"Schaut, was er für die Welt bedeutet, welche Kundschaft er hat. Er war kein Philosoph, kein Wissenschaftler, er hat nur gebetet und gebeichtet, von morgens bis abends."

Papst Paul VI., 1971

Der Irrsinn eines veritablen Heiligenkultes: schnaubende, von Serpentinen geschundene Busse, das Hupen der Verzweiflung, zuschlagende Türen, Parkwächter in fanatischem Ringen um Ordnung. Glockenläuten und lichtloser Nebel in San Giovanni Rotondo, 566 Meter über dem Meer, Apulien, Süditalien. Im Himmel die Prophezeiung des einfallenden Winters; verwehter Schnee. Der gewöhnliche Sonntagmorgen vor der Chiesa Santa Maria delle Grazie im größten Wallfahrtsort Europas: Absperrgitter zur organisierten Ehrfurchtsverwaltung, exklamierende Kalenderverkäufer, ein Martinshornduell, Ave Maria singende Frauen im Fellkragenmantel, an den Wänden der heiligen Zone: SEIN Bild. Im Raum: SEINE Spiritualität. Schiebende donne, schreiende Kinder. Christen in Aufruhr. Regenschirme, in Gesichter stechend, Taschen, in Bäuche drückend. Das Schnaufen erregter Asthmatiker.

Ein Strömen, dann ein Stocken. Andachtsstau auf der zweiten Treppe in Richtung Gruft. Ölgemälde, Fotos, Poster, koloriert, gezeichnet. IHM entkommt man nicht. Er lacht, segnet, betet von den Wänden herab. Der weiße volle Bart, der gesenkte Blick, die mahagonibraunen Augen. SEIN alter Beichtstuhl hinter Glas. Tuscheln, Nuscheln. Süditalienische Polyfonien des Erstaunens, apulisch, kampanisch, kalabrisch, sizilianisch. SEINE Garderobe hinter Glas, stapelweise Hemden, lageweise Reißverschlusspullover in Eierschalweiß. Marmorskulpturen, ER und Jesus, Bronzebüsten. Tausende an diesem Morgen wie am folgenden kommen, sie werfen Passbilder in die Vitrinen, schreiben Bittkarten, spenden Geld und Seele. Neugier, Hoffnung, Trauer.

Den Gang entlang auf Marmorboden. Die zweite Treppe hinab, die Gruft. Die letzte Stufe. Das offene Gewölbe. Plötzlich heilige Stille. Jeder greift in das Weihwasserbecken, zeichnet das Kreuz, küsst die Finger. In der Mitte der Grabstein aus Granit. Auf den Bänken um die Eisengitter knien alte Damen, junge Mädchen und Männer. Frauen lamentieren den Rosenkranz. Ein Greis weint, und als ein Kahlköpfiger mit Mütze sich einem sakralen Anfall hingibt, folgt sogleich die Ermahnung der Aufsichtsperson: "Bitte sprechen Sie Ihre Gebete leiser!"

Wer einen Platz gefunden hat, gibt ihn nicht mehr auf. Der Vater flüsternd zu seinem Dreijährigen: "Da liegt ER." Das Kind nimmt beide Hände gefaltet zum Mund. "Wer?" Der Vater schlägt das Kreuz. Der Sohn tut es nach. "Padre Pio!" Hier liegt ER, der Wiedergänger Christi, wie die Leute sagen.

Der Mann, der fingerlose Handschuhe trug, wird am Mittwoch, den 25. Mai 1887, 1150 Meter über dem Meer in einem Zimmer an der kleinen Gasse Storto Valle im kampanischen Pietrelcina geboren, es ist fünf Uhr nachmittags. Die Eltern sind analphabetische Bauern. Francesco ist das siebte und vorletzte Kind des Grazio Forgione und der Maria Giuseppa Di Nunzio, ein braves, ruhiges, meist reserviertes Kind. "Nie hat er irgendetwas Schlechtes oder Böses getan", behauptet die Mutter. Jeden Tag geht Francesco zur Kirche auf dem hohen Felsen, um zu Jesus und Maria zu beten. Freunde hat er keine. Man stellt ihm Lehrer bereit, der Junge lernt schnell. Dann geht er in die Wälder, hilft seinem Vater auf dem Land, betet an einer Ulme und träumt den Traum des armen Bauernsohns: Mönch, das will er werden. Er wird Kapuziner, tritt 15-jährig ins Kloster Morcone ein. Um Weihnachten 1902 hat er eine erste Vision, die er, sich in die dritte Person Einzahl rückend, niederschreibt:

Francesco ist einem majestätischen Mann von seltener Schönheit begegnet, so hell wie das Licht der Sonne. Der Mann nahm ihn an der Hand und ermutigte ihn mit den Worten ‚Komm mit mir, du musst kämpfen wie ein tapferer Krieger.‘ Es war eine heftige Schlacht. Mithilfe des hell leuchtenden Mannes, der immer an seiner Seite war, überwältigte Francesco seinen Widersacher. Sofort nahm der gute Mann die Krone ab und sagte: ‚Ich habe eine noch schönere für dich zur Seite gelegt. Wisse, dass du fähig bist, den guten Kampf zu kämpfen gegen den, den du gerade besiegt hast. Er wird zurückkommen und dich attackieren. Hab keine Angst, ich werde mit dir sein. Ich werde dir immer helfen, ihn zu besiegen.‘

