Gestanzte Ikonen aus Thailand, China und Japan

Michele, in braunem Cordanzug, führt den Shop außen rechts zusammen mit seinem Bruder. Ist der eine hier, schmeißt der andere die Imbissbude in der Altstadt. Das Händlerleben ist hart. 1500 verschiedene Artikel bieten die Brüder an, läuft es gut, von 8 bis 23 Uhr im Sommer, verdienen sie 5000 Euro im Monat, läuft es schlecht, wie zurzeit, 100 Euro am Tag. Dann wird es, bei 350 Euro Monatsmiete, schwierig mit den ausgefalleneren Wünschen der Kinder. Devotionalienhändler ist Micheles, wie er sagt, Traumberuf. Es gibt und gab nie einen Zweifel, immer wollte er in San Giovanni Rotondo leben und arbeiten, in dieser heiligkeitsgeschwängerten Atmosphäre, immer wollte er dem Padre nahe sein, dessen so eindringlicher Blick einen stets zu befragen schien, sodass man das Gefühl gehabt habe, nichts anderes als die Wahrheit sagen zu können. Zehn Jahre war er als Verkäufer in ganz Italien unterwegs, und wie so viele andere, die einst losgezogen sind, kam er zurück in diesen Ort, einen "heiligen Ort", wie Michele sagt. "Padre Pio ist alles für mich. Er ist eine Figur, die mich jeden Tag begleitet, ohne die ich nicht leben könnte, und das hat nichts mit dem Geschäft zu tun."

Padre Pio auch links und rechts auf dem Weg in die Altstadt. Kein Haus, keine Wohnung, kaum ein Auto ohne das Konterfei von IHM. In den Straßen von San Giovanni Rotondo entfaltet sich die Dialektik von Urmensch und Spätkultur, zu bestaunen ist der Irrsinn einer materialistischen Instrumentalisierung des Spirituellen. Niemanden scheint das zu stören. Die Kapuziner sagen, jeder müsse schließlich von etwas leben. Sie vertrauen den Segnungen der Marktwirtschaft, jener im Namen Padre Pios. "Der Mensch", sagt der schnittige Konventssprecher Stefano Campanella, "braucht manchmal die Sinne, um seinen Geist zu bewegen."

Die neuen jungen Mönche, flaumig noch der Kapuzinervollbart, schicken Fotos von sich per SMS, haben gegelte Haare und schreiten mit geschwellter Brust und mit nachlässig entwickelter Bedächtigkeit durch die Sakristei. Den Alten im Ort gefällt die Überheblichkeit der neuen Generation nicht sehr. Aber die Spätmoderne ist nun einmal in San Giovanni Rotondo angekommen, eine gewisse weltgewandte Lässigkeit, und nur wenige machen sich dazu solch kritische Gedanken wie Giulio Siena, Pressesprecher der Stiftung Casa Sollievo della Sofferenza. Er greift den ausufernden Devotionalienkapitalismus an und stellt die Frage, wer die Seriosität der Andenkenkultur kontrolliere, da doch mittlerweile römische Firmen Särge nach dem Modell Padre Pio herstellten, sich weltweit Tausende von Padre-Pio-Stiftungen gründeten, sich 3000 Gebetskreise auf Padre Pio beriefen und der Devotionalienhandel im Internet floriere. "Es existiert keine Autorität", klagt Siena, "die überwacht, ob all das mit den Botschaften Padre Pios noch übereinstimmt."

Es ist allzu menschlich: Wer auf den Berg der Heilung und Hoffnung kommt, wer Kontakt aufgenommen hat mit dem Übersinnlichen, erkauft sich sein Stück Ewigkeitserinnerung mit massenindustriell in Thailand, China und Japan gestanzten Ikonen, um bei jeder Berührung erneut die Weihe des Wundersamen zu spüren, den tatsächlichen oder imaginierten Schutz in einer Welt voller Zumutungen, die den ohnmächtigen Einzelnen fliehen lässt zur letzten Sicherheit, zur spürbaren Inkarnation Gottes. Und je länger man sich in der heiligen Zone 566 Meter über dem Meer aufhält, desto stärker arbeitet die Macht der Unvernunft.

Der Mann, der fingerlose Handschuhe trug und in den Fußstapfen Jesu wandelte, wird mit 23 Jahren im August 1910 in der Kathedrale von Benevento zum Priester geweiht und hält vier Tage später seine erste Hochmesse in seiner Heimatkirche in Pietrelcina ab. Am Nachmittag des 7. September 1910, als Padre Pio an seiner Ulme betet, erscheinen ihm abermals Jesus und Maria. Und dann, in direkter Intervention Gottes, wie man bis heute annimmt, tauchen, seiner eigenen Schilderung zufolge, plötzlich centgroße Flecken in der Mitte seiner Hände auf, verbunden mit einem starken, stechenden Schmerz. Auf dem Rücken seiner Füße brennt und schmerzt es desgleichen, und dieser Schmerz wird ihn nie wieder verlassen. Allnächtlich kämpft er gegen den Satan. Stets geht er kopfgesenkt, die Bürde einer ungewollten Auserwähltheit tragend, und die, die ihm auf der Straße begegnen, sind gebannt und fasziniert von seinem Charisma, verneigen sich stumm und ehrfürchtig und tragen den Mythos weiter.

Nach kurzem Militärdienst schicken die Kapuziner den Lungenkranken wegen der guten Hochluft im Jahre 1917 in ihr kleines, in asketischer Schlichtheit vereinsamtes Kloster nach San Giovanni Rotondo, das damals 2000 Einwohner hat. Und dort, in der bukolischen Einöde, geschieht am Freitag, dem 20. September 1918, etwas unerhört Mysteriöses. Nachdem er im Chor der Santa Maria delle Grazie, am Altar des heiligen Franz von Assisi, die Messe gefeiert hat, sitzt Padre Pio lange allein im Chorstuhl.