Völkermord Der Selbstankläger

Vor zehn Jahren musste der kanadische UN-General Roméo Dallaire dem Völkermord in Ruanda zusehen. Jetzt spricht er darüber

Kigali, 3. August 1994. Noch immer mischt sich beim Gang durch Ruandas Hauptstadt der süßliche Geruch verwesender Leichen in den Qualm der Holzkohlenfeuer – obwohl die Tage des großen Mordens vorbei, die meisten Toten begraben sind. Im Hotel Amahoro, der Zentrale der UN-Mission, brieft der kanadische Blauhelmkommandeur Roméo Dallaire die Presse. Der Brigadegeneral ist ein Offizier wie vom Rekrutierungsplakat: blaue Augen, präzise gestutzer Schnurrbart, markantes Kinn, drahtige Figur und gebügelte Uniform.

Sachlich beschreibt Dallaire die Lage: Truppenbewegungen, Flüchtlingsströme, humanitäre Risiken. Ja, der versuchte Mord an einer ganzen Volksgruppe war ein „Holocaust“. Warnzeichen? Gab es, „aber niemand konnte ein Massaker dieses Ausmaßes voraussehen“. Pause. „Und dieser Bösartigkeit…“. Seine Stimme bricht.

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Knapp sechs Jahre vergehen. Im Juni 2000 findet die Polizei Dallaire bewusstlos, alkoholisiert und wie ein Fötus zusammengekrümmt unter einer Parkbank in Ottawa. Ein Selbstmordversuch, nicht der erste: Der General, seit einigen Monaten außer Dienst und in psychiatrischer Behandlung, hatte zuvor eine Überdosis Antidepressiva genommen. Doch er wird gerettet, rafft sich auf, schreibt seine Erinnerungen. Das Buch, gerade erschienen (Shake Hands with the Devil), ist eine quälend intensive Schilderung der sich entfaltenden Katastrophe. Und eine vernichtende Anklage all jener, die hätten handeln können und es nicht taten.

Als im Sommer 1993 der Anruf seines Vorgesetzten kommt, dass er in Ruanda eine neue Blauhelmmission übernehmen soll, nimmt Roméo Dallaire gerade eine Parade ab. Der General ist 47, ein Nato-Soldat, der fast drei Berufsjahrzehnte lang einen nuklearen Ernstfall geprobt hat, der nie kam; und als Kommandeur einer mechanisierten Brigade allem Anschein nach am Ende seiner Laufbahn. Dallaire ist nicht sicher, wo Ruanda liegt, aber eines weiß er: Dies ist die Karrierechance seines Lebens.

Anfang der Neunziger ist die große Zeit der Vereinten Nationen. Der Kalte Krieg ist vorbei, aber es bricht plötzlich eine Vielzahl von innerstaatlichen Konflikten aus, brutal genug, um die Weltöffentlichkeit zu alarmieren, aber nicht groß genug, um einzelne Staaten zum Eingreifen zu animieren. Bei der Nato herrscht Schockstarre wg. Feindverlust; die EU kennt keinen Despoten, mit dem man nicht auch prima Geschäfte machen könnte. Also müssen die UN ran: 24 neue Blauhelmeinsätze werden in diesen Jahren ausgerufen, mit insgesamt bis zu 80000 Soldaten. Den Nationen bringt peace-keeping Prestige, den Soldaten Nervenkitzel und Gefahrenzulagen. Kanada allein schickt rund 5000 Soldaten in die Welt. Manche, die halb so alt sind wie der General, waren schon zwei- oder dreimal in Übersee. Dallaire noch nie. Höchste Zeit!

Also tauschen seine Frau und drei Kinder die Dienstvilla gegen eine Kasernenwohnung, er selbst zieht erfüllt von den romantischen Missionarslegenden seiner katholischen Kindheit nach New York, um den Einsatz vorzubereiten. Der Chef des DPKO (Department of Peacekeeping), ein Ghanaer namens Kofi Annan, beeindruckt ihn als „zutiefst anständig“. Doch die Abteilung, erst wenige Jahre alt, ist zunehmend in Bedrängnis; überfordert durch Einsätze, die nicht mehr ins klassische peace-keeping- Schema passen wollen, also von leicht bewaffneten Neutralen, die eine „grüne Linie“ zwischen ehemaligen Kriegsparteien bewachen.

