Frank Westphal ist Schnellsprecher. Wörter wie "Selbstorganisation", "Ganzheitlichkeit" und "osmotische Kommunikation" purzeln aus ihm heraus. Der 33-jährige Hamburger ist Trainer und Berater für "Extreme Programming". Doch wenn er über die Entwicklung neuer Software spricht, klingt das so: "Es geht um eine Veränderung der Kultur. Um einen Paradigmenwechsel." Das soll das Extreme Programming, kurz XP, leisten. Steckt dahinter lediglich eine neue Methode, eine Form der Gruppenorganisation oder eine ganze Philosophie?

"Es geht um die vier Grundwerte Kommunikation, Schlichtheit, Feedback und Mut", sagt Westphal. "Darauf bauen die einzelnen Arbeitstechniken auf, die wiederum alle so extrem wie möglich praktiziert werden." Das hätten wir doch gern ein bisschen konkreter. "Nun, der klassische Ablauf der Software-Entwicklung funktioniert von jeher nach dem gleichen Schema: Zuerst werden monate- oder jahrelang Pflichtenhefte verfasst, die schnell Telefonbuchdicke erreichen", erläutert Westphal. "Dann werden Designs erstellt, Baupläne gemalt, und erst danach sind die Programmierer dran, die schließlich den ganzen Kram haarklein umsetzen sollen, und zwar möglichst bis vorgestern." Ganz zuletzt komme der Kunde wieder ins Spiel, der nun das erste Mal begutachten könne, was da eigentlich gebastelt wurde. "Oft genug stellt er fest, dass er die Software in dieser Form gar nicht gebrauchen kann, weil er sich etwas ganz anderes vorgestellt hat. Oder weil die Wettbewerbssituation sich mittlerweile komplett geändert hat, oder, oder, oder."

Offenbar besteht ein großer Bedarf nach Erneuerung in der Software-Branche. Nirgendwo sonst ist das Scheitern so teuer und gleichzeitig so weit verbreitet. Die Marktforscher von Kienbaum schätzen, dass die Hälfte aller IT-Projekte der öffentlichen Hand fehlschlagen, in der freien Wirtschaft immerhin noch 40 Prozent. Oft bleiben nach jahrelanger Arbeit und Investitionen in Millionenhöhe lediglich Stapel unbrauchbar gewordener Dokumentationen und ein paar Schnipsel Programmcode übrig.

Das wollen die Verfechter des Extreme Programming nun ändern. Bislang wird die neue Methode in Deutschland von einigen hundert Programmierern praktiziert, mit steigender Tendenz. Die Extremprogrammierung soll dabei den Produktionsprozess von Software vom Kopf wieder auf die Füße stellen. "Bei XP verzichten wir ganz auf den theoretischen Überbau eines Pflichtenheftes. Wir halten die Wünsche des Kunden in Form von Storys fest", erläutert Westphal. Eine solche Story spielt nicht in höheren, abstrakten Gedankengefilden, sondern beschreibt eine konkrete Funktionalität in der realen Welt: Eine Chipkarte wird gelesen, eine Zugangsschranke öffnet sich, eine Kreditkartennummer wird abgefragt. Diese Geschichten werden auf altmodischen Karteikarten notiert und gemeinsam mit dem Kunden nach Geschäftswert geordnet. "Wir hatten sogar mal die Idee, statt Karteikarten Briefumschläge zu verwenden und den Kunden in jeden Umschlag genau die Summe Bargeld stecken zu lassen, die ihm diese eine Funktionalität wert ist", treibt Westphal den Gedanken auf die Spitze.

Das Wichtigste wird so quasi zwangsläufig zuerst erledigt und alles Nachrangige nach hinten geschoben. Sollte gegen Ende des Projekts die Zeit knapp werden, dann bleiben lediglich die unbedeutenderen Funktionen auf der Strecke. Der Kunde bekommt dann immer noch ein lauffähiges Programm, das zwar nicht alles hat, was er sich wünschte, mit dem er aber immerhin arbeiten kann.

Nach jedem Veröffentlichungszyklus, der so kurz wie möglich sein sollte, sortiert der Kunde seine Prioritäten neu. "Es ist auch schon vorgekommen, dass der Klient einzelne Karteikarten kurzerhand zerrissen hat", erzählt Westphal, "weil er im Laufe des Prozesses gelernt hat, dass diese Eigenschaften gar nicht benötigt werden."

Die herkömmliche Form der Software-Entwicklung orientiert sich eher am Modell des Hausbaus: Der Bauherr gibt die Pläne frei, schaut zwischendurch vielleicht ein paarmal vorbei und nimmt am Ende das Gebäude ab – oder eben auch nicht. Bei XP gehört der Kunde zum Team, darf sich sogar vor Ort herumtreiben, um in den Prozess einzugreifen. Dienstleister, die sich wünschen, ihre Auftraggeber ständig um sich zu haben – extrem ungewöhnlich.

Im Arbeitsraum eines Extreme-Programming-Teams herrscht ein lebendiges, permanentes Grundgemurmel. Bis auf die sprichwörtlichen Pizzaschachteln entspricht hier nichts dem Klischee vom Programmierer als blassem, kontaktscheuem Eigenbrötler, der sein Leben in selbstgewählter Einzelhaft vor Tastatur und Monitor verbringt. Noch auffälliger ist, dass an jedem Rechner zwei Personen arbeiten, die sich Tastatur, Maus und Monitor teilen. "Pair Programming" heißt dieses Doppelspiel, bei dem die Partner sich regelmäßig mit Schreiben und Gegenlesen abwechseln. "Die Qualität des Programmcodes wird dadurch einfach besser", sagt Jutta Eckstein. Die Münchnerin ist freie Beraterin und Prozesstrainerin für Extreme Programming. "Es handelt sich dabei um eine verschärfte Form des permanenten Reviews. Außerdem arbeitet jeder Einzelne konzentrierter, man lernt fortwährend voneinander, und es wissen immer mindestens zwei Leute über jede Stelle im Code Bescheid."