Luigina aus Turin schmilzt dahin vor atemloser Liebe

Francesco nennt sich fortan Padre Pio, studiert Philosophie und Theologie in den Klöstern von San Marco la Catola und Sant’Elia in Pianisi und leidet mehr und mehr unter merkwürdigen Krankheiten. Nie werden sie definitiv diagnostiziert, die Ärzte sind ratlos. Der junge Mann hat ein Lungenleiden, so viel steht fest, man denkt an Tuberkulose, Jahre später fällt das falsche Wort vom Krebs. Der Patient isst wenig, schläft kaum. Er hat marternde Kopfschmerzen, muss sich übergeben. Er leidet unter Atemnot und spürt eines Tages seltsame Schmerzen in Händen, Füßen und der Brust. Er fällt beim Beten in Ekstase und wird ohnmächtig; in heißen Sommernächten hört er Schritte in Nebenräumen und sieht furchtbare Kreaturen. Bruder Pio bekommt Fieber, Brustdrücken und Kälteschweißattacken. Neue Lungenschmerzen treten auf. Wieder und wieder zieht er sich in Pietrelcina in das Steinhäuschen mit dem Namen La Torretta zurück, schließt sich für Stunden ein, betet, schreibt Briefe an seinen Seelenführer Bruder Benedetto in San Marco und hat Dutzende Visionen von Jesus und Maria. Seine Kämpfe mit dem Teufel, seine Schreie erschüttern das Bergdorf, an den folgenden Tagen wollen die Mitbewohner Kratzspuren in seinem Gesicht gesehen haben. Dann geschieht etwas Unerklärliches.

Im Mai 1909, so ist es in den alten Aufzeichnungen notiert, sammelt Padre Pio Kastanien und schickt seiner geliebten Tante Daria eine große Tüte voll davon. Kurz darauf explodiert vor dem Haus der Tante eine Lampe, die Frau erleidet schlimme Verbrennungen, schreit vor Schmerzen, rennt ins Zimmer, greift die aufbewahrte Tüte und stülpt sie sich über ihren Kopf. Sofort sei der Schmerz verschwunden, die Zeichen einer Verbrennung seien nicht mehr zu sehen gewesen. Die Leute sprechen von einem Wunder.

Der Duft von Veilchen und das helle Licht der Sonne, das die Frauen bannt. Ach Gott! Wie ist Luigina verliebt! Seit 48 Jahren verliebt und noch immer ledig! Keiner war SEINER würdig, für IHN hat sie sich aufgespart. Es ist wahre Liebe. In ihren Augen tobt das unverstellte, unverdorbene Leben, Blicke fliehen zur Decke, zum Boden, im Raum umher, es riecht nach altem Körper und neuem Geist, und ihre Augen lachen vor Glück, wenn sie von IHM erzählt, und es wackelt der Rollstuhl, in dem sie sitzt, weil sie Knochenkrebs hat und eine verschlissene Hüfte. Diese unerhörte Liebe begann im Frühsommer 1955.

Luigina Suppo aus Turin hörte von einem Mönch, der Wunder tun sollte, was sie nicht glaubte; also reiste sie nach Süden, aus Neugier und weil sie, aus welchen Gründen auch immer, zu beichten hatte. Kann nicht jeder ihre Verzweiflung verstehen, als sie nach 1000 Kilometern Fahrt den süditalienischen Akzent des strengen Mönchs im Beichtstuhl nicht verstand? Enttäuscht ging sie am folgenden Morgen zum Bus, doch sie merkte, dass sie ihren Hut in der Pension Bianco vergessen hatte. Sie also zurück, verpasste den einzigen Bus des Tages, es wurde dunkel, sie blieb eine weitere Nacht. Um drei Uhr wachte sie auf und ließ sich von irgendeiner Kraft zur Kirche hinüberziehen, wo Hunderte seit Stunden warteten, um die besten Plätze zu haben, in SEINER Nähe, und Luigina hörte jene Messe, die ihr Leben verändern sollte.

Sie schlich um die Betenden herum nach vorn, in die Nähe des Altars. Es war vier Uhr morgens, SEINE Zeit. Kein Zentimeter der kleinen Kirche war ungenutzt, die Gläubigen standen bis hinaus auf die Straße, überall Menschen, die ihn reden hören wollten. Und dann sprach ER, und sie spürte: ER spricht nur zu mir. Und während er die Messe hielt, beantwortete ER IHRE Fragen. Ach Gott!

Luigina schmilzt dahin vor atemloser Liebe, sie lächelt und lacht wie ein kleines, süßes, 73-jähriges Mädchen, das birst vor Lebenslust und bibbert vor Erregung. So muss es gewesen sein: ER habe ihr die Pension Bianco in Sichtweite des Konvents ans Herz gelegt, also sei sie auch diesen Tag geblieben, habe als Dienstmädchen in der Pension gearbeitet und auf den Bus am folgenden Tag gewartet. Und als sie ihm ihr Gehen ankündigte, da fragte ER: ‚Wer hat dir das erlaubt?‘ – "Er war heilig in dem ersten Moment, als ich ihn gesehen habe. Er stand in Gottes Licht. Immer, wenn ich in seiner Nähe war, wurde es hell, und es roch nach Blumen."

Dann kam das Jahr 1982, Ärzte eröffneten Luigina Suppo den Befund: Knochenkrebs. Bald war sie gelähmt. Endstadium. Die Mediziner gaben ihr noch zwei Monate. In jener einen Nacht aber, im hellen Licht eines wunderbaren Traums, habe sie den Duft von Veilchen gerochen, das Lächeln des Padre gesehen, und am nächsten Morgen sei sie aufgestanden und aus dem Krankenhaus gegangen und in die Pension Bianco gefahren. Der Krebs hörte zu wachsen auf, und aus Dankbarkeit nahm sich Luigina der streunenden Hunde an und hat bis heute 150 Tiere von den Straßen geholt, aus Mülleimern und Verschlägen, in ihren "Freundeskreis der Hunde und Katzen von San Giovanni Rotondo". Seit 48 Jahren will Signorina Luigina Suppo jeden Tag aus San Giovanni Rotondo nach Turin abreisen. Seit 48 Jahren bleibt sie immer für den nächsten Tag. Seit 48 Jahren liebt Luigina Suppo von der Hundepension Bianco einen Heiligen, von dem sie weiß, dass er sie auf Schritt und Tritt beschützt. Nie mehr wird sie jemand anderen lieben, weil Padre Pio für sie der Christus des 2. Jahrtausends ist und der Menschheit das Gesicht Gottes gezeigt hat.

San Giovanni Rotondo zählt 27000 Einwohner, die Hälfte lebt von Padre Pio, dem erfolgreichsten Arbeitgeber der Region. Kellner, Köche, Kneipenwirte, Hoteliers, Händler, Fahrer, Parkwächter, Lieferanten, Journalisten, Ärzte, Krankenschwestern – ihre gemeinsame Quelle ist reichhaltig, Wundertat und Krankenheilung lassen sich in Zeiten metaphysischer Obdachlosigkeit bestens versilbern, zumal in einer Region, in der die Fama durch Tradierung und tief katholische Erziehung in intakten Großfamilien schnell in den Rang einer Wahrheit geraten kann. Schon zu Lebzeiten von Padre Pio zog es mysteriensensible Menschen von überall her nach San Giovanni Rotondo. Jahr für Jahr wurden es mehr: Wunder- und Abergläubige, Jünger, Pilger, Kranke, Todgeweihte, Handlungsreisende, Agenten der Hoffnung, Geschäftemacher aus Turin, Mailand, Padua, Rom, aus der Toskana, aus den USA, aus Australien. Jeder hat einen Bezug zu Padre Pio, alle standen oder stehen in Kontakt mit ihm, und sie finden in ihm einen Hort der Geistlichkeit, Ganzheit und Gewissheit in ungeistlichen, ungewissen, medial zerlegten Zeiten.

Wer auf den Hügel kommt, sagt man, wird ihn verändert wieder verlassen. Zur Pike des Pio-Booms, in den goldenen Jahren 1996 bis 2002, kamen im Schnitt sechs bis sieben Millionen Pilger jährlich nach San Giovanni. Anders als im südfranzösischen Lourdes, wo 1858 dem 14-jährigen Bauernmädchen Bernadette Soubirous die heilige Maria 18-mal an der Grotte von Massabielle erschien, anders als im portugiesischen Fatima, wo 1917 drei Kindern im Alter von sieben bis zehn jeweils zum 13. der Monate Mai bis Oktober die Maria erschien, hat nach Überzeugung der Gläubigen in San Giovanni Rotondo bis in die Gegenwart hinein der leibhaftige Wiedergänger Christi gelebt und gewirkt.

Aus ganz Italien ließen sich Patienten ins Krankenhaus Casa Sollievo Delle Sofferenza überweisen, das Padre Pio gegründet, dessen Grundstein er gelegt hat. Heil sollte Heilung sein, das war sehr fortschrittlich gedacht. Das Krankenhaus von San Giovanni Rotondo gilt als eines der besten im Lande, schließlich hatte Padre Pio es so verlangt.

1956 gab es 350 Betten, heute sind es über 1000. Wegen Padre Pio sind die Gehälter in San Giovanni Rotondo 30 Prozent höher als in der Region Foggia. Die Arbeitslosigkeit des Ortes liegt bei 4, in der Region liegt sie bei 14, in ganz Apulien bei etwa 30 Prozent. In der "Stadt des Willkommens" gibt es das Padre-Pio-Wachsfigurenkabinett, das Padre-Pio-Museum, den Padre-Pio-Brunnen postmoderner Stahlkunst, das gerade eröffnete Kongresszentrum Centro di Spiritualità Padre Pio, den seit 1987 landesweit ausgestrahlten Padre-Pio-Radio- und den seit 2003 existierenden Padre-Pio-TV-Sender mit 20 Mitarbeitern und ständig wiederholten Berichten über des Padre Botschaft sowie, in Kürze fertig, die monumentale, nach dem Petersdom zweitgrößte Kirche Italiens, in Auftrag gegeben von den Kapuzinern, die Anfangsinvestition, geschätzt gut 20 Millionen Euro, bezahlt mit Spenden, es gibt die Nuova Chiesa, entworfen vom Renommierarchitekten Renzo Piano, mit Platz für 10 000 Menschen, für weitere 30000 auf dem Vorplatz mit dem 40 Meter hohen Granitkreuz.

Drei Straßen führen zu Kirche und Konvent auf dem Hügel, der einmal von kanaanischer Dürre und galiläischer Steppenhaftigkeit gewesen sein muss, umgeben von Pinienhainen und Zypressen, die im roten Lehm des Südens steckten. Noch immer schweift der Blick von hier mühelos über die ölbaumbestandene Weite bis zur Bucht von Manfredonia, über die Felder und Hügel der seit der Antike unter Heiligkeitsverdacht stehenden Halbinsel Gargano, die im Hochsommer verbranntes Land hinterlässt, im Frühling die Pracht der Mandelblüte aufbietet und im Winter den wabernden Nebel machtvoller Mystik.

Die Infrastruktur der Heiligenverwertung ist über die Jahre in dem Maße perfektioniert worden, wie sich die kollektive Begeisterung verselbstständigt hat. Auf jeder der drei Straßen, die auf Kirche, Konvent mit Grab und ehemalige Zelle von Padre Pio zulaufen, herrscht fast jeden Tag eine ins Skurrile sich steigernde Betriebsamkeit. Nach Westen, zum großen Parkplatz hin, reiht sich Bude an Bude aus einfachen Spanplatten, Holzlatten, Bierbänken und beigen Plastikplanen. Namen haben sie nicht. Auf dem Basar zählt allein die Ware. Hinter den Tischen stehen die nicht übertrieben demütig wirkenden Verkäufer, die meisten zwischen 20 und 30, manche rauchen, andere tragen blaue Daunenjacken und schwarze Schirmmützen, und obwohl der Winter eingefallen ist, wird ihnen nicht kalt.

