Der Staat hat immer weniger Geld für seine zentralen Aufgaben. Unübersehbar ist dieser Mangel bei der Infrastruktur. Die Straßen sind verstopft, der Schienenverkehr ist nicht konkurrenzfähig. Nun hat die Bundesregierung zum ersten Mal private Unternehmen damit beauftragt, eine gewaltige Investition in das öffentliche Verkehrsnetz zu planen, zu erstellen und zu finanzieren. Das ist das Grundprinzip der Public-Private Partnership: Der Staat bestellt, die Privatwirtschaft baut, der Nutzer zahlt. Das Projekt heißt Toll Collect. Es sollte Vorbildcharakter haben. Stattdessen steht es vor dem Scheitern.

Das hätte vor einem halben Jahr niemand für möglich gehalten. Seit Ende August sollten schwere Lkw für das Benutzen deutscher Autobahnen Maut zahlen, keinen Cent haben sie bisher abgeliefert. Niemand weiß, ob die Maut-Technik je einsatzbereit sein wird. Der Besteller (das Bundesverkehrsministerium) und der Lieferant (die Gemeinschaftsfirma Toll Collect) sind verkracht, bald werden Anwälte das große Wort führen, Schuldzuweisungen austauschen und Schadensersatz einfordern. Und auf unabsehbare Zeit wird kein einziger Maut-Euro in den Bundeskassen klingeln.

Schon heute ist das doppelt ärgerlich. Einmal fehlen Monat für Monat über 150 Millionen Euro im Haushalt von Minister Manfred Stolpe - daraus folgen weniger Investitionen in Ortsumfahrungen, Bahntrassen, Brücken, Autobahnen.

Zum andern blamieren sich zwei der angesehensten deutschen Konzerne bis auf die Knochen, die Toll-Collect-Eigentümer DaimlerChrysler und Telekom.

Hochmütig erklären sie, ihr System sei so fortschrittlich, dass man getrost ein paar Monate länger darauf warten könne.

Die Lehre aus dem Maut-Debakel lautet: Vertrauen ist gut, solide Verträge sind besser. Hätten Bundesregierung und Toll Collect vernünftige Abmachungen über Schadensersatz getroffen, stünde der Minister nicht ohnmächtig da, und die Industrie würde sich aus Angst vor Strafe sputen. Noch besser wäre es, wenn sich Staat und Wirtschaft auf einen Verhaltenskodex einigen würden, der strikte Regeln für den Konfliktfall festschreibt. Denn eines ist klar: Dem chronisch finanzschwachen Staat bleibt gar nichts anderes übrig, als sich immer häufiger private Partner zu suchen. Und die sind ihrerseits auf ein gutes Einverständnis mit dem Staat angewiesen.