Der Hörsaal hat schon bessere Tage gesehen. Von der Holzvertäfelung herab fordern Plakate "Solidarität jetzt" oder verkünden die "durchgehende Besetzung des Instituts". Gabriele Brandstetter aber darf ihre Vorlesung halten.

"Es macht wenig Spaß", beginnt sie, "wenn sich alles in Auflösung befindet."

Dann lobt sie die Kreativität der streikenden Studenten. Vor einer Woche tanzten einige von ihnen über einen Berliner Weihnachtsmarkt, fast nackt. Das muss ihr gefallen haben, denn sie ist Deutschlands erste Professorin für Tanzwissenschaft. Seit dem Sommersemester lehrt sie dieses Fach am Institut für Theaterwissenschaften der Freien Universität Berlin.

Eigentlich erstaunlich, dass die Wissenschaft in Deutschland dem Tanz erst jetzt eine eigene Professur widmet. Denn der Tanz ist eine der ältesten symbolischen Ausdrucksformen der Menschheit. Und dass er sich auch heute noch nicht nur als künstlerische Ausdrucksform, sondern auch als Mittel des Protestes eignet, bezeugt seine Relevanz. Gabriele Brandstetter könnte viel davon erzählen, wie man stets bemüht war, die großen Affekte, die sich im Tanz Bahn brachen, zu zähmen, weil sie die Ordnung bedrohten. Sie würde von der Tanzphobie der christlichen Kirche sprechen, dem Menuett oder der täglichen "Exercice" des Balletts und womöglich bei der Love-Parade enden.

An diesem Tag stehen die "Tiller Girls" auf dem Programm, auch da geht es um Drill und Disziplin. Denn der pensionierte Sergeant John Tiller, der in Manchester, der Boomtown des Kapitalismus, 1885 eine Tanzschule gründete, ließ nur "Girls", deren Körpermaße exakt seinen Vorstellungen entsprachen, so lange exerzieren, bis sie perfekt die Beine schwingen konnten. Die in breiter Front auftretenden Tiller Girls eroberten die Varietés - als "Fließbandarbeiterinnen einer Zerstreuungsfabrik". Brandstetter zitiert Siegfried Kracauer.

Während die Professorin in der Vorlesung sehr kontrolliert wirkte und allenfalls ihren Händen einige Pirouetten erlaubte, so ist sie in ihrem Büro viel lebendiger. Wie sie zum Tanz kam? Das wäre Stoff für ein romantisches Märchen-Ballett! Eine schwere Krankheit fesselte sie als Kind ein ganzes Jahr ans Bett. Sie sehnte sich danach zu tanzen. Als sie endlich genesen war, verboten es die Eltern: Ballett sei zu geziert. So verdiente sie sich mit Nachhilfegeben selbst die Tanzstunden. Aber für eine Tanzkarriere war es zu spät. Zur Primaballerina auf der Bühne würde es nie reichen. Also studierte sie Germanistik und Theaterwissenschaft und spürte auch dort dem Tanz nach.

Ihr Doktorvater nannte das spöttisch die "kleine Extravaganz" seiner Schülerin. Die ließ sich nicht beirren und widmete ihre Habilitation dem tänzerischen Thema: Lecture corporelle. Körperbilder und Raumfiguren in Tanz, Theater und Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts.