"Ich muss es."

Und dann geht der Mann, in dessen Armen Padre Pio starb, hinaus in die verregnete Dezembernacht, ratlos und gebrochen, der Verzweiflung nahe, kommt wenig später zurück und überreicht die Kopie eines schreibmaschinensauberen Berichts, in dem er offiziell bestätigt, dass Padre Pio im Moment seines Todes keinerlei Wunden mehr besaß. Nach den Gesetzen wissenschaftlicher Logik ist danach ein Zweifel am Ereignis eines Wunders ausgeschlossen.

Das neue Bethlehem ist unbeseelt am späten Nachmittag des Feiertags Mariae Empfängnis. Die Steine der Häuser in Pietrelcina wirken abweisend. Es nieselt in die Stille der Dämmerung. Der herbsüße Geruch verheizter Kohle. Hundegebell. Das einfältige Grau einer nasskalten Romantik. Die Armut des einfachen Volkes. Manche der 1500 Einwohner lehnen an ihren Balkonbrüstungen und stieren lustlos vor sich hin. An den schindelgedeckten Steinhäusern der Altstadt stehen Bambusstäbe, Schilf wird zugeschnitten und aufgelegt. Gänge und Pfade entstehen. Arbeiter hämmern in den engen, kopfsteingepflasterten Gassen. Schon kreischt eine Säge. Bald werden sie kommen. Von 27. bis 29. Dezember wird Pietrelcina zum 28. Mal die Presepe Viventi aufführen. An drei Tagen werden wieder 60000 Menschen kommen, die aus dem alten Ort eine lebende Krippe machen und die Geburt Padre Pios nachspielen, mit Kostümen und Requisiten.

Padre Pios einzig lebender Verwandter wird zugegen sein, der 80-jährige Neffe. Sie werden sich an den Händen fassen und durch die Gassen dieses neuen Bethlehem gehen, durch die ihr Heiliger einst ging, hügelan zum Häuschen La Torretta, zur Porta Madonnella, in die Vico Storto Valle 32, in die Chiesa di S. Anna, dorthin, wo die Ulme steht, an der alles begann. Sie werden den Duft der Veilchen riechen und das helle Licht der Sonne sehen. Sie werden den Mann mit den fingerlosen Handschuhen anbeten als ihren Christus, drei unvergängliche Tage lang, Tausende, Abertausende, im wundervollen Irrsinn eines veritablen Heiligenkultes.