Padre Pio ist der Heilige des neuen Millenniums

Sie reden, erklären, verpacken, nehmen Scheine und Münzen entgegen und sagen, tutto bene, ja, das Geschäft gehe gut, vor allem sonn- und feiertags. Man wird die aus Resin samt Marmorpulver, aus Plastik, Messing, Porzellan oder Glas gestanzten Statuen und Statuetten zwischen 20 und 140 Zentimetern auf Hunderte schätzen müssen, so viel allein in den Buden auf der leicht abschüssigen Via Padre Pio: ER im Kapuzinerkleid, gebeugt, aufrecht, die Hände zum Segen geöffnet; daneben: ER auf gerahmten Fotos, kolorierten Gemälden und Postern zwischen drei und sechs Euro, SEIN Konterfei auf Kalendern, Schlüsselanhängern, in Schneekugeln, auf Kinderlätzchen, Servietten, Sonnenmützen, Taschentüchern, Herzchenkissen. Rosenkränze bilden einen Vorhang, hinter dem sich Weihwasserbeckchen mit Pio-Antlitz offenbaren, Schnitzwerk für 3,50 Euro, Fläschchen für 1 Euro, Wanduhren mit Pio-Bild für 5 Euro, Bücher, Broschüren, Kerzen, Ketten, Anhänger, Glöckchen mit Pio-Griff. Regalweise industriell gefertigter Sakralkitsch, Heiligkeitsmassenware, hergestellt vom Großlieferanten Resin’Art aus San Giovanni oder von notorisch auf Kultobjekte spezialisierten Firmen in Rom, Neapel, Padua und Assisi.

Hügelabwärts, auf dem Platz der Kioske, das gleiche Ereignis, etwas feiner nur, Edelramsch sozusagen, immerhin Ledertaschen und Lederbeutel mit eingestanztem Padre-Pio-Gesicht. Es rascheln die Tüten, Styroporkästen quietschen, Klebebänder reißen; er hat ein Päckchen im Arm, sie trägt ein Tellerchen mit dem Bild des Padre im Gebet, das Kleinkind zupft am Rosenkranz. Um den neu gestalteten Busbahnhof herum gruppieren sich 38 Devotionalienkioske, hell erleuchtet, errichtet mit dem Segen der Stadtverwaltung 2000, im goldenen Jahr, als die Christenheit Jubiläum feierte und acht Millionen Pilger nach San Giovanni Rotondo kamen, weil die Leute glauben wollen, dass Padre Pio der Heilige des neuen Millenniums ist. Weil sie einen Sinn suchen. Weil sie sinnlich ausgehungert sind. Weil ihnen Stück für Stück der Himmel genommen wurde.

Gestanzte Ikonen aus Thailand, China und Japan

Michele, in braunem Cordanzug, führt den Shop außen rechts zusammen mit seinem Bruder. Ist der eine hier, schmeißt der andere die Imbissbude in der Altstadt. Das Händlerleben ist hart. 1500 verschiedene Artikel bieten die Brüder an, läuft es gut, von 8 bis 23 Uhr im Sommer, verdienen sie 5000 Euro im Monat, läuft es schlecht, wie zurzeit, 100 Euro am Tag. Dann wird es, bei 350 Euro Monatsmiete, schwierig mit den ausgefalleneren Wünschen der Kinder. Devotionalienhändler ist Micheles, wie er sagt, Traumberuf. Es gibt und gab nie einen Zweifel, immer wollte er in San Giovanni Rotondo leben und arbeiten, in dieser heiligkeitsgeschwängerten Atmosphäre, immer wollte er dem Padre nahe sein, dessen so eindringlicher Blick einen stets zu befragen schien, sodass man das Gefühl gehabt habe, nichts anderes als die Wahrheit sagen zu können. Zehn Jahre war er als Verkäufer in ganz Italien unterwegs, und wie so viele andere, die einst losgezogen sind, kam er zurück in diesen Ort, einen "heiligen Ort", wie Michele sagt. "Padre Pio ist alles für mich. Er ist eine Figur, die mich jeden Tag begleitet, ohne die ich nicht leben könnte, und das hat nichts mit dem Geschäft zu tun."

Padre Pio auch links und rechts auf dem Weg in die Altstadt. Kein Haus, keine Wohnung, kaum ein Auto ohne das Konterfei von IHM. In den Straßen von San Giovanni Rotondo entfaltet sich die Dialektik von Urmensch und Spätkultur, zu bestaunen ist der Irrsinn einer materialistischen Instrumentalisierung des Spirituellen. Niemanden scheint das zu stören. Die Kapuziner sagen, jeder müsse schließlich von etwas leben. Sie vertrauen den Segnungen der Marktwirtschaft, jener im Namen Padre Pios. "Der Mensch", sagt der schnittige Konventssprecher Stefano Campanella, "braucht manchmal die Sinne, um seinen Geist zu bewegen."

Die neuen jungen Mönche, flaumig noch der Kapuzinervollbart, schicken Fotos von sich per SMS, haben gegelte Haare und schreiten mit geschwellter Brust und mit nachlässig entwickelter Bedächtigkeit durch die Sakristei. Den Alten im Ort gefällt die Überheblichkeit der neuen Generation nicht sehr. Aber die Spätmoderne ist nun einmal in San Giovanni Rotondo angekommen, eine gewisse weltgewandte Lässigkeit, und nur wenige machen sich dazu solch kritische Gedanken wie Giulio Siena, Pressesprecher der Stiftung Casa Sollievo della Sofferenza. Er greift den ausufernden Devotionalienkapitalismus an und stellt die Frage, wer die Seriosität der Andenkenkultur kontrolliere, da doch mittlerweile römische Firmen Särge nach dem Modell Padre Pio herstellten, sich weltweit Tausende von Padre-Pio-Stiftungen gründeten, sich 3000 Gebetskreise auf Padre Pio beriefen und der Devotionalienhandel im Internet floriere. "Es existiert keine Autorität", klagt Siena, "die überwacht, ob all das mit den Botschaften Padre Pios noch übereinstimmt."

Es ist allzu menschlich: Wer auf den Berg der Heilung und Hoffnung kommt, wer Kontakt aufgenommen hat mit dem Übersinnlichen, erkauft sich sein Stück Ewigkeitserinnerung mit massenindustriell in Thailand, China und Japan gestanzten Ikonen, um bei jeder Berührung erneut die Weihe des Wundersamen zu spüren, den tatsächlichen oder imaginierten Schutz in einer Welt voller Zumutungen, die den ohnmächtigen Einzelnen fliehen lässt zur letzten Sicherheit, zur spürbaren Inkarnation Gottes. Und je länger man sich in der heiligen Zone 566 Meter über dem Meer aufhält, desto stärker arbeitet die Macht der Unvernunft.

Der Mann, der fingerlose Handschuhe trug und in den Fußstapfen Jesu wandelte, wird mit 23 Jahren im August 1910 in der Kathedrale von Benevento zum Priester geweiht und hält vier Tage später seine erste Hochmesse in seiner Heimatkirche in Pietrelcina ab. Am Nachmittag des 7. September 1910, als Padre Pio an seiner Ulme betet, erscheinen ihm abermals Jesus und Maria. Und dann, in direkter Intervention Gottes, wie man bis heute annimmt, tauchen, seiner eigenen Schilderung zufolge, plötzlich centgroße Flecken in der Mitte seiner Hände auf, verbunden mit einem starken, stechenden Schmerz. Auf dem Rücken seiner Füße brennt und schmerzt es desgleichen, und dieser Schmerz wird ihn nie wieder verlassen. Allnächtlich kämpft er gegen den Satan. Stets geht er kopfgesenkt, die Bürde einer ungewollten Auserwähltheit tragend, und die, die ihm auf der Straße begegnen, sind gebannt und fasziniert von seinem Charisma, verneigen sich stumm und ehrfürchtig und tragen den Mythos weiter.

Nach kurzem Militärdienst schicken die Kapuziner den Lungenkranken wegen der guten Hochluft im Jahre 1917 in ihr kleines, in asketischer Schlichtheit vereinsamtes Kloster nach San Giovanni Rotondo, das damals 2000 Einwohner hat. Und dort, in der bukolischen Einöde, geschieht am Freitag, dem 20. September 1918, etwas unerhört Mysteriöses. Nachdem er im Chor der Santa Maria delle Grazie, am Altar des heiligen Franz von Assisi, die Messe gefeiert hat, sitzt Padre Pio lange allein im Chorstuhl.

Eine seltsame Müdigkeit übermannt ihn. Geist und Körper versinken in eine unbeschreibliche Ruhe. Um ihn herum ist es vollkommen still. Plötzlich sieht er wieder jene geheimnisvolle Gestalt vor sich, jenes hell leuchtende Wesen, das ihm mehrfach und zuletzt am 5. August erschienen ist, nur dass die Gestalt dieses Mal an Händen und Füßen blutet. Einen Monat später schreibt Padre Pio an seinen Seelenführer: Es war ein erschreckender Anblick. Ich kann nicht beschreiben, was dann passierte. Ich dachte, ich sterbe, und ich wäre sicher gestorben, wäre Gott meinem Herzen, das in meiner Brust zu zerspringen drohte, nicht zu Hilfe geeilt. Als die mysteriöse Gestalt verschwunden war, sah ich, dass meine Hände, meine Füße und meine Brust durchbohrt waren, und Blut strömte aus den Wunden. Können Sie sich die Schmerzen vorstellen, die ich erlitten habe und erleide, fast ununterbrochen, jeden Tag? Wird wohl Jesus, der so gütig ist, diese Prüfung von mir nehmen?

Seit der Stigmatisierung am 20. September 1918 verliert Padre Pio nach Aussage von Mitbrüdern und Ärzten täglich 250 Zentiliter Blut aus seinen Wunden. Einen Becher voll. Unzählige Nachthemden in den Glasvitrinen des Konventmuseums bezeugen getrocknete Blutflecken im Brustbereich. Weil er seine Kreuzigungsmale verdecken will, trägt er fingerlose Baumwollhandschuhe in dunklem Braun. Die Wunden machen ihn einsam. Mitbrüder sind skeptisch und eifersüchtig. Dem Vatikan ist er suspekt. Immer hat er Atemnot. Eine chronische Bronchitis. Er habe das Gefühl, notiert er immer öfter, in Kürze zu sterben. Hände und Füße schmerzen ohne Unterlass.

Mit diesen Stigmata beginnt die Fama vom Heiligmäßigen, der das Leiden auf sich genommen hat, das Gott den Menschen zugedacht hat, der den Menschen des 20. Jahrhunderts als Erlöser erscheint und der von sich sagt: "Ich bin mir selbst ein Rätsel." Padre Pio aus Pietrelcina ist der bislang letzte Mensch, der offiziell anerkannte Kreuzigungsmale aufweist. In den Jahrhunderten vor ihm hat es durchaus Wundmalträger gegeben. Seine direkten Vorgänger aber, heißt es bald, seien der stigmatisierte Franz von Assisi und Jesus von Nazareth.

