "Mein Mittel, sie zu kriegen, ist der Dialog", sagt Nassehi. "Ich mag ja auch nicht, wenn da vorne immer jemand steht, der schon alles weiß."

Die kurzweiligen Vorlesungs-Shows des professoralen Entertainers zeigen, dass trockene, seit Jahren immer gleiche Vorlesungen längst der Vergangenheit angehören könnten. Doch weil dem nicht so ist, gibt es "Profil", ein Programm, mit dem an der LMU die pädagogischen Fähigkeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses verbessert werden sollen.

Daran nehmen auch die fünf Doktoranden und Habilitanden der Germanistik teil, die sich an diesem Nachmittag im Seminarraum der psycholinguistischen Fakultät versammelt haben, um das Lehren zu lernen. Die Reihe ist an Burkhard Meyer-Sickendiek. Der 35-jährige Habilitand soll ein Referat halten, das von einer Videokamera aufgezeichnet und anschließend analysiert wird. Er spricht über die Geschichte der deutschen Satire, bemüht sich, locker rüberzukommen, aber die anspruchsvollen Inhalte nicht untergehen zu lassen.

Auf das Probereferat folgt die Selbstreflexion. "Ich war nervös, es war wohl etwas wackelig", meint der junge Wissenschaftler. – "Ein bisschen Lampenfieber ist sogar gut", entgegnet Seminarleiter und Rhetoriktrainer Gerhard Schmid. Die anderen Teilnehmer attestieren ihm eine "unentspannte Wirkung", zu viele "Mms" und "Ähs", aber eine gute Gliederung des Vortrags. Die Stärken zu fördern sei besser, als die Schwächen ausmerzen zu wollen, sagt Schmid. "Dazu ist vieles schon zu eingefahren."

Das Profil-Programm an der LMU gibt es seit 1999. Damals verabschiedete der Bayerische Landtag eine Novelle des Hochschulgesetzes, mit der die Hochschulen des Freistaates verpflichtet wurden, die "pädagogische Eignung" des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchses zu fördern. Daraufhin wurde am Lehrstuhl für Psycholinguistik ein Coaching-Programm für Habilitanden entwickelt, mit dem Ziel, das "akademische Lehren und Lernen effizienter und zeitgerechter zu gestalten", wie es auf der Internet-Seite heißt.

Wer mit den Zuhörern flirtet, hält sie bei Laune

Profil ist ein zweiphasiges Trainingsprogramm, das innerhalb eines Studienjahres neben der Uni absolviert werden kann. Zunächst werden in drei aufeinander folgenden Seminaren rhetorische Grundlagen vermittelt. Neben dem "Lehrvortrag" üben die Teilnehmer, ein Seminar zu leiten und bei einer Podiumsdiskussion aufzutreten. Auch ein Training mit einer Sprecherzieherin gehört dazu. Im zweiten Semester können neue Formen des Lehrens und Lernens an der Universität erprobt werden, etwa kooperatives oder problemorientiertes Lernen. Abschließend gibt es ein "kollegiales Coaching": Profil-Teilnehmer besuchen sich gegenseitig in ihren Lehrveranstaltungen, um die pädagogischen Leistungen zu beurteilen.

"Weg vom Monolog, hin zur Interaktivität", mahnt Schmid immer wieder. Dazu gehöre es, mit treffenden Beispielen abseits der großen Theorie an das Vorwissen der Studenten anzuknüpfen: "Das muss für die jungen Leute, die unsere Zielgruppe sind, nachvollziehbar sein. Sonst schalten sie ab." Burkhard Meyer-Sickendiek will idealerweise eine "Flirtsituation" mit seinem Auditorium herstellen. "Ich möchte nie erleben, dass schon nach einer Viertelstunde nichts mehr geht." Manche Fragen sind dabei sehr praktischer Natur. Soll man das Thesenpapier zu Beginn eines Seminars verteilen oder erst am Schluss? "Erst am Schluss, sonst lesen alle darin herum und hören nicht zu", sagt eine schon erfahrenere Teilnehmerin.