Um den lästigen Kerl loszuwerden, schaffte Margaret Thatcher in den achtziger Jahren kurzerhand die Selbstverwaltung für London ab. Tony Blair nannte ihn ein "Verhängnis" für die britische Hauptstadt - Labour warf ihn aus der Partei. Nun, kaum dreieinhalb Jahre nach dem Rausschmiss, kehrt Ken Livingstone in den Schoß der Partei zurück. Der Politiker, der im Mai 2000 als Parteiloser die erste direkte Wahl zum Oberbürgermeister Londons gewann, dürfte beim nächsten Wahlgang in einem halben Jahr als offizieller Labour-Kandidat antreten - und erneut siegen. Wenn seine Widersacher in der Partei nicht doch noch in letzter Minute einen Dreh finden, um die Aussöhnung zu hintertreiben. Ob Neil Kinnock, Labour-Chef in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren, ob Vizepremier John Prescott oder Gordon Brown, Schatzkanzler unter Tony Blair, sie alle schäumen vor Wut, wenn sie an das Comeback von Livingstone denken. Den halten sie nämlich für einen notorischen Quertreiber.

Livingstone, als Red Ken in die Politfolklore eingegangen, kommentierte die Aussöhnung mit jenem trockenem Humor, der eines seiner Markenzeichen ist: Sie sei wohl weniger seinem persönlichen Charme geschuldet als dem Wunsch Labours, sich bei der Wahl mit seinen Erfolgen als Oberbürgermeister zu schmücken. Womit er den Nagel auf den Kopf trifft. Wenn die Londoner in sechs Monaten wählen, wird niemand gegen ihn "anstinken" können, wie einer seiner Rivalen resigniert zugab. Ein anderer Labourkandidat hätte gegen Ken keine Chance. Eben deshalb schien es Blair und der Mehrheit im Labour-Vorstand ratsam, mit Livingstone Frieden zu schließen. Allemal besser, Labour siegt mit ihm, als ohne ihn eine peinliche Niederlage einzustecken. Der Premier fürchtet, eine Abfuhr in London würde negativ durchschlagen auf die Europa- und Lokalwahlen.

Red Ken hat seine Gegner einmal mehr ausgetrickst. Blairs Verwundbarkeit macht die Rückkehr in seine alte Partei möglich, in der ihn allen voran Finanzminister Gordon Brown als Rivalen fürchtet. Der einstige Linksaußen Livingstone machte nie einen Hehl daraus, dass seine Ambitionen über London hinausreichen. Die politische Szene in der Metropole beherrscht er nun seit zwei Jahrzehnten. Zugleich diente ihm London als Bühne, um sich als nationale Führungsfigur zu profilieren.

Livingstone ist eine eigentümliche Mischung aus asketischem, linken Volkstribun und napoleonischem Charakter mit einer ausgeprägten Neigung zum Personenkult. Den Dienstwagen verschmäht er, steigt dafür zum Volk in die U-Bahn. Aus dem Vollen aber schöpft er, wenn es um seine Machtposition geht.

Mit 400 Angestellten arbeiten ihm zwei Drittel des gesamten Personals der Greater London Authority direkt zu - 13 Presseoffiziere sorgen dafür, dass täglich Erklärungen des Oberbürgermeisters ausgestoßen werden, in diesem Jahr allein 14 zum Irakkrieg. Das Stadtparlament ist für ihn eine eher lästige Einrichtung, deren Mitglieder er gern im Dunklen belässt.

Kontrovers ist Livingstone immer gewesen. An ihm scheiden sich die Geister wie an keiner anderen politischen Persönlichkeit. Die einen bewundern seine Cleverness und sein hoch entwickeltes Talent zur Selbstdarstellung. Andere sehen in dem 56-Jährigen mit dem sarkastischen Dauergrinsen einen machthungrigen, illoyalen Egomanen. Einig sind sich Bewunderer und Verächter nur in einem: Livingstone ist nicht unterzukriegen. Wie der jüngste Friedensschluss mit Blair erneut beweist.

Erleichtert wurde die Aussöhnung dadurch, dass sich Livingstone in seiner Bürgermeisterrolle wieder Erwarten nicht als linker Bürgerschreck erwies. Der Rote Ken kam eher rosa daher, entpuppte sich als wendig und überraschend pragmatisch. Fast im Stil eines Vertreters des Blairschen "Dritten Wegs" pflegte er gute Kontakte zum Business und zu britischen Stararchitekten wie Norman Foster und Richard Rogers. Den begrenzten Handlungsspielraum seines Amtes nutzte Livingstone zu einigen vernünftigen Initiativen. Gegen den nationalen Trend gelang es ihm, die Zahl der Busbenutzer zu steigern, indem er Preise senkte und neue Linien einführte (Das Loch im Stadthaushalt hat die Blair-Regierung zu stopfen). Die Einführung der congestion charge, einer Maut von fünf Pfund pro Tag für jeden Autofahrer, der ins Zentrum Londons fährt, heimste ihm den Respekt Blairs ein. Vorab hatten viele den Plan als politisch selbstmörderisch abgetan. Jetzt verfolgen verkehrsgeplagte Großstädte rund um den Globus gespannt den Ausgang des Experiments. Die Ironie der verkehrspolitischen Maßnahme: Ein ehemaliger Trotzkist entlastet die verstopften Straßen der Londoner Innenstadt, auf denen nun die Autos der Reichen, für die fünf Pfund ein Klacks sind, ungestörter dahingleiten können.