Der Duft von Veilchen und das helle Licht der Sonne führten Matteo Colella aus San Giovanni Rotondo im Juni 2000 aus dem Totenreich zurück. Der neunjährige Junge hat die seltene Blutkrankheit Zytomegalie, eine Virusinfektion, die zur Lähmung aller Organe im Körper führt. Am 19. Mai 2000 erkrankt Matteo typischerweise noch an einer Hirnhautentzündung, innerhalb desselben Tages ist sein gesamter Körper mit lila Flecken übersät, neun Organe sind befallen, bei fünf, so die Fachliteratur, sei eine Rettung schon ausgeschlossen. Mutter und Vater, sie Lehrerin, er Arzt, bringen den Sohn in die Klinik, sie ahnen, dass Matteos letzte Stunden begonnen haben.

Am Morgen des 21. erleidet er einen Herzinfarkt. Da beginnt Mutter Maria Lucia ein langes Gebet, bewegt ihre Freunde und drängt ihren ungläubigen Mann zum Gebet, der es ihr zuliebe tut. Sie bittet die Kapuzinermönche, an Padre Pios Grabstein knien zu dürfen, und so gehen in dieser Nacht alle die Treppen hinab und beten, wie Padre Pio es verlangte. "Jesus", ruft Maria Lucia, "du hast Lazarus auferstehen lassen, lass es auch mit Matteo geschehen!"

Elf Tage liegt Matteo im Koma, für die Ärzte in der Casa Sollievo Della Sofferenza ist er klinisch tot. Doch plötzlich wacht er auf und erzählt sogleich von einem Traum: dass er Padre Pio getroffen habe, der habe ihm die Hand gereicht, und dann seien sie zusammen nach Rom geflogen, um dort ein Kind zu heilen, und wie die Engel hätten sie ein weißes Kleid getragen, und in Rom habe Padre Pio gefragt: Möchtest du dieses Kind heilen, und er habe gefragt: wie?, und Padre Pio habe gesagt: durch die Stärke deines Willens, und dann habe er den Duft süßer Blumen gerochen und ein helles Licht gesehen.

Nach 40 Tagen wird Matteo Colella vollständig gesundet aus dem Krankenhaus entlassen, ein paar Narben sind zu sehen, der Vater ist bekehrt. Die Ärzte aber bleiben ratlos. Eine medizinische und eine theologische Kommission des Vatikan prüfen den Fall eingehend und kommen zu dem Schluss, die Heilung des Matteo müsse ein Wunder sein, welches der Vatikan als solches offiziell anerkennt. Anlass für Papst Johannes PaulII., im Juni 2002 vor einem frenetisch wogenden Menschenmeer auf dem Petersplatz den 1999 selig gesprochenen Padre Pio heilig zu sprechen.

Damals, in ihrer tiefen Verzweiflung, sagt Maria Lucia Ippolito Colella, als sie vor dem Kreuz kniete, an dem Padre Pio seine Wunden erlitt, da habe sie diesen wunderschönen Duft gerochen, den Duft der Veilchen. Es sei ihr vorgekommen, als gehe eine hell erleuchtete Person um sie herum, immer und immer wieder. Ihr Sohn Matteo ist heute elf, sein Handschlag ist weich, die Hand ist schlaff, die Haut warm. Eingehend mustert er den Besucher, mit offenem Mund und ohne zu blinzeln. Und irgendwie, man kann sich nicht helfen, ist man bereit, alles zu glauben. Je länger man ihm in die Augen sieht – ja, ein besonderes Kind, eines, das auserwählt wurde von Padre Pio, der auserwählt wurde von Gott.

Der Irrsinn eines veritablen Heiligenkultes, der den größten Wallfahrtsort Europas ernährt und Elia Stellutto wider Willen berühmt macht, setzt sich ohne Unterlass fort. Elia, der 70 ist und selten zu Hause, will am Samstagabend ins Hotel De Bonis kommen, wo in der ausgekühlten Lobby die Besitzerbrüder und der Sohn Costanzo dem heftig umsorgten Gast die jüngste Sensation referieren: Der Neffe eines Arztes von Padre Pio habe einen Brief entdeckt, in welchem Pio schreibe, dass er einem Padre Cristoforo da Vico einige Gegenstände aus seinem Besitz übergeben habe, die ihm von christlichen Pilgern geschenkt worden seien. Darunter sei auch eine kleine griechische Vase des Apostels Petrus. Der Grafologe Antonio Bravo habe gerade die Echtheit des Briefs bestätigt, und Wissenschaftler hätten just auf einem Kongress herausgefunden, dass der Kelch aus der Zeit Jesu stamme. Der Neffe gab zu verstehen, er kenne nur einen Gegenstand, der, wie Padre Pio es unwissend tat, als "Zeugin des immensen Lichtes" bezeichnet werden könne, und er sei sich sicher: Die Vase sei der Heilige Gral. Diese schöne Nachricht drang ein in die heilige Welt Apuliens, drei Tage bevor eine Padre-Pio-Statue im benachbarten Kalabrien Tränen aus Blut weinte, die Medienmeute anzog und ein Dorf in Aufruhr versetzte.

Er kommt wirklich. "Buona sera a tutti!" Ein wahrhaft glücklicher Moment, denn Elia Stellutto war der Leib- und Seelenfotograf von Padre Pio, einer seiner figli spirituali, eines seiner geistigen Kinder, und noch nie hat er Ausländern von seinen Erlebnissen berichtet, weil die figli spirituali gewöhnlich nicht über ihren Vater reden. Wo immer eine Ikone aus der Heiligenindustrie von Padre Pio auftaucht, das Originalmotiv stammt vermutlich aus der Minolta von Elia Stellutto.

