Luigina Suppo aus Turin hörte von einem Mönch, der Wunder tun sollte, was sie nicht glaubte; also reiste sie nach Süden, aus Neugier und weil sie, aus welchen Gründen auch immer, zu beichten hatte. Kann nicht jeder ihre Verzweiflung verstehen, als sie nach 1000 Kilometern Fahrt den süditalienischen Akzent des strengen Mönchs im Beichtstuhl nicht verstand? Enttäuscht ging sie am folgenden Morgen zum Bus, doch sie merkte, dass sie ihren Hut in der Pension Bianco vergessen hatte. Sie also zurück, verpasste den einzigen Bus des Tages, es wurde dunkel, sie blieb eine weitere Nacht. Um drei Uhr wachte sie auf und ließ sich von irgendeiner Kraft zur Kirche hinüberziehen, wo Hunderte seit Stunden warteten, um die besten Plätze zu haben, in SEINER Nähe, und Luigina hörte jene Messe, die ihr Leben verändern sollte.

Sie schlich um die Betenden herum nach vorn, in die Nähe des Altars. Es war vier Uhr morgens, SEINE Zeit. Kein Zentimeter der kleinen Kirche war ungenutzt, die Gläubigen standen bis hinaus auf die Straße, überall Menschen, die ihn reden hören wollten. Und dann sprach ER, und sie spürte: ER spricht nur zu mir. Und während er die Messe hielt, beantwortete ER IHRE Fragen. Ach Gott!

Luigina schmilzt dahin vor atemloser Liebe, sie lächelt und lacht wie ein kleines, süßes, 73-jähriges Mädchen, das birst vor Lebenslust und bibbert vor Erregung. So muss es gewesen sein: ER habe ihr die Pension Bianco in Sichtweite des Konvents ans Herz gelegt, also sei sie auch diesen Tag geblieben, habe als Dienstmädchen in der Pension gearbeitet und auf den Bus am folgenden Tag gewartet. Und als sie ihm ihr Gehen ankündigte, da fragte ER: ‚Wer hat dir das erlaubt?‘ – "Er war heilig in dem ersten Moment, als ich ihn gesehen habe. Er stand in Gottes Licht. Immer, wenn ich in seiner Nähe war, wurde es hell, und es roch nach Blumen."

Dann kam das Jahr 1982, Ärzte eröffneten Luigina Suppo den Befund: Knochenkrebs. Bald war sie gelähmt. Endstadium. Die Mediziner gaben ihr noch zwei Monate. In jener einen Nacht aber, im hellen Licht eines wunderbaren Traums, habe sie den Duft von Veilchen gerochen, das Lächeln des Padre gesehen, und am nächsten Morgen sei sie aufgestanden und aus dem Krankenhaus gegangen und in die Pension Bianco gefahren. Der Krebs hörte zu wachsen auf, und aus Dankbarkeit nahm sich Luigina der streunenden Hunde an und hat bis heute 150 Tiere von den Straßen geholt, aus Mülleimern und Verschlägen, in ihren "Freundeskreis der Hunde und Katzen von San Giovanni Rotondo". Seit 48 Jahren will Signorina Luigina Suppo jeden Tag aus San Giovanni Rotondo nach Turin abreisen. Seit 48 Jahren bleibt sie immer für den nächsten Tag. Seit 48 Jahren liebt Luigina Suppo von der Hundepension Bianco einen Heiligen, von dem sie weiß, dass er sie auf Schritt und Tritt beschützt. Nie mehr wird sie jemand anderen lieben, weil Padre Pio für sie der Christus des 2. Jahrtausends ist und der Menschheit das Gesicht Gottes gezeigt hat.

San Giovanni Rotondo zählt 27000 Einwohner, die Hälfte lebt von Padre Pio, dem erfolgreichsten Arbeitgeber der Region. Kellner, Köche, Kneipenwirte, Hoteliers, Händler, Fahrer, Parkwächter, Lieferanten, Journalisten, Ärzte, Krankenschwestern – ihre gemeinsame Quelle ist reichhaltig, Wundertat und Krankenheilung lassen sich in Zeiten metaphysischer Obdachlosigkeit bestens versilbern, zumal in einer Region, in der die Fama durch Tradierung und tief katholische Erziehung in intakten Großfamilien schnell in den Rang einer Wahrheit geraten kann. Schon zu Lebzeiten von Padre Pio zog es mysteriensensible Menschen von überall her nach San Giovanni Rotondo. Jahr für Jahr wurden es mehr: Wunder- und Abergläubige, Jünger, Pilger, Kranke, Todgeweihte, Handlungsreisende, Agenten der Hoffnung, Geschäftemacher aus Turin, Mailand, Padua, Rom, aus der Toskana, aus den USA, aus Australien. Jeder hat einen Bezug zu Padre Pio, alle standen oder stehen in Kontakt mit ihm, und sie finden in ihm einen Hort der Geistlichkeit, Ganzheit und Gewissheit in ungeistlichen, ungewissen, medial zerlegten Zeiten.

Wer auf den Hügel kommt, sagt man, wird ihn verändert wieder verlassen. Zur Pike des Pio-Booms, in den goldenen Jahren 1996 bis 2002, kamen im Schnitt sechs bis sieben Millionen Pilger jährlich nach San Giovanni. Anders als im südfranzösischen Lourdes, wo 1858 dem 14-jährigen Bauernmädchen Bernadette Soubirous die heilige Maria 18-mal an der Grotte von Massabielle erschien, anders als im portugiesischen Fatima, wo 1917 drei Kindern im Alter von sieben bis zehn jeweils zum 13. der Monate Mai bis Oktober die Maria erschien, hat nach Überzeugung der Gläubigen in San Giovanni Rotondo bis in die Gegenwart hinein der leibhaftige Wiedergänger Christi gelebt und gewirkt.