„Will ich’s, kann ich’s. Los!“

Auf dem Balkan oder am Horn von Afrika gibt es keine klaren Fronten mehr, paramilitärische Trupps terrorisieren die Bevölkerungen, Berichte von Gräueltaten gehen um; zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass kanadische Fallschirmjäger auf UN-Mission in Somalia einen 16-Jährigen zu Tode gefoltert haben. Aber im winzigen, frommen, armen Ruanda hat die Regierung der Hutu-Mehrheit mit den Rebellen der Tutsi-Minderheit gerade einen Waffenstillstand und die Bildung einer gemischt ethnischen Übergangsregierung vereinbart – endlich, ein einfacher Fall! In Zentralafrika, so sieht es das politische Drehbuch vor, wird Roméo Dallaire mit minimalem Aufwand und maximaler Werbewirkung die Ehre der UN und seiner Heimat retten.

Ruanda mit seinen nebelumflorten Bergen, milden Winden und leuchtend grünen Tälern erscheint dem Kanadier „wie ein Garten Eden“. Die Realität des Einsatzes ist weniger paradiesisch. Alles kommt später, schlechter und in geringeren Mengen, als er es braucht: Soldaten, Waffen, Informationen, Rechtsgrundlagen. Es ist von vielen bitteren Lehren die erste: Was Regierungen (auch die eigene) versprechen und was sie tun, sind zwei Dinge. Für Dallaire sind das Herausforderungen, zu besiegende. Die Energie des Kommandeurs, der sein Herz auf der Zunge trägt und sich selbst nie schont, schweißt seine zusammengewürfelte Truppe zusammen.

Beunruhigender ist die Verdüsterung der politischen Weltlandschaft. Nach einem Coup in Burundi fliehen 300000 Menschen ins übervölkerte Nachbarland Ruanda. Die Ermordung von 18 US-Kommandosoldaten (und 90 UN-Blauhelmen) in Mogadischu im Oktober 1993 führt zum Abzug der USA und zur „Presidential Decision Directive 25“, einer langen Liste von Ausschlusskriterien für eine Teilnahme Amerikas an Friedensmissionen; Ruanda verschwindet vom Radar der einzigen Supermacht.

Auch in Kigali wird die Lage immer angespannter. Im Januar berichtet ein Renegat den Offizieren, dass das Regime Abertausende Waffen bunkert, Todesschwadronen ausbildet, Listen aller Tutsis aufstellt – und Anschläge auf die Blauhelme vorbereitet, um sie zum Abzug zu zwingen. Dallaire schickt sofort ein Fax ans UN-Hauptquartier, dessen Existenz später jahrelang geleugnet wird. Er kündigt an, die Waffenlager zu konfiszieren, und endet mit dem Schülermotto des frankokanadischen Soldatensohns: Peux ce que veux. Allons-y! („Will ich’s, kann ich’s. Los!“) Die Antwort, postwendend: Bleiben lassen, die Blauhelme sollen „neutral bleiben“. So nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

Am 6. April 1994 um acht Uhr abends sprengt eine Rakete das Flugzeug des Präsidenten beim Landeanflug auf Kigali in die Luft. Als wär’s ein Startschuss gewesen, strömen sofort die Mördertrupps aus. Innerhalb von Stunden wird landesweit die Führungselite der Tutsi sowie der moderaten Hutu umgebracht, samt Familien. Das Schlachten aber geht weiter – 800000 Menschen, fast alle von ihnen Tutsi, sterben binnen der nächsten 100 Tage. Es ist, nach dem Holocaust und Stalins Völkermord an den Armeniern, einer der größten Genozide des 20. Jahrhunderts.

Dallaire fleht um Verstärkung, vergeblich. UN-Generalsekretär Butros-Ghali spricht von einem Bürgerkrieg der „Tutsi gegen Hutu und Hutu gegen Tutsi“, die Medien von „jahrhundertealten Stammesfehden“; und DPKO fordert den General auf, einen neuen „Waffenstillstand“ zu verhandeln. Gewaltlos, versteht sich. Vier Tage braucht es, dann landen Dutzende Flugzeuge aus dem Ausland mit Hunderten Fallschirmjägern; vor den Augen des empörten Generals – schau an: Es geht ja doch! – evakuieren sie nur die eigenen Bürger und sind wieder weg. Während sich der Sicherheitsrat in eine gespenstische Ersatzdebatte über „genozidähnliche Akte“ verwickelt, marschieren die Tutsi-Rebellen auf Kigali; Racheakte bleiben nicht aus, und bald treiben sie eine Flüchtlingswelle vor sich her. Ende Juni, als ihr Sieg über die Regierungstruppen sicher scheint, erklärt sich Frankreich, dem Hutu-Regime stets mit Rat und Tat verbunden, zur „humanitären Intervention“ bereit. „Opération Turquoise“ rettet viele Leben, vor allem von fliehenden génocidaires. Am 4. Juli erobern die Rebellen die Hauptstadt, beenden den Krieg. Drei Tage danach kommt Nachschub für die Blauhelme.

