Völkermord Der SelbstanklägerSeite 3/3

Der Zirkus von humanitären Helfern und Polittouristen, der jetzt ins Land einfällt, gibt ihm den Rest. Der beherrschte Bauchmensch Dallaire bekommt Wutanfälle, die ihn fast zerreißen. Eines Tages stürzen streunende Hunde, vom Leichenfraß fett geworden, sich auf eine kleine Ziege im Hof des Hauptquartiers; da dreht er durch, ballert sein gesamtes Pistolenmagazin leer. An diesem Tag beschließt er, um vorzeitige Rückversetzung zu bitten. Es ist der 3. August.

Ohne Ende, ohne Erlösung

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Die Jahre der Abrechnungen beginnen. Die UN weisen jede Verantwortung von sich; als unabhängige Kommissionen ihr Versagen nachweisen, wird schnell und halbherzig ein Tribunal gegründet. Die neuen Tutsi-Machthaber in Kigali, voll Verachtung, sühnen die Verbrechen auf ihre Weise: 1996 zerschlagen sie die Hutu-Lager im vormaligen Zaire, Auftakt zu einem Krieg, in dem Millionen sterben. Belgien, das Verstärkung hätte schicken können, macht dem Vorgesetzten der zehn ermordeten Blauhelme den Prozess – er wird in jedem Punkt freigesprochen. Nur Dallaire, der Moralist, klagt sich selbst an: ohne Ende, ohne Erlösung.

Nach Kanada zurückgekehrt, hat er sich erst mit Arbeit betäubt. Doch die Erinnerungen weichen nicht, werden immer klarer; in jedem Seufzer des Windes hört er das Stöhnen Sterbender. Auch Therapie und, als Teil davon, die Arbeit an den Memoiren bringen das Unerträgliche nur zu real zurück; seine Ghostwriterin nimmt sich kurz vor Vollendung des Manuskripts das Leben. Dallaire macht weiter, ermutigt mit seiner Offenheit andere traumatisierte Soldaten, Hilfe zu suchen – und beendet das Buch.

Hätte der Völkermord verhindert werden können? Natürlich, schreibt Dallaire. Aber er verteidigt die UN, auch Annan. Die wahren Verräter und Mittäter sind für ihn die Staaten, „die internationale Gemeinschaft“, mit „ihrer Gleichgültigkeit, ihrem Eigeninteresse und ihrem rassistischen Denken“. Sich selbst aber hat der General längst schuldig gesprochen. Wegen „Unfähigkeit, New York von der Notwendigkeit des Handelns zu überzeugen“.

In Zeiten, da die EU bereits Soldaten in den Kongo geschickt hat, die Nato schon polnische Besatzungstruppen im Irak unterstützt und auch die Bundesrepublik „am Hindukusch verteidigt wird“, könnte die Geschichte vom Scheitern des General Dallaire aktueller nicht sein. Womöglich könnte sie sich sogar wiederholen.

 
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