Jan Kirsch für einen rheinischen Karnevalisten zu halten, nur weil ihn manche als personifizierte Rübe bezeichnen, wäre ein etwas vorschnelles Urteil. Der Landwirt aus Kerpen bei Köln gehört ganz im Gegenteil zu den Weisen seiner Zunft. Schließlich hat er schon vor vielen Jahren erkannt, dass die Zuckerrübe nicht nur gehegt und gepflegt werden will, wenn sie den Bauern zu einem ordentlichen Einkommen verhelfen soll; Kirsch weiß auch genau, dass die kegelförmige Frucht nur dann auf deutschen und anderen europäischen Äckern gedeiht, wenn sie vor billigem Zuckerrohr geschützt wird, das in vielen tropischen Ländern heranreift. Dem Rübenschutz hat sich der hoch gewachsene 63-Jährige deshalb ebenso verschrieben wie der Rübenzucht auf seinen eigenen Äckern.

Eine kleine Stube auf seinem inmitten von Rübenfeldern gelegenen Hof, ausgestattet unter anderem mit einem handgemalten Rübenbildnis und einer Flasche Rübenschnaps, dient Kirsch als Denkzentrale. Von dort stürzt sich der Verbandschef aller rheinischen Rübenbauern, der Vorsitzende des Vereins sämtlicher fünf deutschen Rübenanbauerverbände und Vizepräsident des Internationalen Verbandes Europäischer Rübenbauern in den globalen Kampf, der um die "Königin der Feldfrüchte", wie Kirsch gern sagt, entbrannt ist.

Tatsächlich hat es die Rübe zum Zankapfel der großen Politik gebracht. Genauer ist es eine Rechtsakte aus Brüssel, die Anlass hitziger Debatten rund um den Globus ist; sie trägt die Nummer 1260/2001 und heißt "Gemeinsame Marktorganisation für Zucker". Um dieses 31-seitige Gesetz nebst sieben Anhängen tobt Streit zwischen reichen Rübenländern und armen Rohrnationen, zwischen Zuckerproduzenten und Zuckerverbrauchern, zwischen Leuten wie Jan Kirsch und beispielsweise Tobias Bachmüller, dem Chef von Katjes. Ebenso wie die Hersteller von Limonade, Schokoweihnachtsmännern oder Printen würde er den Zucker für seine Fruchtgummis und Lakritzkätzchen gern billig einkaufen, was ihm das europäische Rübenreglement aber verwehrt. Statt für rund 180 Euro, den Weltmarktpreis für eine Tonne Zucker, muss Bachmüller das süße Zeug deshalb für 720 Euro einkaufen. Bachmüller findet, das sei ein Skandal – genauso wie die brasilianischen Zuckerhersteller, die ihren Stoff gern billig an ihn verkaufen würden. De facto werden sie ihren Zucker in Europa aber nicht los.

Schuld daran sind Quoten und Mindestpreise, Produktionsabgaben und Ergänzungsabgaben, Ausfuhrerstattungen und Exportverpflichtungen, Zölle und Sonderzölle, Präferenzregeln und Sonderpräferenzregeln – ein filigranes Geflecht von Bestimmungen, mit denen Europas Agrarpolitiker hiesige Rübenbauern und Zuckerfabrikanten vor Konkurrenz verschonen. Sogar die Rübe selbst, Beta vulgaris, haben sie der Logik ihrer Marktordnung geopfert; die gemeine Rübe kennt das Regelwerk nicht einmal. Stattdessen wachsen in Europa laut Zuckermarktordnung ausschließlich A-, B- und C-Rüben. Biologisch sind sie identisch, ökonomisch betrachtet vollkommen verschieden.

Selbst mancher Rübenbauer findet, das sei "der helle Wahnsinn".

Wahnsinn im Dienst der Rübe: A-Rüben werden zu A-Zucker, dessen Absatz Europa zu hohen Preisen garantiert; dafür müssen die Zuckerfabriken A-Rüben teuer einkaufen. BZucker ist mit einer weniger großzügigen Preisgarantie ausgestattet; entsprechend billiger sind B-Rüben. Zucker und Rüben, die weder der Kategorie A noch B angehören, tragen das Initial C. C-Zucker setzt die Zuckermarktordnung gnadenlos der Konkurrenz des Rohrzuckers aus. Ohne Staatsstütze muss er exportiert werden – während der Export jener Chargen A- und B-Zuckers, die in Europa keinen Käufer finden, subventioniert wird. Mit der Welthandelsorganisation WTO haben die hiesigen Zuckerpolitiker bis auf die Stelle hinterm Komma vereinbart, wie viel des teuren Vorzugszuckers sie ausführen – und wie viel sie sich das kosten lassen dürfen: maximal 499,1 Millionen Euro pro Jahr. Vor fremdem Zucker schützen sich die Europäer derweil mit Zöllen in Höhe von mehr als 500 Euro pro Tonne. Alles klar?

Das ABC der Rüben machte teuren europäischen Zucker jedenfalls zu einem Exportschlager – und 56 Zuckerunternehmen sowie rund 270000 Rübenbauern reich. Das Einkommen dieser Minderheit, 4 Prozent aller Landwirte, liegt um das 1,7fache über dem der übrigen Betriebe. Wer keine Lizenz zum Rübenanbau hat, blickt deshalb neidisch auf die Kollegen Rübenbauern.