"Elia", sagt Costanzo, der von Padre Pio getauft wurde, "du kannst es doch sagen: Der Heilige war ein Scherzbold." Elia lacht. "Ja, er konnte sehr lustig sein, er hat oft Witze gemacht." – "Aber", ertönt Vater Nicolas schroffer Bass, "in kirchlichen Dingen war er äußerst streng, nicht wahr?" Elia nickt. "Ja, da konnte er mit Blicken vernichten." Also doch: ein Choleriker? "Nein", sagt Elia, "das wird immer wieder behauptet, es ist absolut falsch." Die Männer reden sich in eine Anekdotenlust hinein. "Padre Pio", sagt Onkel Valentino, "hat unserem Vater, der einmal sein Fahrer war, eine Kruste seines getrockneten Blutes von der Hand geschenkt, und unser Vater hat die Kruste dann in drei Stücke geteilt und jedem der Söhne einen Teil gegeben. Mit meinem Krustenteil in der Tasche, habe ich schwierige Prüfungen bestanden." Nun ist der engagierte Costanzo animiert zu sagen, es gebe noch heute Wunder und Zeichen in San Giovanni, und dann hagelt es in einem fort Episoden in apulischer Heiterkeit und ehrfürchtiger Hingabe, bis schließlich, bei allgemeinem Schweigen, Elia Stellutto das Wort ergreift. Leise. Unauffällig. Mit weichem Timbre.

"Wir waren Ministranten, sieben oder acht Jahre alt, und vor der Messe hat jeder versucht, Padre Pio die Hand zu küssen, bevor er dann die Handschuhe anzog. Oft hatten wir Blut am Mund."

"Sie können also hier und jetzt bestätigen, dass er die Stigmata hatte?"

"Ja."

"Kein Zweifel?"

"Ich habe viele Fotos gemacht, die die Löcher zeigen, wenn Licht hindurchschien."

"Wie war er zu Ihnen?"

"Immer liebevoll. Er hat mit uns geredet wie ein ganz normaler Mensch. Er konnte sich auf jeden einstellen und sich in jede Seele einfühlen."

"Was war seine Botschaft?"

"Liebe. Die wahre Liebe. Und das Gebet. Er wollte, dass man so viel betete wie er, still, nicht laut, eher meditativ."

"Wollte er als Heiliger inszeniert werden?"

"Nein, ihm war das egal. Oft hat er mich auch weggeschickt."

Glaubt man Elia Stellutto – und warum sollte man es jetzt im Zustand der eigenen Wundergläubigkeitsbereitschaft nicht mehr? –, ist es mehrfach geschehen, dass der Fotograf nur im Schein einer Kerze auf den Auslöser drückte und kaum Brauchbares erwartete. "Hier", er zeigt die Fotos vom sakramentspendenden Padre um vier Uhr morgens, Bilder einer liebevoll arrangierten Ausstellung im Keller seines Hauses, "es sind unglaublich scharfe, klare, schöne Fotos, ich kann es mir nicht anders erklären: Von Padre Pio ist ein inneres Licht ausgegangen." Der stets gottgläubige, etwas scheue, an keinerlei Kommerzialisierung interessierte und an diesem Tag erfreulich redselige Elia Stellutto schreibt die Klarheit und Eindringlichkeit seiner in der Dunkelheit ausgeleuchteten Fotos nicht einem besonderen Talent zu, er spricht, über seine eigenen Fotos staunend, von einem "eindeutigen" Wunder. "Unglaublich, für mich war Padre Pio Jesus. Er hatte die gleichen Wunden." Und wenn er ehrlich sein dürfe, so rieche er den Duft von Veilchen, wenn er von Padre Pio träume, was nicht selten vorkomme, genau genommen jede Nacht.

Einen Abend später wird an derselben Stelle Pasquale Ambriola sitzen, der Radiologe des Krankenhauses, der des Heiligen behandschuhte Hand berührt und die Löcher gespürt hat. Pasquale Ambriola wird, spontan, mit Volkes Stimme, voll spiritueller Inbrunst, sagen, dass er Padre Pio bei seiner letzten Messe am Sonntag, dem 22. September 1968, als der Geistliche schon entrückt gewirkt habe, abwesend, die Stimme brüchig, unter Arthrose leidend, dass er ihm ganz nah gewesen sei, ihn genau beobachtet und einen Film gedreht habe. Der Film ist unter mysteriösen Umständen verschwunden, aber er, Pasquale Ambriola, mit Schirmmütze, Turnschuhen und Skijacke, in der Totenstille der ausgekühlten Lobby des Hotel de Bonis, er schwört Stein auf Bein, dass er beim letzten Hochamt, das Padre Pio, umgeben von 2000 roten Rosen, hielt, beim letzten Vaterunser, die Stigmata nicht mehr gesehen habe.

Der Duft der Veilchen und das helle Licht der Sonne, das nie mehr erlosch. Die Tragödie des Doktor Giovanni Scarale aus San Giovanni Rotondo beginnt in der Nacht zum 23. September 1968, als ihn um zwei Uhr in der Nacht besorgte Kapuzinerbrüder zu sich rufen. Die Luft ist noch warm, und Doktor Scarale, Dienst habender Arzt, geht mit seiner Beatmungsgerätschaft vom Krankenhaus hinüber in den Konvent.