Dallaire hat in diesen Wochen die Hölle durchmessen. Befehle aus New York, den Abzug zu planen, ignoriert er. Stattdessen versucht er, obwohl sein Hauptquartier unter Dauerbeschuss ist und eine Prämie auf seinen Kopf ausgesetzt wird, sich den Mördern entgegenzustellen. Mit seinen täglichen Ausfällen in die Stadt, wo die Milizen die Leichen stapeln wie gefälltes Holz und Passanten in Blutpfützen ausrutschen, gefährdet er nicht nur sein Leben, sondern auch das der Soldaten; auch zehn seiner Belgier sterben. Immerhin führt er den Beweis, dass mit Mut, fünf schrottreifen Schützenpanzern und ein paar hundert Männern viele Menschen gerettet werden können. Als die Hilfe endlich kommt, hat er längst aufgehört zu schlafen.

Der Zirkus von humanitären Helfern und Polittouristen, der jetzt ins Land einfällt, gibt ihm den Rest. Der beherrschte Bauchmensch Dallaire bekommt Wutanfälle, die ihn fast zerreißen. Eines Tages stürzen streunende Hunde, vom Leichenfraß fett geworden, sich auf eine kleine Ziege im Hof des Hauptquartiers; da dreht er durch, ballert sein gesamtes Pistolenmagazin leer. An diesem Tag beschließt er, um vorzeitige Rückversetzung zu bitten. Es ist der 3. August.

Ohne Ende, ohne Erlösung

Die Jahre der Abrechnungen beginnen. Die UN weisen jede Verantwortung von sich; als unabhängige Kommissionen ihr Versagen nachweisen, wird schnell und halbherzig ein Tribunal gegründet. Die neuen Tutsi-Machthaber in Kigali, voll Verachtung, sühnen die Verbrechen auf ihre Weise: 1996 zerschlagen sie die Hutu-Lager im vormaligen Zaire, Auftakt zu einem Krieg, in dem Millionen sterben. Belgien, das Verstärkung hätte schicken können, macht dem Vorgesetzten der zehn ermordeten Blauhelme den Prozess – er wird in jedem Punkt freigesprochen. Nur Dallaire, der Moralist, klagt sich selbst an: ohne Ende, ohne Erlösung.

Nach Kanada zurückgekehrt, hat er sich erst mit Arbeit betäubt. Doch die Erinnerungen weichen nicht, werden immer klarer; in jedem Seufzer des Windes hört er das Stöhnen Sterbender. Auch Therapie und, als Teil davon, die Arbeit an den Memoiren bringen das Unerträgliche nur zu real zurück; seine Ghostwriterin nimmt sich kurz vor Vollendung des Manuskripts das Leben. Dallaire macht weiter, ermutigt mit seiner Offenheit andere traumatisierte Soldaten, Hilfe zu suchen – und beendet das Buch.

Hätte der Völkermord verhindert werden können? Natürlich, schreibt Dallaire. Aber er verteidigt die UN, auch Annan. Die wahren Verräter und Mittäter sind für ihn die Staaten, „die internationale Gemeinschaft“, mit „ihrer Gleichgültigkeit, ihrem Eigeninteresse und ihrem rassistischen Denken“. Sich selbst aber hat der General längst schuldig gesprochen. Wegen „Unfähigkeit, New York von der Notwendigkeit des Handelns zu überzeugen“.

In Zeiten, da die EU bereits Soldaten in den Kongo geschickt hat, die Nato schon polnische Besatzungstruppen im Irak unterstützt und auch die Bundesrepublik „am Hindukusch verteidigt wird“, könnte die Geschichte vom Scheitern des General Dallaire aktueller nicht sein. Womöglich könnte sie sich sogar wiederholen.

 
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