Aus ganz Italien ließen sich Patienten ins Krankenhaus Casa Sollievo Delle Sofferenza überweisen, das Padre Pio gegründet, dessen Grundstein er gelegt hat. Heil sollte Heilung sein, das war sehr fortschrittlich gedacht. Das Krankenhaus von San Giovanni Rotondo gilt als eines der besten im Lande, schließlich hatte Padre Pio es so verlangt.

1956 gab es 350 Betten, heute sind es über 1000. Wegen Padre Pio sind die Gehälter in San Giovanni Rotondo 30 Prozent höher als in der Region Foggia. Die Arbeitslosigkeit des Ortes liegt bei 4, in der Region liegt sie bei 14, in ganz Apulien bei etwa 30 Prozent. In der "Stadt des Willkommens" gibt es das Padre-Pio-Wachsfigurenkabinett, das Padre-Pio-Museum, den Padre-Pio-Brunnen postmoderner Stahlkunst, das gerade eröffnete Kongresszentrum Centro di Spiritualità Padre Pio, den seit 1987 landesweit ausgestrahlten Padre-Pio-Radio- und den seit 2003 existierenden Padre-Pio-TV-Sender mit 20 Mitarbeitern und ständig wiederholten Berichten über des Padre Botschaft sowie, in Kürze fertig, die monumentale, nach dem Petersdom zweitgrößte Kirche Italiens, in Auftrag gegeben von den Kapuzinern, die Anfangsinvestition, geschätzt gut 20 Millionen Euro, bezahlt mit Spenden, es gibt die Nuova Chiesa, entworfen vom Renommierarchitekten Renzo Piano, mit Platz für 10 000 Menschen, für weitere 30000 auf dem Vorplatz mit dem 40 Meter hohen Granitkreuz.

Drei Straßen führen zu Kirche und Konvent auf dem Hügel, der einmal von kanaanischer Dürre und galiläischer Steppenhaftigkeit gewesen sein muss, umgeben von Pinienhainen und Zypressen, die im roten Lehm des Südens steckten. Noch immer schweift der Blick von hier mühelos über die ölbaumbestandene Weite bis zur Bucht von Manfredonia, über die Felder und Hügel der seit der Antike unter Heiligkeitsverdacht stehenden Halbinsel Gargano, die im Hochsommer verbranntes Land hinterlässt, im Frühling die Pracht der Mandelblüte aufbietet und im Winter den wabernden Nebel machtvoller Mystik.

Die Infrastruktur der Heiligenverwertung ist über die Jahre in dem Maße perfektioniert worden, wie sich die kollektive Begeisterung verselbstständigt hat. Auf jeder der drei Straßen, die auf Kirche, Konvent mit Grab und ehemalige Zelle von Padre Pio zulaufen, herrscht fast jeden Tag eine ins Skurrile sich steigernde Betriebsamkeit. Nach Westen, zum großen Parkplatz hin, reiht sich Bude an Bude aus einfachen Spanplatten, Holzlatten, Bierbänken und beigen Plastikplanen. Namen haben sie nicht. Auf dem Basar zählt allein die Ware. Hinter den Tischen stehen die nicht übertrieben demütig wirkenden Verkäufer, die meisten zwischen 20 und 30, manche rauchen, andere tragen blaue Daunenjacken und schwarze Schirmmützen, und obwohl der Winter eingefallen ist, wird ihnen nicht kalt.

Padre Pio ist der Heilige des neuen Millenniums

Sie reden, erklären, verpacken, nehmen Scheine und Münzen entgegen und sagen, tutto bene, ja, das Geschäft gehe gut, vor allem sonn- und feiertags. Man wird die aus Resin samt Marmorpulver, aus Plastik, Messing, Porzellan oder Glas gestanzten Statuen und Statuetten zwischen 20 und 140 Zentimetern auf Hunderte schätzen müssen, so viel allein in den Buden auf der leicht abschüssigen Via Padre Pio: ER im Kapuzinerkleid, gebeugt, aufrecht, die Hände zum Segen geöffnet; daneben: ER auf gerahmten Fotos, kolorierten Gemälden und Postern zwischen drei und sechs Euro, SEIN Konterfei auf Kalendern, Schlüsselanhängern, in Schneekugeln, auf Kinderlätzchen, Servietten, Sonnenmützen, Taschentüchern, Herzchenkissen. Rosenkränze bilden einen Vorhang, hinter dem sich Weihwasserbeckchen mit Pio-Antlitz offenbaren, Schnitzwerk für 3,50 Euro, Fläschchen für 1 Euro, Wanduhren mit Pio-Bild für 5 Euro, Bücher, Broschüren, Kerzen, Ketten, Anhänger, Glöckchen mit Pio-Griff. Regalweise industriell gefertigter Sakralkitsch, Heiligkeitsmassenware, hergestellt vom Großlieferanten Resin’Art aus San Giovanni oder von notorisch auf Kultobjekte spezialisierten Firmen in Rom, Neapel, Padua und Assisi.

Hügelabwärts, auf dem Platz der Kioske, das gleiche Ereignis, etwas feiner nur, Edelramsch sozusagen, immerhin Ledertaschen und Lederbeutel mit eingestanztem Padre-Pio-Gesicht. Es rascheln die Tüten, Styroporkästen quietschen, Klebebänder reißen; er hat ein Päckchen im Arm, sie trägt ein Tellerchen mit dem Bild des Padre im Gebet, das Kleinkind zupft am Rosenkranz. Um den neu gestalteten Busbahnhof herum gruppieren sich 38 Devotionalienkioske, hell erleuchtet, errichtet mit dem Segen der Stadtverwaltung 2000, im goldenen Jahr, als die Christenheit Jubiläum feierte und acht Millionen Pilger nach San Giovanni Rotondo kamen, weil die Leute glauben wollen, dass Padre Pio der Heilige des neuen Millenniums ist. Weil sie einen Sinn suchen. Weil sie sinnlich ausgehungert sind. Weil ihnen Stück für Stück der Himmel genommen wurde.