Er kommt in die Zelle von Padre Pio, der auf einem hölzernen Stuhl sitzt, die Arme auf den Lehnen. In der Nase steckt bereits ein dünner Schlauch zur Beatmung. Scarale misst den Puls. 10, 15 Minuten lang nuschelt Padre Pio, den Rosenkranz in der Hand. Monoton murmelt er: "Jesus Maria Jesus Maria Jesus Maria." Sein Murmeln wird leiser. bald ist es nicht mehr zu hören. Dann sackt er in sich zusammen und lässt seinen Kopf auf Giovanni Scarales Arm niedersinken. Alle Versuche sind vergeblich, ihn wieder ins Leben zurückzuholen. Die anwesenden Brüder beginnen zu weinen. Im Augenblick des Todes sieht Scarale, dass die Löcher an Pios Hand geschlossen sind. Die Wunden in Brust und Füßen sind verschwunden. Nichts zu sehen. Keine Narben. Keine Zeichen. Keine Rötung.

Als Padre Pio stirbt, verschwinden die Stigmata

Scarale holt mehrmals tief Luft, die Pausen zwischen seinen Sätzen längen sich. Zu hören ist dann nur das Kühlschranksurren und der von Böen gepeitschte Regen am Fenster. Seit jener Septembernacht im Jahre 1968 hat dieser Mann nie wieder zu sich gefunden. 35 Jahre lang hat er über die Tragödie seines Lebens geschwiegen. Zweifel martern ihn noch heute. Er konnte es sich nicht, er kann es niemandem erklären: Warum waren die Stigmata auf einmal verschwunden? Es waren Löcher, Scarale hat sie bei diversen Gesprächen mit Padre Pio über das Krankenhaus und bevorstehende Operationen von Patienten gesehen. Er hat die blutverschmierten Handschuhe bei den Messen gesehen…

Scarale ist ein gut aussehender Mann von 69 Jahren, stilvoll gekleidet, mit weißem Haar und schwarzen Augenbrauen. Herzspezialist ist er gewesen, Spezialist für Reanimation und Anästhesie. Jetzt ist er den Tränen nahe, unterbricht das Gespräch, sucht, findet und wahrt Haltung. "Die Hand war völlig verheilt", sagt er, schüttelt den Kopf, dann denkt er abermals darüber nach, wie all die Jahre zuvor, wieder und wieder, wie es zu den Wunden kommen konnte, zu Wunden, die nie eiterten, und abermals schließt er Hysterie aus, denn ein Hysteriker hätte sich niemals symmetrische Wunden beibringen können. Und eine Simulation sei es auch auf keinen Fall gewesen, denn ein Simulator hätte im Gegensatz zu Padre Pio die Wunden aller Öffentlichkeit präsentiert. Zu diesem Ergebnis sei auch der Vatikan gekommen, der des Padre Stigmata durch ranghöchste Medizinprofessoren mehrmals habe untersuchen lassen.

"Irgendwann wurde mir klar, dass die Stigmata Zeichen für ein irdisches Leben waren, also mussten sie im Tod verschwinden." Es klingt wie die Selbstrechtfertigung eines mit seinem Weltbild ringenden Wissenschaftlers, man möchte nicht insistieren, denn Scarales Stimme stockt, als er den fälligen Vergleich mit Franz von Assisi anstellt.

"Ich zweifle nicht an der Wissenschaft, die Stigmata sind ein theologisches Problem."

Es scheint evident, dass Giovanni Scarale in der Nacht zum 23. September 1968 mit dem Primat der Naturwissenschaft abgeschlossen hat. "Wenn man nicht beweisen kann, wie die Stigmata zustande kamen und dass sie verschwinden, muss man annehmen, dass sie einen übernatürlichen Ursprung haben."

"Haben Sie den überirdischen Ursprung also akzeptiert?"

"Ich muss es."

Und dann geht der Mann, in dessen Armen Padre Pio starb, hinaus in die verregnete Dezembernacht, ratlos und gebrochen, der Verzweiflung nahe, kommt wenig später zurück und überreicht die Kopie eines schreibmaschinensauberen Berichts, in dem er offiziell bestätigt, dass Padre Pio im Moment seines Todes keinerlei Wunden mehr besaß. Nach den Gesetzen wissenschaftlicher Logik ist danach ein Zweifel am Ereignis eines Wunders ausgeschlossen.

Das neue Bethlehem ist unbeseelt am späten Nachmittag des Feiertags Mariae Empfängnis. Die Steine der Häuser in Pietrelcina wirken abweisend. Es nieselt in die Stille der Dämmerung. Der herbsüße Geruch verheizter Kohle. Hundegebell. Das einfältige Grau einer nasskalten Romantik. Die Armut des einfachen Volkes. Manche der 1500 Einwohner lehnen an ihren Balkonbrüstungen und stieren lustlos vor sich hin. An den schindelgedeckten Steinhäusern der Altstadt stehen Bambusstäbe, Schilf wird zugeschnitten und aufgelegt. Gänge und Pfade entstehen. Arbeiter hämmern in den engen, kopfsteingepflasterten Gassen. Schon kreischt eine Säge. Bald werden sie kommen. Von 27. bis 29. Dezember wird Pietrelcina zum 28. Mal die Presepe Viventi aufführen. An drei Tagen werden wieder 60000 Menschen kommen, die aus dem alten Ort eine lebende Krippe machen und die Geburt Padre Pios nachspielen, mit Kostümen und Requisiten.

Padre Pios einzig lebender Verwandter wird zugegen sein, der 80-jährige Neffe. Sie werden sich an den Händen fassen und durch die Gassen dieses neuen Bethlehem gehen, durch die ihr Heiliger einst ging, hügelan zum Häuschen La Torretta, zur Porta Madonnella, in die Vico Storto Valle 32, in die Chiesa di S. Anna, dorthin, wo die Ulme steht, an der alles begann. Sie werden den Duft der Veilchen riechen und das helle Licht der Sonne sehen. Sie werden den Mann mit den fingerlosen Handschuhen anbeten als ihren Christus, drei unvergängliche Tage lang, Tausende, Abertausende, im wundervollen Irrsinn eines veritablen Heiligenkultes.